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Autoren: Judith Vogt und Christian Vogt

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Kathrin Dodenhoeft

Umschlaggestaltung und Satz: Oliver Graute

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© Feder&Schwert 2016

E-Book-Ausgabe 2016

ISBN 978-386762-276-9

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-86762-275-2

Die verlorene Puppe ist ein Produkt der Feder&Schwert GmbH.

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

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Vorwort

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Geneigte Leserinnen und Leser,

begleiten Sie uns in ein 19. Jahrhundert, das anders ist als das uns bekannte. Eine Eiszeit beherrscht Europa seit Jahrhunderten. Die Menschen hoffen auf die Wunder der Wissenschaft, setzen auf den Luftschiffhandel und vertrauen der industriellen Revolution – trotz all ihrer finsteren Auswüchse –, um der Kälte zu trotzen.

Wo im Norden Gletscher Skandinavien unter sich begraben haben, ragen in Ægypten Pyramiden inmitten eines Blumenmeers auf. Über den Süden Afrikas sind in Europa nur Legenden bekannt, und die Existenz eines Erdteils westlich des Atlantiks ist nicht mehr als ein Gerücht.

Wenn Sie noch mehr Geschichten in unserer Welt erleben wollen, werfen Sie doch einen Blick in die bisherigen Veröffentlichungen zu dieser Welt:

Die zerbrochene Puppe (Roman)

Eis und Dampf (Kurzgeschichtenanthologie)

Eis & Dampf (Rollenspiel)

Die grüne Fee (Groschenheft)

Wir danken allen Beteiligten, die ihr Herzblut, sei es in Form von Kurzgeschichten, Abenteuern oder Illustrationen, in Eis & Dampf investiert und damit diese Welt mit Leben gefüllt haben. An dieser Stelle danken wir des Weiteren den Olivers, Kathrin und Patric dafür, dass sie erneut ein Projekt mit uns wagen, sowie den Testlesern André, Mia, Marc und Lydia.

Staunen Sie nun über die Vorstellung eines fliegenden Zirkus und entschlüsseln Sie eines der letzten Geheimnisse der bekannten Welt. Stellen Sie sich mit uns die Frage: Was wäre, wenn die Besuchten zu Besuchern würden? Manege frei!

– Judith und Christian Vogt

Dramatis Personae

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Die Artisten des Circos:

Pablo Cervantes Diaz – Zirkusdirektor des Circo Apocalástico

Ferenc Badi – Artist auf dem Seil und am Trapez

Yue – chinesische Artistin auf dem Seil und am Trapez

Selma – bärtige Dame und Wahrsagerin

Herr Iko – venezianischer Magier und Herr der Blitze

Michel und seine beiden Schwestern – französische Artisten zu Pferde

Jeevan – indischer Mammutdompteur

Kesmir – Handlanger und Koch im Zirkus

Tigro – Selmas Sohn, Handlanger im Zirkus

Pedro – zwölfjähriger Luftschiffsjunge

Anquntu – angsteinflößende Messerwerferin

Gran Agosto – der stärkste Mann der Welt

Fernando – die lebende Kanonenkugel

Moritz Smið – der Badenser, schluckt und spuckt lebendes Kleingetier

Jorge – das wandelnde Ein-Mann-Orchester

Rana – das Mammut, Letztes seiner Art und Kostbarkeit des Circos

Die Männer aus Tawantinsuyu, genannt Tawamänner

Guaman – der Anführer der Tawamänner, genannt Worte

Uritu – genannt Schönzahn

Cuntur – genannt Meterhoch

Sechs weitere Tawamänner, darunter Froschauge und Katzenohr

Die Friesen

Tomke Haukesdottir – Kapitänin der Fryske Frijheid

Naðan von Erlenhofen – Tomkes Mann, Maler

Onnen – genannt der Fette Onnen, Æronaut

Bjarne, Đomas, Jonte – Æronauten an Bord der Frijheid

Tamme – Navigator der Frijheid

Imke – Kesselfrau der Frijheid

Hark – genannt der hagere Hark, Æronaut mit künstlichem Arm

zwei Dutzend weitere friesische Æronauten

Die Tsirokie

Maðilda – Entdeckerin Vinlands

Salal – Anführer des Jagdtrupps

und seine vierzehn Begleiter

Die Mexica

Tochtli – Wortführer der Mexica-Soldaten, genannt der General

Pilli Cuauhtl – der Kazike (Verwalter) der Festungsstadt

Eloxochitl – der oberste Herrscher, Uei Tlatoani, der Mexica

Sonstige

Nikola Tesla – bedeutender Erfinder, seit sieben Jahren verschollen

Enrico Fermi – Elementarteilchenphysiker auf Abwegen

Mr Hayes – ænglischer Botschafter in Lissabon

Nashide – eine lybysche Kunstreiterin

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Man hat den Vorschlag gemacht, dass wir jede Nervenzelle des Gehirns durch einen Siliziumchip ersetzen könnten, der alle dieselben Funktionen erfüllt. […] Dieser Zombie hätte nach Ansicht mancher auch Bewusstsein.

