Gunter Pirntke (Herausgeber)

1000 Märchen und Sagen in 5 Bänden

Bd. V von Platen bis Wieland

Impressum

Covergestaltung: Alexandra Paul

Digitalisierung: Gunter Pirntke

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2012 andersseitig.de

ISBN: 978-3-95501-46-1



andersseitig Verlag

Dresden

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Inhalt

Impressum


August von Platen

Märchen

Rosensohn

Rainer Maria Rilke

Kunstmärchen

Wie der Verrat nach Rußland kam

Der Drachentöter

Theodor Storm

Märchen

Die Regentrude

Bulemanns Haus

Der Spiegel des Cyprianus

Ludwig Tieck

Die Märchen aus dem Phantasus

Der blonde Eckbert

Der Getreue Eckart und Der Tannenhäuser

Der Runenberg

Liebeszauber

Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence

Die Elfen

Der Pokal

Wilhelm Heinrich Wackenroder

Märchenerzählung

Ein wunderbares morgenländisches Märchen von einem nackten Heiligen

Christoph Martin Wieland

Märchen

Geschichte des Prinzen Biribinker

August von Platen

Märchen

Rosensohn

Erstes Kapitel.

s war einmal ein gar weiser und schöner König, welcher Pheristos hieß und seine Gemahlin Gyrmantis. Aber allzufrüh verlor die holdselige Königin ihren Gemahl und ihr neugebornes Söhnlein; sie übergab darauf die Regierung des Landes ihrem Bruder und entzog sich allen Freuden der Welt. Sie begab sich auf ein einsames Schloß, das im dichten Walde lag, um dort ihren Gatten zu beweinen. Noch nicht lange auf dieser Burg angelangt, hörte sie eines Abends an ihre Türe klopfen, und als sie herein rief, da kam ein Zwerglein auf sie zu in blauem Gewand und machte ihr einen freundlichen Knix. Er bat sie, nicht zu erschrecken und ihm in ihrem Hause ein Nachtlager zu gönnen, da er sich verspätet habe in der Wildnis. Gyrmantis gewährte es ihm gerne, und des andern Morgens zog das Zwerglein wieder weiter, nachdem es der Königin seinen Dank in gar zierlichen Worten gesagt hatte. Nach dieser Zeit kam er öfters wieder und brachte ihr manchmal Erdbeeren, manchmal einen Strauß von Windröschen oder andern Blumen, die man im Walde sammelt. Zuweilen sang er ihr ein altes Lied, und sie hing wohlgefällig an seinen Lippen. Sie erfreute sich, eine Seele gefunden zu haben, mit der sie reden konnte von ihrem Gemahl; denn das Zwerglein hörte ihr aufmerksam zu und ward gerührt von ihrer Treue gegen den König, den er gekannt zu haben vorgab. »Ach sagte die Königin öfters, »wohl könnte ich's verschmerzen, wenn mein Gemahl in meinen Armen gestorben wäre. Aber er ist einst verschwunden und niemand weiß wohin. Welch ein Unfall mag ihn betroffen haben Das Zwerglein sprach ihr Trost ein und meinte, ihr Gemahl könne doch noch am Leben sein und einst in ihre Arme zurückkehren. Gyrmantis malte sich diese Hoffnung in einsamen Stunden aus, den Zwerg aber bekam sie täglich lieber, so häßlich er war, und so oft er ging, gab sie ihm ihre Hand, die er zierlich an seinen Mund führte.

Zweites Kapitel.

Einstmals hatte die Königin den ganzen Tag vergebens auf ihren kleinen Gesellschafter gewartet, als er plötzlich spät abends hereinstürzte, eine Rosenknospe in der Hand, die er, trotz seiner Eile, sehr sorfältig zu tragen schien. »Hier nehmt, schöne Frau,« sagte er, indem er ihr die Knospe überreichte, »bewahrt sie gut, gebt ihr täglich frisches Wasser, sie wird der Trost Eures Alters sein. Lebt wohl, meine Feinde verfolgen, laßt Euch ja die Rose nicht abnehmen. Wenn sie verwelkt ist, aber nicht eher, öffnet diesen Brief, den ich Euch hier gebe. Lebt wohl