– Benjamin Libet

Prolog:

Das Glück ist eine untreue Gespielin

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Wie glücklich fühlten sie sich, als sie ihr Schiff noch an Ort und Stelle vorfanden, in den Kavernen dieser Küste, am Ende einer Welt, die so viel größer ist, als sie es vermutet hatten?

Doch kaum hat das Glück ihnen diesen Gefallen erwiesen, verliert es das Interesse und wendet sich ab. Nein, mehr noch, es dreht sich noch einmal um und spuckt ihnen mit einem verächtlichen Lachen ins Gesicht.

Wie die Liaison mit dem Glück, so ist auch das Schiff in einer plötzlichen, heftigen, unwägbaren Flut an den Klippen zerschellt, bevor sie darin das offene Meer erreichen konnten. Informationen von größtem Staatsinteresse, die in die Heimat hätten gelangen sollen, sind mit den Seefahrern auf einem fremden Kontinent gestrandet.

Alle neun Männer – fünfzehn waren sie bei ihrer Ankunft gewesen, doch Krankheiten und Verletzungen hatten ihren Tribut gefordert – haben das Unglück überlebt und sich durchnässt und erschöpft an die Küste gerettet.

Wind, Sturm, Eis, Strömungen – sie vergällen die Schifffahrt hier an den Küsten Europas. Die neun Männer sammeln, verbergen und beraten sich. Weder Glück noch Schiff sind nun noch Teil der Expedition, und wenngleich sie Jahre der Beobachtung und der Studien hier verbracht haben, drängt die Zeit, und es muss von hier aus weitergehen!

Lärm reißt ihren Anführer aus seiner Lethargie. Wenig hat er retten können, aber die Waffen sind darunter, und die schwache Sommersonne hat sie am Tage getrocknet.

Nun ist es Nacht, und als er über die Kämme der Dünen späht, sieht er bunte Lichter und ein Zelt von irrwitzigen Ausmaßen. Er hat so etwas schon gesehen und weiß, dass dies kein Zelt ist, um darin zu nächtigen.

In den Dünen des Baskenlandes findet ein großes Spektakel statt – ein Zirkus ist dort gelandet. Der Krieger beobachtet. Er nimmt nicht nur das Zelt und kleine Gehege für Tiere zur Kenntnis – mit einer Gashülle, die das Ausmaß des Zelts noch einmal übertrifft, ist auch ein fliegendes Schiff mit zahlreichen Seilen gegen den Griff der wankelmütigen Winde am Boden vertäut, ebenso bunt gestreift wie das Zelt.

Der Krieger lächelt und kehrt zu seinen Begleitern zurück.

Lärm und Licht flackern hinter ihm zu neuer Kraft auf: Vielleicht der reumütige Kuss einer einstigen Geliebten?

Fahrtenbucheintrag [5. Juni 905 A. N.]

Am nördlichen Gletscher entlang. Wie angenommen ist das Wetter abscheulich. Stürme, Schnee … Vielleicht sterben wir auch einfach alle.

– T. H.

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Apocalástico

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Nummer: Manege frei

Damen und Herren, liebe Kinder! Willkommen! Ich sehe, ihr reibt euch ungläubig die Augen – doch traut ihnen ruhig. Was ihr hier seht, existiert nur hier, hier im Zirkus, und nur für euch! Erlebt waghalsige Akrobaten, schlangengleiche Mädchen, zersägte Jungfrauen, bärtige Damen, Zauberer und Hellseher, eine Messerwerferin, schwarz wie die Nacht – und erst die Tiere! Ein Mammut, das letzte seiner Art, aus den Weiten des Ewigen Eises des Zarenreichs! Der Mund wird euch offen stehen am heutigen Abend, und wenn ihr gefragt werdet, wie es euch gefallen hat, werdet ihr nur sagen können: Fantástico! Fabuloso! Apocalíptico! Denn ich, Damen und Herren, werte Kinder, bin Pablo Cervantes Diaz, und dies hier ist mein fliegender Zirkus, der Circo Apocalástico!“

Der geforderte Applaus folgte, noch ehe die letzte, langgezogene Silbe verklungen war – begeistert zwar, doch angesichts der Tatsache, dass die aufstrebenden Sitzreihen des hölzernen Gradins nicht einmal zur Hälfte gefüllt waren, wirkte er ein wenig schmalbrüstig. Nur ein paar baskische Bauernfamilien hatten ihren Weg hierher gefunden, und das, obwohl der Eintrittspreis wenig mehr als den sprichwörtlichen Apfel und das Ei betrug.

Pablo Cervantes Diaz war alles andere als schmalbrüstig, ein Mann mit breiten Schultern, über denen der ein wenig abgewetzte Stoff des schwarzen Fracks spannte. Schwarz waren auch seine Haare und der Schnauzbart. Seine Augen waren wie Kohlen, in die man nur einmal hineinpusten musste, damit sie aufglühten in der einzigen Leidenschaft, die dieser Mann kannte: der Leidenschaft für den Circo.

Die Stimmung, die von den bedauerlich wenigen Zuschauern in den Sattelgang im hinteren Teil des Zelts schwappte, war jedoch weit besser als in Gibraltar, als Diaz sich in seinem Patriotismus ein wenig verausgabt hatte (war die Stadt doch vor kurzem an die ænglische Krone verhökert worden).

Der Vorhang, durch den ich gelugt hatte, bewegte sich kaum, als Yue aus der Manege kommend hindurch- und an mir vorbeischlüpfte. Sie war der Grund, warum Männer, Frauen und Kinder sich schon bei Diaz’ Rede die Augen gerieben hatten. Zu Beginn seiner feurigen Ansprache kroch sie kopfüber von einem Seil herab, das von der Zeltspitze auf den Manegenboden hing, verdrillte und entwirrte sich dabei mehrmals und endete schließlich als menschlicher Knoten vor Diaz, dem sie mit ihren gelenkigen Füßchen Wein aus einer kleinen Flasche in ein Glas füllte, das er in der Linken hielt.

Mir wurde stets schwindlig von diesem Anblick. Noch schwindliger wurde mir höchstens davon, dass ich seit einigen Wochen ihr Partner auf dem Seil und am Trapez war. Als Mann stand ich im Schatten ihrer schillernden Erscheinung. Ich durfte mit ihr auf dem Hochseil tanzen, sie heben, herumwirbeln und am Trapez auffangen. Während der Nummern strahlte sie; das Lächeln lag auf ihrem herzförmigen Gesichtchen wie der Ausdruck einer Puppe – doch es galt nicht mir. Sie lächelte, wenn sie sich wie ein Kleidungsstück um meinen Leib wickelte und nur mit ihren Knöcheln an meinem Hals festhielt. Sie lächelte, wenn ich am Trapez ihre schmalen Handgelenke fasste, doch nun schlich sie durch den Sand auf ihre Position, und ich war Luft für sie.

Ich seufzte.

Dass mir ihr Lächeln so viel bedeutete, war höchst unprofessionell. Diaz verbat sich Liebeleien unter seinen Artisten, und ich wusste aus Erfahrung, dass er recht damit hatte. Schlimmer war eigentlich nur eine Liebschaft zwischen Artisten zweier konkurrierender Schausteller, wenn wir beispielsweise annehmen würden, im zweigeteilten Budapest würde sich ein junger Roma vom Badi-Clan in eine lybysche Kunstreiterin verlieben und damit die Ehre seines Zirkus in den Schmutz … Ach, lassen wir das. So romantisch, wie es sich anhört, war es gar nicht.

Yue schlüpfte hinter ihre spanische Wand, und jeder im Sattelgang wusste, dass sie sich dort den schwarzen Hauch von Nichts auszog, um ihn durch einen schuppig-buntschillernden Hauch desselben zu ersetzen. Ihre bloßen Füße, die unter der spanischen Wand zu sehen waren, hinterließen kaum eine Spur auf dem Sand. Ich schluckte.

Ein Ellbogen bohrte sich in meine Rippen.

„Du starrst, Schätzchen“, murmelte Selma durch ihren buschigen schwarzen Bart. Ich wandte rasch die Augen von den Füßchen ab, die sehr bald wieder um meinen Hals liegen würden … Grundgütiger, wer hätte da nicht gestarrt!

Herr Iko jedenfalls, so stellte ich fest, als ich meinen Blick zwang, sich zu lösen und über meine erwartungsvollen Mit-Artisten zu schweifen, starrte ebenfalls, und das, obwohl seine Apparate regelmäßig während der Vorstellung fehlzündeten und Diaz ihm eingeschärft hatte, jede freie Minute darauf zu verwenden, sie zu überprüfen. Herrn Ikos Lippen bewegten sich, und ich wollte gar nicht wissen, was er vor sich hin flüsterte. Der schmale Mann, dessen dunkler Anzug einige Brandflecke aufwies, wirkte mit seinem feinen, geölten Schnurrbart und akkuratem Haupthaar wie ein ænglischer Gentleman. Sein Gebaren glich jedoch eher dem eines vergeistigten Professors, weswegen mich der plötzliche Blick, den er in Yues Richtung warf, umso mehr verstörte; wer konnte schon sagen, welche Art von Hunger ein solcher Mann hegte?

Da preschten die Pferde zwischen Iko und seinen auf Rollgestellen montierten Apparaturen durch den Sattelgang. Der Vorhang öffnete sich, um sie hinaus ins Rund zu lassen, die Zuschauer klatschten, einige warfen gar ihre Mützen hoch und fingen sie wieder auf, und Diaz schrie mit seinem wirklich erstaunlichen Organ über die trampelnden Hufe und das feurige Wiehern hinweg. Die Mütze eines kleinen Jungen landete aus Versehen im Sand der Manege.

„Aus der asiatischen Steppe – mongolische Hengste!“, brüllte Diaz, verbeugte sich mit aller Ausführlichkeit (er vergaß nicht einmal den Wirbel mit dem rechten kleinen Finger), während die drei französischen Artisten unter Führung von Michel auf den schwarzen Tieren hin und her turnten. Sie trugen Felle, Pelzmützen und wenig mehr als Lendenschurze – bei Michels Schwestern bedeckte zudem ein Fellstreifen die Brust. Ihre Haut war gelblich bemalt, und Kohlstift hatte ihre Augen zu Schlitzen verlängert. Eine wilde Horde … Froschfresser. Ich musste stets grinsen, wenn ich den arroganten Michel mit seinen nicht weniger arroganten, aber sehr viel ansehnlicheren Schwestern sah, doch das Publikum staunte.