Drauf stürzte er eilig fort und ließ die Prinzessin ganz erstaunt in ihrem Gemache zurück. Sie hielt die Knospe noch betrachtend in der Hand, als eine ganze Schar von Zwergen hereinkam, und einer fragte: »Habt Ihr nicht einen mißgestalteten Zwerg hier gesehen, der seit langem schon in diesem Walde herumspukt »Jetzt seh' ich ihrer wohl zwanzig«, antwortete die Königin, ganz entrüstet über die dreisten Figuren. »Ei seht doch sagte ein anderer, »da hält sie die Rosenknospe in der Hand, um derentwillen wir ausgeschickt sind. Gebt sie her, schöne Frau, es soll Euch kein Leids geschehen, es ist für unsere mächtige Gebieterin »Diese Rose ist aus meinem eignen Garten erwiderte Gyrmantis, »und ihr sollt sie nimmermehr erhalten. Was aber eure Gebieterin anbetrifft, so will ich nichts mit ihr zu schaffen haben

Da drangen die Zwerglein auf sie ein, um mit Gewalt zu nehmen, was sie nicht gutwillig lassen wollte; sie aber nahm ihren Fächer und schlug sie damit so derb auf die Köpfe, daß einer nach dem andern hinauswischte. Drauf schöpfte sie Wasser am Brünnlein in einen Kristallbecher und setzte die Knospe hinein, die nachgerade sich zu entfalten anfing.

Da trat eines Tages eine Alte herein, grüßte, und als sie das halbgeöffnete Röslein sah, sagte sie: »O geht mir doch das prächtige Röslein dort im Winkel, meine Enkelin hält morgen Hochzeit, und da möcht' ich ihr doch eine Rose in den Kranz flechten. Sie sind in allen Gärten schon abgeblüht, dies ist die einzige. Wollt Ihr mir sie geben? Seht, diesen Beutel eitel Gold sollt Ihr dafür bekommen Die Königin aber ließ sie kaum gewähren und erwiderte: »Ihr macht es gar zu plump, Alte. Geht nur wieder, woher Ihr gekommen seid. Wenn aber Eure Enkelin ohne Rosen nicht kann Hochzeit machen, so soll sie warten bis ins nächste Frühjahr, wo's Rosen wieder die Hülle und die Fülle gibt Aus den Augen der Alten funkelte der Zorn, und scheltend verließ sie die Stube.

Drittes Kapitel.

Als Gyrmantis eines Morgens erwachte, war die Rose ganz offen, und wie sie näher hinzutrat, siehe, da lag ein holdseliges Knäblein in der Mitte. Sie nahm es heraus und küßte es und wiegte es in ihren weichen Armen. Die Blätter der Rose aber fielen schnell ab, und nur der Stengel blieb im Wasser stehen. Da gedachte sie des Briefes, den ihr der Zwerg gegeben hatte. Sie holte ihn und las:

»Den Knaben, der aus dieser Rose entstehen wird, den wahret wohl und ziehet ihn groß. Wenn er aber erwachsen ist, da laßt ihn die Rüstung anziehen, die in Eurem Garten unter der großen Linde vergraben ist. Dann soll er ausziehen und sich eine Braut suchen. Damit er aber erkenne, welche ihm bestimmt sei, so hört, was Ihr zu tun habt. Wenn Ihr ihn ausziehen heißt aus Eurer Wohnung, so gebt ihm mit den abgedorrten Rosenstengel, aus dem entsprossen ist. So er aber diejenige sieht, die er liebt und die ihm ihre holdselige Hand will geben, so mag er ihr den Stengel überreichen. Wenn sie ihn berührt hat und es sproßt daraus eine Rose hervor, so ist es die Jungfrau, die er ehelichen soll. Bleibt der Stengel dürr, so soll er fliehen und nie wiedersehen die Geliebte des Herzens. Diesen Knaben aber mögt Ihr Rosensohn nennen, denn dieser Name ziemt ihm. Lebet wohl, schöne Frau, und gedenket meiner, den Ihr vielleicht nie mehr sehen werdet

Gyrmantis aber erstaunte sehr, als sie diesen Brief gelesen hatte. Das Zwerglein kam nicht mehr, wie es gesagt hatte. Den Knaben aber zog sie mit Sorgfalt groß, und er ward ein schöner Jüngling, stattlich und schlank wie die Tanne des Waldes, mit blonden Haaren und schwarzen Augen. Und als er nun achtzehn Jahre hatte, da gab sie ihm den Brief, und er grub sich die Rüstung aus und tat sie an. Da glaubte Gyrmantis ihren Gemahl wieder zu sehen, so stattlich war er. Und er nahm zärtlichen Abschied von ihr und eilte davon.

Viertes Kapitel.