Yue, die einzige Asiatin an Bord des Circo Apocalástico, weigerte sich, auf Pferden zu turnen. Sie sei nicht gut mit Lebewesen, sagte sie – und ich war froh, dass sie für mich eine Ausnahme machte.

Die trampelnden Hufe der Rappen erfüllten das Zelt mit Donnern, die Zuschauer ließen gefällige Ahs und Ohs hören, und Yue trat in ihrem glitzernden Schuppenanzug hinter der spanischen Wand hervor. Sie sah zu mir herüber und nickte – mehr nicht, es war eine Bestandsaufnahme, dass sich ein Utensil, das sie für ihren Auftritt benötigte, an Ort und Stelle befand. Herr Iko fummelte wieder an seinen Apparaturen herum. Beiläufige Worte mit dem seltsamen Kerl zu wechseln war müßig, er schien selten in der Stimmung, über Alltägliches zu sprechen – von daher umgab ihn stets eine Insel der Stille, die er nur selbst unterbrach, um Dinge mitzuteilen, die keiner von uns verstand. Meist hatten sie mehr mit Zahlen zu tun, als mir lieb war, denn ich habe nie viel rechnen müssen in meinem Leben.

Durch den Lärm im Rund des Zirkuszelts wäre mir beinahe entgangen, dass einige Meter hinter mir etwas Großes mit metallischem Klirren zu Boden fiel – dort, wo die Artisten sich schminkten, wo Jeevan, der Dompteur, das Mammut beruhigte, wo alle Nerven blanklagen. Herr Iko fuhr herum, und eher das als das Geräusch selbst erregte meine Aufmerksamkeit. Ich folgte Ikos Blick: Tigro und Kesmir hatten auf einem wackligen Schminktisch an dem bronzenen Maschinenteil herumgefuhrwerkt und es fallen gelassen.

Die zwei waren mit Pedro, unserem menschlichen Äffchen, die einzigen aus der Truppe, die nicht in der Manege auftraten – und natürlich machten sie sich anderweitig unentbehrlich: Nur Tigro wusste, wie das Zelt sich am schnellsten und ungefährlichsten errichten ließ, außerdem reparierte er das Luftschiff, das ständig Ausbesserungen benötigte. Kesmir verstand Ikos Anweisungen, wenn es darum ging, die Bogenlampen der Lichtanlage auszutauschen, und bekochte uns. Pedro fütterte die Tiere, außerdem hatte er die Kontrolle darüber, wann es welche Seile wie zu spannen, zu schwingen und zu straffen galt. Ohne den kleinen Burschen, der wie ein Affe im Gestänge des Zirkuszelts herumkletterte, wäre ich längst tollkühn verstorben, mit Manegensand im Mund.

Tigro war ein freundlicher Kerl, der Sohn der bärtigen Dame Selma, doch beide ließen sich diese Verwandtschaft nicht anmerken – nicht einmal einen Bart trug Tigro. Sein linkes Bein war kürzer als das rechte, und ein seltsames Schweigen war eingetreten, als ich an meinem ersten Tag im Circo gefragt hatte, warum er nicht als Dummer August arbeite.

„Hier gibt es keinen Dummen August“, hatte Tigro schließlich gesagt. Kesmir war Türke, doch er war trotz seines gewaltigen geölten Barts nicht als säbelschwingender Exot oder gar osmanischer Messerwerfer geeignet – er war rundlich, friedfertig und gemütlich, ohne jegliche Befähigung zum Drama und bereitete uns jeden Dienstag ein phantastisches Soufflé zu. Die beiden beschäftigten sich in den vergangenen zwei Tagen fieberhaft mit den rätselhaften Bronzeteilen, die wir am felsigen Gestade des Atlantiks gefunden hatten.

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Altertümlich hatten die Trümmer ausgesehen und trotzdem wie die Teile einer Maschine. Auch eine metallene Verschalung war uns am Strand in die Hände gefallen, angespült von den peitschenden Wellen des ungezähmten Ozeans. Muster waren darauf geprägt, vielleicht ins Metall getrieben. Augen starrten uns entgegen, aufgerissene Münder, Gesichter gekrönt von Tierschädeln … Was hatten wir da gefunden? War es alt, wie die Ruinen des mystischen Trojas, von dessen Entdeckung vor kurzem jedermann gesprochen hatte? Alt wie die Schätze in den Pyramiden Ægyptens? Vielleicht entstammten die Trümmer gar Ruinen aus den Tiefen des Ozeans, von Meermenschen oder Atlantern? Herr Iko hatte nur den Kopf geschüttelt und uns gefragt, wie wir glaubten, dass man Bronze unter der Meeresoberfläche herstelle, und zudem sei das Metall nicht älter als einige Jahre. Wie er so etwas wissen konnte, hatte ich mich gefragt, jedoch nicht gewagt, ihn zu fragen. Vielleicht waren die geheimnisvollen Trümmer auch vom grünen afrikanischen Kontinent zu uns gekommen? Doch auch Anquntu, die verrückte Messerwerferin der Truppe – ein schwarzes Weib mit erschreckend spitzen weißen Zähnen, das gern irr mit den Augen rollte, was uns in unsere Träume verfolgte – erkannte die Bilder darauf nicht.

Es war auch mein Verdienst gewesen, dass wir die fremdartigen Überreste gefunden hatten: Das Luftschiff hatte unweit der Küste festgemacht – trotz der wild tobenden Winde nah am Ozean, was weder für das Luftschiff Apocalástica noch für das gleichnamige Zirkuszelt Gutes verhieß. Doch keiner der Bauern hatte uns eine ebene Fläche zur Verfügung stellen können. Zu dieser Jahreszeit stand alles, was sie vor dem viel zu kurzen Sommer ausgesät hatten, bereits hoch, und so hatte man uns genötigt, in den Dünen unser Habitat aufzubauen. Immerhin würde der nächste Halt in Santander sein, und das hörte sich nach einer richtigen Großstadt an. Wir waren hier an der Küste der kantabrischen See nicht der vollen Wucht des Atlantiks ausgesetzt, der Golf von Biskaya nahm dem Ozean ein wenig die Kraft. Trotzdem war es ein raues Land, schon zu weit nördlich, um von der Kälte verschont zu werden, und die letzten Hagelschauer des Junis machten uns schwer zu schaffen beim Aufbau des Zelts.

Kesmir hatte unseren Speiseplan, der immer weniger abwechslungsreich geworden war, je weiter wir uns von den großen Städten des Südens – Gibraltar, Sevilla, Madrid – entfernt hatten, durch Fisch aufbessern wollen und gefragt, wer von uns sich nicht vor dem Wasser scheue. Ich war der Neugierde halber mitgekommen – wusste ich, ob ich mich vor dem eisigen Atlantik scheute, wenn ich nie zuvor an seinem Ufer fischen gewesen war?

Doch statt Meeresgetier waren Trümmerstücke in unseren billig geflickten Netzen hängengeblieben. Rätselhafte Trümmerstücke, und die Fratzen darauf und die seltsame Mechanik darin bereiteten niemandem von uns ein gutes Gefühl.

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Die bärtige Selma fluchte zischelnd in Richtung der Unruhestifter, was ich nur hörte, weil ich unmittelbar neben ihr stand. Mit hochgezogenen Schultern hoben die beiden das Metallgestell wieder auf und legten es vorsichtig im beharrlich unter den Planen hereinwehenden Dünensand ab. Tigro zwinkerte mir zu, und ich grinste – keiner der Zuschauer würde Lärm hinter der Bühne bemerken, dazu war das gerade stattfindende Schauspiel zu laut. Jorges Musik peitschte die Pferde auf, flirrend bewegten sich Schatten vor dem schweren Vorhang. Der Zauber der Manege.

Ich hob die Schultern, und Tigro wich ein wenig vor dem bronzenen Trümmerstück zurück. Ein anderer Zauber jagte mir einen Schauer über den Rücken, aber keinen von der guten Sorte. Im Zirkus war man abergläubisch.

Hatte ich nicht bei Pablo Cervantes Diaz angeheuert, nachdem die bärtige Selma in den Karten gelesen hatte, mein Schicksal sei es zu fliegen? Fliegen – am Trapez oder mit dem Luftschiff des Zirkus, das war mir egal. Ich hatte ihr gern geglaubt, das Fliegen sei dem Betteln vorzuziehen.

Ich hatte den Badi-Clan mit dem Vorsatz „Nie wieder Zirkus“ verlassen, den ich rasch hatte verwerfen müssen, denn nur Leute wie Diaz rissen sich um Roma wie mich. Ich wusste nicht, welche Besonderheit ich hatte, dass man mich in jeder Stadt sofort „Zigeuner“ genannt hatte. Manche hatten gesagt, das erkenne man an der Nase – und mir die Tür vor selbiger zugeschlagen. Wie alle Fahrenden hatte ich einen durch und durch bürgerlichen Namen – Ferenc Badi –, und trotzdem half es auch nichts, mich in Francesco Badi umzubenennen. Zigeuner war eben Zigeuner, und offenbar taugte man als solcher nur für Jahrmarkt und Zirkus.

Nun war ich jahrelang mit dem berühmten Badi-Zirkus herumgezogen, einer, wenn man den Leuten glauben mochte, kinderstehlenden Bande von Flohdompteuren und Mäusemelkern. Es gab nur eine Sache, die schlimmer war als das Zirkusleben, soviel wusste ich, und das war der Jahrmarkt.

Zirkus also, hatte ich gedacht, als Diaz nach neuen Artisten suchte, und gleichzeitig mit mir war noch eine ganze Handvoll weiterer Akrobaten, Helfer und Schaukämpfer zu Diaz’ Truppe gestoßen.

Alteingesessene wie die bärtige Selma, das Wiesel Fernando – der sich aus dem Kanonenrohr abschießen ließ – und Gran Agosto – der stärkste Mann der … nun, vermutlich zumindest der baskischen Dünenlandschaft – sahen immer noch ein wenig auf uns Neuankömmlinge herab. Den verwirrten Herrn Iko, der immerhin bereits seit dem Aufenthalt in Venedig mit an Bord war, schienen sie allerdings trotz seiner Marotten schon als Stammmitglied in die Arme geschlossen zu haben.