Nach einigen Stunde kam er an das Ende des Waldes, in welchem das Schloß der Gyrmantis gelegen war. Da sah er denn einen hohen Turm, der ihm ein Aufenthalt von Gefangenen zu sein schien. Bald hörte er auch die Stimme eines Mannes, der ein Klagelied anhub in gar schmerzlichen Tönen. Da blieb er stehen und rief: »Wer bist du? Wie lange wohnst du in diesem Kerker

»Ich bin unglücklich erwiderte die Stimme, »und schon achtzehn Jahre harre ich auf meinen Erlöser.« »Kann ich dich befreien fragte Rosensohn. »Nein sagte die Stimme, »ein Zauber hält mich hier fest. Aber wer bist du denn, junger Fremdling, der meiner sich annimmt »Rosensohn nannte mich die Pflegerin meiner Jugend »O sei mir dreimal gesegnet erhielt er zur Antwort, »du bist aus fürstlichem Geblüte, eine Königin hat dich geboren!« »Ja, die Königin der Blumen erwiderte der Zögling der Gyrmantis. »Eine Rose ist meine Mutter und ein geheimnisvoller Brief mein ganzes Erbteil. Er befiehlt mir eine Braut zu suchen, aber ich bin einsam im Wald erzogen, ich kenne niemand. Möchtest du mir ein edles Fräulein nennen, das holdselig wäre und gut, zu der ich gehen könnte und werben und sehen, ob sie mir bestimmt sei

Und ohne sich zu besinnen, antwortete der Gefangene: »Wohl kann ich dir nennen ein edles Fräulein, das holdselig ist und auch gut, um das du werben kannst und sehen, ob sie dir bestimmt sei. Wandle nur geradeswegs, bis du an die Grenze kommen wirst des nachbarlichen Königreichs. Dort laß dir aber die Straße zeigen nach der Hauptstadt. Denn der König hat eine Tochter, Lilla genannt, die die schönste ist von allen Prinzessinnen auf der Erde – Rosensohn dankte dem Unbekannten und ging munter des Weges. Da hörte er noch den Gesang aus dem Turme:

Zieh frisch davon

Über Berg und Wald,

Und kehre bald,

Du Rosensohn.

Dann eil' herbei,

Wenn du kommst zurück,

Und mach mein Glück,

Und mach mich frei.


Fünftes Kapitel.

Als Rosensohn an die Grenze des benachbarten Reiches kam, fragte er nach dem Weg zu der Hauptstadt. Den ganzen Tag ging er fort, und des Nachts schlief er unter einem Olivenbaume. Im Traume aber sah er die Prinzessin Lilla, gar herrlich anzuschauen und lauter Liebreiz. Durch ihre Locken war eine Krone geflochten, der Schleier war zurückgeschlagen. Ihre Hand aber hielt einen Kranz, und ihr Mund lächelte mit unaussprechlicher Anmut. Da raffte er sich vom Schlafe auf, voll Sehnsucht, und in der siebenten Stunde des Morgens stand er am Stadttore. Als er aber einen großen Zusammenlauf von Menschen sah, fragte er nach der Ursache, und einer erzählte ihm denn, daß eine Menge Prinzen und Ritter versammelt wären, um den Besitz der Prinzessin Lilla zu streiten. Der Trieb des Kampfes entflammte auch ihn, und als er an die Schranken kam, siehe da saß die Prinzessin Lilla auf einem Balkon, gar herrlich anzuschauen und lauter Liebreiz. Durch ihre Locken war eine Krone geflochten, der Schleier war zurückgeschlagen. Ihre Hand aber hielt einen Kranz, und ihr Mund lächelte mit unaussprechlicher Anmut.

Da trat denn auch er bescheidentlich in die Schranken, und alle Prinzen besiegte er und alle Ritter, und das Auge der Prinzessin ruhte züchtiglich auf seiner Gestalt. Und der König sagte ihm: »Ihr habt meine Tochter erkämpft, geht aber hinauf und fragt sie um ihre Beistimmung Da ging er denn mit klopfendem Herzen hinauf, und als er in den Saal trat, kam ihm Lilla entgegen und setzte ihm den Kranz auf. Er aber warf sich zu ihren Füßen und faßte ihre holdselige Lilienhand, die er inbrünstig mit seinen Lippen berührte. Sie hob ihn huldreich auf, und ließ ihre Frauen abtreten und begann mit verschämten Worten: »Meine Hand habt Ihr gewonnen durch Hiebeswaffen, durch Liebeswaffen mein Herz. Doch darf ich Euch nicht begrüßen als Bräutigam. Setzt Euch und hört, was es damit für eine Bewandtnis hat

Sechstes Kapitel.