Meine wenig edle und doch vielversprechende Abstammung von den berühmten Badi, die bereits Jahrhunderte zuvor indische Maharadschas begeistert hatten, brachte jedoch immerhin Tigro und Selma dazu, mir bereits mehr Sympathie entgegenzubringen als dem arroganten französischen Akrobaten Michel und seinen beiden Schwestern. Diese kamen soeben mit fliegenden Haaren und Mähnen wieder hinter die Bühne geprescht, die Musik verharrte auf einer schrillen Note und flaute dann ab – durch den Lärm in der Manege hatte ich das Akkordeon, die Tröten und Trommeln unseres Einmann-Orchesters Jorge kaum noch gehört.

Michel sprang aus dem Sattel und warf mir die Zügel zu.

„Abreiben“, befahl er in seinem schrägen Spanisch, und ich lächelte schmal und antwortete: „Ich bin selbst gleich dran.“

Er zuckte nur die Achseln, warf je einen Arm um seine Schwestern und drückte ihnen Küsse auf die Wangen. Er pries sich und sie auf Französisch und schritt mit ihnen hinter die Trennwände.

„Trou de cul“, sagte ich, und der Rappe schnaubte mir weißen Speichelschaum entgegen. Tigro nahm mir die Zügel aus der Hand. Er schmunzelte.

„Ich mache das“, sagte er, als hätte ich auch nur überlegt, die Arbeit zu übernehmen – dazu war ich im Moment gar nicht in der Lage. Nicht nur meine Abneigung gegenüber dem Franzmann, sondern auch das Lampenfieber, an das ich mich nie würde gewöhnen können, hielt mich an Ort und Stelle, und meine Knie zitterten.

Yue wandte sich vom an den Rändern bereits erblindenden Spiegel auf dem größeren der beiden Schminktische zu mir um. Die Frauen halfen sich für gewöhnlich gegenseitig mit den Frisuren und der Schminke, doch auch dabei blieb Yue lieber für sich. Sie hatte sich Arme und Hals mit breiten, perlmuttschimmernden Schuppen beklebt. Ihr Anzug war auch dicht mit Schuppen bestickt, und ihr Haar, zu einem festen Knoten gebunden, glänzte, als sei sie gerade aus dem Wasser getaucht. Ihre Mandelaugen lagen feurig unter der abenteuerlich-grünen Farbe auf ihren Lidern, auf ihrem kleinen Mund bildete der Lippenstift ein rotes Herz. Ich starrte sie an, und sie trat Schritt für Schritt näher, bis sie direkt vor mir stand. Sie lächelte nicht.

„Bist du soweit?“

„Wann … wann sind wir dran?“

„Kesmir montiert in der Spitze das Seil um. Lass uns hochgehen.“

Ich versuchte, von einem Fuß auf den anderen zu treten, doch selbst dazu war ich zu gelähmt.

„Ich … kann nicht.“

Sie verzog den herzförmigen Mund. Ihr Blick war kalt.

„Schon wieder? Das Gleiche hast du in Gibraltar behauptet. In Madrid auch, und dabei sagst du, du machst das schon dein ganzes Leben lang.“

„Ja, und denk dir nur: Dabei geht es mir immer so“, gab ich zu.

Einer ihrer Mundwinkel hob sich.

„Ferenc“, seufzte sie. Wir sprachen Spanisch. Es war nicht unsere Muttersprache, aber die des Zirkus’. Yue besaß einen größeren Wortschatz, sprach aber mit ausgeprägterem, wenn auch lieblichem Akzent. Meinen Namen betonte sie auf eine Weise, die mir einen wohligen Schauer über den Rücken sandte. „Wehe, du lässt mich hängen“, fuhr sie erbarmungslos fort.

„Hängen lassen soll er dich, Schätzchen“, warf Selma ein und gab mir einen Klaps auf die Schulter. „Fallenlassen wäre schlecht.“

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Von oben sah das Mammut noch kleiner aus. Ich fand ohnehin, dass es eine eher bescheidene Größe besaß, doch bei dem Letzten seiner Art durfte man nicht wählerisch sein. Besonders die Kinder waren begeistert, und der Dompteur Jeevan führte sein Tier nah an die Sitzränge heran, so dass die Mutigen das zottige, braune Fell berühren konnten.

Das Lampenfieber war noch da, doch immerhin litt ich nicht unter Hypsiphobie. Ich weiß, es klingt seltsam, dass Akrobaten, die in der Luft auf Trapezen schwangen oder ohne Netz und doppelten Boden über Seile liefen, an Höhenangst leiden konnten, doch es war durchaus nicht selten. Wahrer Mut entwickelte sich eben erst durch das Überwinden der Ängste – und da ich keine Angst vor Höhe (oder vielmehr Tiefe) hatte, konnte ich auch keinen Mut in mir finden und stand zaghaft auf der Plattform, mit Füßen wie Eisklumpen. Erneut schenkte Yue mir diesen verständnislosen Blick.

„Ich habe schon für die chinesische Kaiserin auf dem Seil getanzt“, hatte sie in Gibraltar gesagt, und ich musste kein Chinesisch verstehen, um zu wissen, was unausgesprochen mitschwang: „Du wärst nicht gut genug dafür.“

Ich straffte mich. Verfluchtes Lampenfieber.

Eine Gestalt sah vom Fuß der Leiter, die in den Sattelgang führte, zu uns herauf. Sie pfiff leise, doch wir hörten den Laut trotz des Jubels der Kinder.

„Kesmir, komm her!“, rief Tigro leise. „Ich muss zum Luftschiff rüber, da ist Licht! Da macht sich jemand zu schaffen!“

„Was soll das heißen?“, zischte Kesmir übellaunig. Er schnallte gerade das Sicherheitsseil an meinem Gürtel fest. Es würde mich am Trapez festhalten – Yue dagegen sicherten nur meine eigenen Hände und Arme. Ich schluckte bei den sich ständig wiederholenden Gedanken. Fallenlassen wäre schlecht …

Kesmir zog heftig am Sicherheitsseil. Ich zwang mich zu einem Grinsen.

„Hält“, sagte ich.

Er nickte. „Ich komme“, teilte er Tigro mit, und der verschwand aus meinem Blickfeld.

„Hals- und Beinbruch!“, wünschte der Osmane und ließ uns auf der Plattform allein. Ich sah Yue an. Hier war es dunkel, alle Scheinwerfer, deren Glühlampen Herr Iko so hervorragend durch einen Generator mit elektrischem Strom versorgte, waren auf das Mammut gerichtet.

Yue sah gleichsam durch die Wand des Zirkuszelts hindurch und schloss kurz die Augen. Sie ließ die Schultern kreisen, dabei raschelte der Stoff.

Dann verließ das Mammut die Manege, Jorges schrille Zirkusmusik brandete wieder auf, die Zuschauer klatschten – und die Scheinwerfer suchten sich am bunten Zeltstoff entlang in Schlangenlinien zu uns hinauf, gelenkt von Moritz Smið, dem menschlichen Aquarium aus Baden, denn jeder von uns musste vor und nach den eigenen Auftritten noch Handgriffe erledigen, um die anderen in Szene zu setzen.

Das Publikum atmete hörbar ein, als es uns auf der kleinen metallenen Plattform sah. Yue hob die Arme, die Bewegung ihrer Schuppen fing das Licht – und dann tauchte sie in die Luft, als würde sie von Wasser aufgefangen.

Unter ihr, dort, wo eigentlich ein Netz hätte hängen sollen, um ihren tollkühnen Sturz zu bremsen, starrten dämmrig erleuchtete Gesichter mit offenen Mündern zu uns herauf. Jeder andere Zirkus hätte ein Netz gespannt.

Aber dies hier war der Circo Apocalástico – ich seufzte weniger als einen Wimpernschlag lang, und auf der im Schatten verborgenen Plattform oberhalb des Vorzelts entließ Pedro das zweite Trapez pünktlich auf seine Schwungbahn.

Die erste Dame kreischte auf. Ein Kind schrie und sprang von seinem Sitz, den Finger erhoben, während Yue fiel, den Rücken durchgebogen wie eine Turmspringerin – als wären die Zuschauer des linken Flügels das Wasser … Donnerhall durchdrang das Zelt, als Jorge, der siebzehn Instrumente gleichzeitig spielte, Yues Sturz mit der Dampforgel in Szene setzte. Das Trapez und Yue trafen einander in der Luft. Sie packte es und vollzog sogleich eine irgendwie unmöglich aussehende Drehung über der Stange – mein Zeichen. Ich biss die Zähne zusammen, nahm den einen möglichen Schritt Anlauf auf der kleinen Plattform – und tauchte ihr mit meinem Trapez hinterher.

Unter mir verzerrten sich die Gesichter, die Stimmen, das Licht und die Geräusche. Kaum hatten meine und Yues Bahn sich gekreuzt, packte sie meine Beine, schlang ihre Arme um meine Unterschenkel und verließ ihr eigenes Trapez, das Pedro am Seil zu sich zurückzog.

Wenn Yue mit mir durch die Luft flog, war ich im Prinzip Inventar. Sie kroch an mir hoch, ließ sich kopfüber von meinen Füßen baumeln, sie griff mit ihren kleinen Händen bei ihren unmöglichen Bewegungen überall hin, und ich ließ mich nur in den richtigen Abständen mal mit Kniekehlen, mal mit den Armen vom Trapez baumeln oder gab uns Schwung.

Ich war schon auch ganz gut darin. Aber kein Mensch wollte einem drahtigen kleinen Zigeuner zusehen, wenn er auch einer schlangengleichen bildhübschen Chinesin zusehen konnte, die glitzerte und sich wand wie ein Fisch im Wasser. Mein Anzug war dunkel, ein Schemen nur, den der umherirrende Scheinwerfer ab und an erfasste. Die Zuschauer riefen „Ah!“ und „Oh!“, als das Trapez tiefer sackte, nun in weiterem Bogen pendelte, und Yues stoßweiser Atem fast die schwarzen Haare der baskischen Bauern unter ihr traf. Ich hielt sie, sie stemmte sich herauf und schmiegte sich an mich, kopfüber Rücken an Rücken, und ich spürte, wie ihr Brustkorb sich hob und senkte.