»Meine Pate begann die holdselige Lilla zu reden, »ist eine mächtige Fee. Sie gab mir zum Angebinde eine Stecknadel, die untere Hälfte von Stahl, die obere von Silber, der Knopf aber war von purem Golde. Diese Nadel, sagte sie, sei ein kostbarer Talisman, der eine Wunderkraft in sich schlösse. Meine Mutter bewahrte sie mir auf; als sie aber daniederlag und ihren Tod herannahen fühlte, da ließ sie mich vor ihr Bett kommen und sagte: ›Hier übergebe ich dir das Kleinod, worauf die Fee sovielen Wert legte. Trag' es immer bei dir, aber wahre es wohl; gib darauf acht und laß es dir nicht entreißen. An deinem Hochzeitstage stecke die Nadel an dein Brautkleid, das, sagte die Fee, wird die glücklichste Ehe bewirken. Daher versprich mir, mein Töchterchen, dich nicht zu vermählen, ohne sie an dein stattliches Gewand zu heften.‹ Ich versprach es ihr, und sie starb.

Ihr seht, mein Prinz, daß ich nicht imstande bin, Euch meine Hand zu reichen, denn daß ich die Nadel verloren, wird Euch der Erfolg meiner Geschichte lehren.

Ich meinesteils bildete mir nicht wenig auf das Kleinodium ein, dessen Gebrauch ich noch nicht kannte. Ich ließ es nie von mir und zeigte es jedermann hochmütig, weil ich es von einer Fee bekommen hatte.

Einstmals geschah es auch, daß ich im Garten meines Vaters spazieren ging. Da kam eine ältliche Frau auf mich zu, gar häßlichen Angesichts. Und da sie mich lange betrachtet hatte und die Nadel bemerkte, rief sie aus: ›Ei, schönes Fräulein, was muß das für eine Nadel sein, die Ihr da anhabt? Je nun, laßt sie mich doch einmal recht betrachten und meine Augen ergötzen an dem holdseligen Schein.‹ Ich gab sie ihr mit einem Blick, als wenn ich dergleichen noch viele hätte. Sie aber nahm sie in die Hand, schüttelte vor Verwunderung den Kopf hin und her, indem sie sagte: ›Ei, ei, ei, welch eine schmucke Nadel ist dies! Unten Stahl, oben Silber und der Knopf von eitel Gold. Nun, ich danke Euch, schönes Fräulein, für das köstliche Kleinod, so Ihr mir verehrt habt.‹ ›Nein,‹ fiel ich rasch ins Wort, ›so war's nicht gemeinet, es hat damit eine ganz andere Bewandtnis.‹ ›Es hat die Bewandtnis, daß Ihr sie mir geschenkt habt,‹ erwiderte die die Alte ganz keck und stemmte die Arme in die Seiten, ›ich will sehen, wer sie mir wieder abnimmt.‹ Hiemit kehrte sie mir den Rücken und hinkte fort. Ich aber, ganz entrüstet und in Verzweiflung, meine Nadel verloren zu haben, lief ihr nach, um sie festzuhalten. Wie ich aber auf sie zukam, verschwand sie plötzlich und ließ mich im traurigsten Zustande zurück

Siebentes Kapitel.

»Ich hatte mich eben auf eine Gartenbank niedergelassen,« fuhr die Prinzessin Lilla in ihrer weitschweifigen Erzählung fort, »um mir über meine Unvorsichtigkeit nutzlose Vorwürfe zu machen, als ein Bedienter kam und mir meldete, daß mein Vater mich zu sehen wünsche. Ich hielt mich dazu nicht fähig und sagte daher dem Boten, er möchte mich beim Könige entschuldigen, indem ich unpaß wäre. ›Dies wird nicht wohl angehen,‹ erwiderte er, ›dieweil die Fee Pflasterhold (so hieß meine Pate) angekommen ist und nach Eurer Gnaden recht sehnlich verlangt.‹ Ich war mehr tot als lebendig, da ich dies hörte, und der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Nach einer Pause endlich antwortete ich, daß ich erscheinen würde, man möchte mir nur einige Zeit vergönnen, mich umzukleiden. Der Page ging und überließ mich einer grenzenlosen Angst. ›Ach,‹ rief ich aus, ›mußte denn meine Pate schon heute eintreffen, oder erst heute, sie hätte uns ja schon gestern mit einem Besuche beglücken können. Ach, wie wird mir's ergehen, wenn sie erfährt, was ich ihr nicht verbergen kann! Wenn mir die Alte doch nur die Nadel für diesen Abend noch borgen wollte! Aber nun ist sie fort, und Pflasterhold verlangt recht sehnlich nach mir! Aber so geht es den Hochmütigen! Hätt' ich die Nadel bescheidentlich versteckt in eine Falte meines Gewandes, so hätte ich alles Unheil vermeiden können.‹ Auf diese Weise zankte ich noch lange mit mir selbst, bis mir einfiel, daß es Zeit sein möchte, mich anzukleiden. Ich erschwerte der Kammerfrau dies Geschäft so ziemlich; endlich mußte ich mich fortbegeben. Meine Furcht vor der Fee war unüberwindlich. Den Korridor, den ich passieren mußte, durchwandelte ich mit abgemessen Schritten und betrachtete jedes Gemälde aufmerksam, bis endlich mein Vater die Tür aufriß, wahrscheinlich mich zu holen, und rief: ›Da ist sie ja!‹

Als mich aber die Fee ansichtig wurde, stund sie sittsam auf, indem sie mir einen tiefen und langsamen Knix machte. Ich machte ihr wieder einen langsamen Knix, aber mein Herz pochte nur desto schneller. Hierauf ging ich auf sie zu und küßte ihr die Hand mit einer gar demütigen Miene. ›Ei sieh da,‹ hub sie an, indem sie mir auf die Wangen klopfte, ›wie sie demütig geworden ist, das arme Kind! Sie hat das muntere Wesen ihrer früheren Jahre ganz abgelegt.‹ ›Ich wüßte nicht,‹ sagte mein Vater, ›sie scheint mir nur erschrocken.‹ ›Das arme Kind!‹ wiederholte die Fee, indem sie mich mitleidig ansah. Ich aber hatte mich sittsamlich auf den Rand eines Stuhles begeben, wo ich jeden Augenblick das Wort erwartete, das mich zerschmettern sollte. Sie redete aber viel mit meinem Vater, und nach und nach war mir alle Furcht verschwunden, als sie plötzlich anfing: ›Daß ich's nicht vergesse, scheues Kind, zeiget mir doch das Nädelchen, so ich Euch geschenkt habe zum Angebinde. Es ist gar köstlich anzuschauen, unten Stahl, oben Silber und eitel Gold der Knopf. Mögt Ihr mir's herbringen, es ist zu mancherlei Dingen nütze.‹ Ohne zu wissen, was ich tat, ging ich hinaus, allein jetzt fragte sich's, was ich tun sollte? Plötzlich kam mir in Sinn, daß die Alte, so mir die Nadel abgenommen, wohl die Fee Pflasterhold selbst müsse gewesen sein, die diese Gestalt geborgt hätte, um meine Sorgfalt in Versuchung zu führen. In diesem Gedanken immer mehr bestärkt, trat ich ganz schüchtern hinein, warf mich der Pflasterhold zu Füßen und begann fast weinerlich: ›O beste Pate! Verzeiht mir meinen Fehltritt, für den ich allbereits gestraft bin. Möchtet Ihr mir wiedergeben, was Ihr mir genommen habt! Die Reue, die ich fühle, ist innerlich, möchtet Ihr gnädig mit mir verfahren!‹ Aus ihren erstaunten Mienen sah ich aber wohl, daß sie von nichts unterrichtet sei. Ich erzählte ihr daher alles. Da ich zu Ende war, stand sie ganz zornmutig auf und sagte: ›Ungehorsames Kind! Ich will Euch nicht mehr strafen, als Ihr durch den Verlust Eures Kleinodiums gewitzigt seid, das ich Euch nicht mehr ersetzen kann. Jedoch die, die es Euch genommen hat, muß eine Fee gewesen sein, weil sie die geheimen Kräfte der Dinge erkannte. Ihr sollt wissen, was Ihr verloren habt.‹

Hierauf erzählte sie mir von den Wunderkräften der Nadel. Sie sprengt alle Schlösser und Riegel, sie macht den, der sie trägt, unsichtbar auf sein Verlangen, welches die alte Diebin benutzt hat, und jeder, der mit dem Knopfe derselben berührt wird, bleibt unbeweglich stehen, bis ihn die Berührung der Spitze wieder lebendig gemacht hat. Nachdem die Fee mir dies umständlich vorgehalten, reiste sie unverzüglich von dannen, ohne daß sie mir verziehen hatte

Achtes Kapitel.

»Da ich das Alter erreichte fuhr die schöne Lilla etwas beschämt fort, »wo mein Vater wünschte, daß ich mir ein Ehegemahl auswählen sollte, da schickte er zur Fee Pflasterhold und ließ sie um Rat fragen. Die Fee aber sandte mir einen Brief zurück, in dem geschrieben stand:

Kommt ein Ritter, der da ward

Noch einmal geboren,

Der die schöne Nadel bringt,

Welche du verloren,

Diesen hat zum Bräutigam

Dir die Fee erkoren.