Nun wurde der erste Applaus laut – die Menschen machten ihrer Begeisterung Luft, obwohl in meinem Kopf alles nur in Schlieren hin und her ging, hin und her … Dazu der einzige Gedanke: Fallenlassen wäre schlecht!

Doch ich war Ferenc aus der Familie der Badi, und ich wäre sicherlich nicht im Circo des Señor Diaz gewesen, wenn ich jemals jemanden fallengelassen hätte, ohne dass es Teil der Nummer gewesen wäre!

Apropos Teil der Nummer: Pedro warf nun wieder das Trapez – Gottlob, wir waren noch auf Linie, und Pedro verstand sich auf den Takt unserer Nummer und den Schwung unseres menschlichen Pendels, und so öffnete ich meine Finger, als wir am höchsten Punkt waren, und unter dem Geschrei der Zuschauer stürzte Yue erneut in die Tiefe.

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Außerdem brannte das Vorzelt.

Auch dies war ein guter Grund für das doch mittlerweile unverhältnismäßige Geschrei. Yue jedoch fiel – ihr Körper drehte sich zusammengezogen, streckte sich dann impulsiv, als auch sie das züngelnde Feuer wahrnahm, sie verfehlte das Trapez um nur eine Handbreit – und fasste dann, bevor ich mich in der Hoffnung, sie zu retten, in die Tiefe stürzen konnte, mit der Linken nach ihrem eigenen Trapez. Daran rauschte sie mitten in die Flammen, die zwar noch nicht heiß brannten, aber schon freudig am Zeltstoff emporleckten. Ich schrie auf, doch mein Trapez schwang quer zum Vorzelt, und ich konnte nichts dagegen unternehmen, dass der hervorquellende Rauch die Blume des Fernen Ostens verschlang. Ich starrte nur wenige Sekunden, während Jorges Musik auf einer gequälten Note abbrach und alle durcheinanderschrien. Es gab nicht einmal Applaus, als Yue mitsamt ihrem Trapez wieder aus dem Qualm herausbrach wie ein Phönix aus der Asche. Ich konnte nicht behaupten, dass irgendetwas an ihr rauchte oder Feuer gefangen hatte, doch ihr Trapez trudelte ebenso wie meines, und ich war mir gar nicht mehr so sicher, dass wir heil von hier oben herabkommen würden. Würde sich bei einem Zeltbrand denn noch jemand finden, der uns sanft auf den Manegenboden hinablassen würde?

Yue presste den Mund zu einem schmalen Strich zusammen, entschlossen stellte sie sich auf der Querstange des Trapezes auf, tat einen Sprung auf mich zu, um nicht erneut in die Flammen zurückgetragen zu werden – und erneut schrien meine Gedanken mich an, sie nicht hängen zu lassen.

Ich bekam sie zu fassen; nur ihre und meine Hände, keine akrobatischen Wunder, doch wer hätte schon urteilen mögen in dieser Minute, in der die Panik auch den Letzten vom Sitz aufscheuchte und sich das ganze Kapital des Señor Pablo Cervantes Diaz in Rauch aufzulösen begann?

Wir arbeiteten beide daran, dem Trapez Schwung zu nehmen. Es pendelte an seiner niedrigsten Stelle, schwang dadurch jedoch auch ungeheuer schnell über der Mitte – und nur über dieser Mitte, dem Sand der Manege, konnten wir es wagen, abzuspringen.

Zusammen ließen wir uns am Trapez herunter und baumelten nun nebeneinander an der Stange. Der Manegenboden raste heran, und doch würden wir nicht tiefer als drei Meter daran herankommen und uns vermutlich beim Sprung die Beine brechen.

„Ferenc“, brüllte sie. „Jetzt!“

Wir ließen los. Mit einem Knall lösten sich Seile über uns, und die Zeltspitze folgte unserem Beispiel und sauste in die Mitte der Manege herab. Bogenlampen knallten, das Licht flackerte ungnädig und erlosch. Das Geschrei rauschte in unseren Ohren.

Dann kam der Aufprall.

Fahrtenbucheintrag [7. Juni 905 A. N.]

Heute erreichten wir Island, den ersten Meilenstein der Expedition. Dieses Land Eisland zu nennen! Das kann nur jemandem vor der Langen Nacht eingefallen sein, denn welches Land der nördlichen Hemisphäre könnte man nun nicht Island nennen? Wenn man mich fragen würde: Ich schlage Rauchland vor. Waren es nicht genau diese Vulkane unter uns, die vor fast tausend Jahren dafür gesorgt haben, dass die Lange Nacht über die Welt hereinbrach? Es hat etwas, diese Übeltäter einmal von Nahem zu sehen!

Ich zähle vier schwarze Säulen, die bis zum Himmel ragen; aus den Vulkanen, deren Gipfel die Eispanzer der Gletscher durchbrechen. Die Insel scheint nicht völlig Teil unserer Welt zu sein – fremd, unwirklich. Ein Schleier aus Dunst verschlingt die Sonne, und ein schwefliger Geruch beißt in der Nase. Kaum ein Mensch bekommt dieses Schauspiel zu Gesicht, doch stehen wir erst am Anfang unserer Reise. Kurs Nord-West. Sturmwolken am Horizont.

– T. H.