Mein Vater aber war daß verdrießlich über diese unbestimmten Worte und beschloß, sich gar nicht daran zu kehren. Er ließ daher das Kampfspiel anordnen, von dem Ihr wißt und in dem Ihr den Sieg davongetragen. Wenn Ihr mich nun zu besitzen wünscht, so möget Ihr ausziehen, das Kleinod zu erobern, das ich verloren gehen ließ. An die Pflasterholdische Weissagung stoßt Euch nicht, erbeutet uns die Nadel; denn sie allein bringt ja Glück im Ehestande. Aber nun sagt auch Ihr mir etwas von Eurer Abkunft und Eurem Leben, von Eurem Glücks- und Anstern, denn mit den Gestirnen ist unser Los verknüpft Da erzählte er ihr denn alles, und sie lächelte holdselig, als er ihr sagte, wie er zur Welt kam. Kaum hatte er beendigt, horch, da tönte das Glöcklein zur Tafel. Sie sagte ihm, indem sie ging: »Möchtet Ihr ein bequemeres Kleid anziehen und uns in den Saal folgen, wo getafelt wird Er zog ein leichteres Kleid an und folgte ihr. Aber jedermänniglich erstaunte, als er eintrat, so stattlich war er. Oft wurde die Gesundheit des Brautpaars getrunken. Mit dem frühesten aber zog er fort. Als er schon weit vom Schlosse war, kehrte er sich noch einmal um, und siehe, die schöne Lilla stand auf dem Balkon und grüßte ihn noch von ferne. Da nickte er mit dem Kopf, es ward ihm wohl und wehmütig.

Neuntes Kapitel.

Als er aber nachdachte, was er zu tun hätte, da wurde er überaus traurig, denn wo sollte er hingehen, um die Nadel zu finden? Zwei Tage streifte er fruchtlos umher, da kam er auch an den Wald, wo er erzogen ward. Und als er hineintrat, gedachte er der Gyrmantis und konnte nicht widerstehen sie zu sehen, die schönlockige Pflegerin seiner Jugend. Er suchte das Haus, wo sie wohnte. Als er herankam, sah sie ihn von der Ferne und trat ihm entgegen, gar freudig in ihrem Herzen. »Liebster sagte sie, »hast du gefunden, was du gesucht hast?« »Ach nein, ich finde sie nicht, ich suche vergebens«, gab er zur Antwort. »Wie entgegnete sie, »du hättest kein Fräulein gefunden, die holdselig wäre und gut, um das du werben könntest, und erproben, ob sie dir bestimmt sei?« »Ach sagte er, »das Fräulein hab' ich gefunden, aber ihr Glück hängt an einer Stecknadel, wie meines an ihr.« Da erzählte er denn alles der Pflegerin seiner Jugend. Und Gyrmantis begann zu sprechen und sagte: »Nach allem, was ich von jener Alten höre, so möchte ich fast glauben, es sei dieselbe, die mich einst besucht hat. Damals kannte ich sie nicht; nun aber weiß ich, daß sie eine Fee ist, Pfefferlüsch mit Namen, sehr böse und zornmutig. Mögest du bei ihr dein Glück versuchen! Sie wohnt in diesem Walde in einer strohdachnen Hütte Und die Königin zeigte ihrem Pflegersohn den Weg nach der Hütte und nahm gar rührend Abschied und versprach zu seiner Hochzeit zu kommen.

Bald sah Rosensohn die Wohnung der Alten und klopfte. »Herein erscholl eine krächzende Stimme. Er trat hinein, da saß die Fee Pfefferlüsch bei einer Flasche Wein, an ihrem Halstuche aber erblickte er die Nadel, unten von Stahl, oben von Silber, den Knopf von eitel Gold. »Nun, was wollt Ihr denn, schöner Herr sagte sie, »womit kann ich dienen?« Aber Rosensohn gegenredete kurzbündig: »Es ist hier von keinem Dienste die Rede, bei dem's auf Eurer Wollen ankömmt. Die Nadel sollt Ihr wieder herausgeben, die Ihr der schönen Lilla genommen habt »Gut, daß Ihr kommt sagte sie, »da mögt Ihr sie hinnehmen.« Hiemit zog sie sie aus dem Tüchlein. Aber Rosensohn merkte ihre Absicht, daß sie ihn damit berühren und festbannen wollte. Da kam er ihr schnell zuvor und schlug sie so derb auf die Finger, daß sie die Nadel fallen ließ, die er eilig aufhob. Kaum aber war dies geschehen, so drehte sie den kostbaren Zauberring um, den sie an der Hand hatte, und unter seinen Füßen tat sich der Boden auf, und er versank in eine finstere Kluft, in die kein Tageslicht hineinschien.

Zehntes Kapitel.

Lange saß er in sprachloser Betäubung auf der feuchten Erde, so sehr hatte ihn dieser schnelle Wechsel ergriffen. Doch sobald er wieder zur Besinnung kam, da dachte er an die Wunderkräfte der Nadel, die er in Händen hielt, und daß alle Schlösser und Riegel, bei ihrer Berührung aufsprängen. Er suchte nun rings an den Wänden die Türe auf. Und als er sie gefunden hatte, berührte er das Schloß mit der Wundernadel, und siehe da, es sprang, und plötzlich stand er im Freien.

Kaum war er einige hundert Schritte gegangen, da kam eine Krämerin auf ihn zu, mit einer Schachtel voll allerlei Raritäten. »Wollt Ihr nichts kaufen, schöner Ritter«, sagte sie. »Wenn Ihr eine Braut habt, hier ist manches, was sie ergötzen mag. Spangen, Ohrgehänge und Ringe, Nähekissen, Spindeln und Nadelbüchschen.« »Ihr kommt wie gerufen«, sagte Rosensohn, der nichts Arges dachte. »Ein Nadelbüchschen mögt Ihr mir geben, ich habe hier eine Nadel, die ich nicht heften kann an meinem Harnisch Und sie gab ihm ein Büchslein; aber ehe er die Nadel hineinsteckte, kehrte er's zuerst in die Hand um, und siehe, da waren bei tausend Nadeln und immer mehr und mehr, je mehr er schüttelte. Alle waren wie seine, unten Stahl, oben Silber, von purem Gold der Knopf. »Nun mögt Ihr herausfinden, was Eurer ist«, sagte die Krämerin höhnisch, und nun merkte er, daß es Pfefferlüsch war. Er hatte aber die Nadel noch in der Hand behalten und ging getröstet seiner Wege. Und bald gelangte er zum Turme am Ende des Waldes. »Der Sohn der Rose ist da«, sprach er, »und kann Euch helfen, durch einen Zauber helfen Er berührte mit der Nadel die Türe des Turms. Sie sprang auf. Ein Zwerglein trat heraus, häßlich, aber nicht widrigen Angesichts. Und der Ritter sprach: »Ich kenne Euch, Ihr habt die Rose gebracht zur schönlockigen Pflegerin meiner Jugend. Sie hat mir Euch oft beschrieben, oder ist's nicht so »Ich bin's gegenredete das Zwerglein, »nun aber verliert keine Zeit und sucht die Krämerin einzuholen und mit gleicher List zu verderben. Eilet, ich folge Euch in der Ferne

Rosensohn ging nicht lange, da begegnete ihm schon die hämische Pfefferlüsch und sagte: »Nun, ist Eure Wahl schon getroffen, schöner Herr Rosensohn nahm eine traurige Miene an und sagte: »Ach, Mütterchen, ich bin in Verzweiflung, da mögt Ihr alle Nadeln wieder nehmen und selbst die meine heraussuchen. Ich kann nicht damit fertig werden Hierauf übergab er ihr das Büchschen. Sie grinste vor Freude, weil sie das Kleinod dabei wähnte. Da sie sich aber wendete, berührte sie Rosensohn mit dem Nadelknopfe, und mitten im Umdrehen blieb sie in schiefer Stellung an Boden gewurzelt.

Elftes Kapitel.

Indes trat auch das Zwerglein hinter einem Gebüsche hervor, und da es den kostbaren Zauberring noch an der Hand der Pffefferlüsch bemerkte, nahm er ihr ihn ab, indem er ihn an seinen eigenen Finger steckte. Aber wie erstaunte Rosensohn, als er auf einmal statt des leidigen Zwergleins einen schlanken Mann von mittlerem Alter vor sich stehen sah, der ihn umarmte, indem er ausrief: »Sieh in mir deinen Vater! Aber jetzt verlange keinen weiteren Aufschluß; geh deiner schönen Hoffnung entgegen; an deinem Hochzeitstage soll dir alles klar werden Hiemit verließ er ihn, und Rosensohn stand lange, ehe er sich von seiner Verwunderung erholt hatte. Doch der Gedanke an Lilla verjagte jeden andern, und er setzte seinen Weg unter süßen Erwartungen fort. Am frühen Morgen des andern Tages langte er in der Hauptstadt an. Wie erstaunte Lilla, da sie ihn so frühe zurückkehren sah! Er sank zu ihren Füßen und übergab ihr die Wundernadel, die sie gar sorgfältig in eine Falte ihres Kleides verbarg. Als sie ihn aber von der Erde aufhob, da überreichte er ihr zitternd den Stengel der verblühten Blume. Sie, die wohl mit dem Sinne dieses Geschenkes bekannt war, empfing es mit klopfendem Herzen. Aber kaum hatte sie es berührt, so entfaltete sich die schönste, die vollste Rose aus dem abgedorrten Stengel. Der König aber bestimmte den folgenden Tag zum Hochzeitstage. Die Fee Pflasterhold traf noch abends vorher ein; sie war versöhnt und freute sich des holdseligen Brautpaares. Des andern Morgens meldete ein Läufer die Ankunft des benachbarten Königs mit seiner Gemahlin, welche der Hochzeit beizuwohnen gedächten. Als jedoch die Saaltüren aufgingen, da sah Rosensohn denselben, den er aus dem Turme befreit hatte; ihm zur Seite aber erblickte er die Pflegerin seiner Jugend, die schöngelockte Gyrmantis. Diese ging auf ihn zu und sagte, ihn umarmend: »Erkenne nun in der, die dich erzog, deine leibliche Mutter und in diesem meinen Gemahl, den ich so lange betrauerte. Es ist Pheristos, dein Vater Rosensohn stand freudig erstaunt; aber sie holdselige Lilla lächelte überaus freundlich und sagte: »Möget ihr mir nun das glückliche Wunder begreiflich machen, das mich zu eurer Tochter macht, wenn ihr anders eurem Sohne meine Hand nicht abratet Da ergriff der König das Wort und sagte: »Das sei ferne von uns, daß wir ihn abhalten sollten von seinem Glücke, von einer Braut, die so gut ist und holdselig, und die ihm das Schicksal bestimmt hat. Aber nun mögt ihr meine Geschichte vernehmen

Zwölftes Kapitel.

»Mein Vater«, fing der König Pheristos seine Erzählung an, »raubte einst der Fee Pfefferlüsch, die wir alle kennen, und die ihm manchen verruchten Streich gespielt hatte, einen Zauberring, den nämlichen, den ihr hier an meinem Finger seht. Sie aber trachtete auf alle Weise, diesen Ring, in welchem ihre ganze Kunst gelegen war, wieder zu erbeuten. Aber mein Vater verwahrte ihn so gut, daß jede List an seiner Sorgfalt scheiterte. Als aber mein Vater starb, erbte ich sein Reich mit diesem Ringe. Nun ließ sie mir feierlichst ihre Hand anbieten, wenn ich ihr den bewußten Ring als Bräutigam verehrten wollte. Ihr mögt leicht denken, wie sehr dieser Antrag verworfen wurde. Bald darauf vermählte ich mich mit dieser meiner schönen Gemahlin Gyrmantis.

Lange wandte Pfefferlüsch alles vergebens an, mich zu täuschen. Als aber die Königin von einem Knäblein entbunden war, da bot sich als Amme an, ohne daß weder ich noch sonst jemand vom Hofgesinde sie gekannt hätte. Als sich nun Pfefferlüsch eines Tags mit dem jungen Prinzen im Arm unbemerkt glaubte, entsprang sie durch eine Hintertreppe in die Gärten, um von da aus ihren Raub in ihre Waldhütte zu tragen. Ich aber sah sie vom Fenster aus, ahnete Verrat, und als wenn ich Flügel gehabt hätte, stand ich im Garten und eilte ihr nach. Aber leider war sie schon zu weit voraus; sie erreichte ihre Hütte und schloß hinter sich zu. Ich merkte nun, daß es Pfefferlüsch sei und geriet in Verzweiflung. Da rief sie mir heraus und sagte: ›Euren Knaben mögt Ihr gleich wieder haben, wenn Ihr mir den geraubten Ring gebt.‹ Ich war froh, einen Preis gefunden zu haben, um den ich mein Kind erkaufen konnte, und schob ihr den Ring durch eine Spalte. Sie nahm ihn, ohne herauszukommen und mir meinen Sohn zurückzugeben. Ich harrte bis abends, indem ich ihr ununterbrochen zurief. Sie hörte aber nicht. Da übermannte mich der Zorn, und ich dachte nicht mehr an die Macht, die ihr durch den Ring verliehen war. Ich trat an ein Fenster, und da ein Rosenstock davor stand, so nahm ich ihn und durchwarf damit die Scheiben, um in die Stube zu gelangen. Die Rosen wurden alle zerknickt, eine einzige Knospe blieb unversehrt. Und indem ich mir durchs Fenster Platz machte, da rief sie: ›Wenn Euch der Tod Eures Kindes nicht lieber ist, als daß ich es Euch zurückgebe, so steiget wieder hinunter.‹ Ich aber, der ich mich ganz in ihrer Gewalt sah, gehorchte ihrem Befehle. Darauf sagte sie: ›Erst laßt mich diesen Schaden wieder gutmachen.‹ Hiemit hob sie den Rosenstock auf, löste die zerknickten Rosen davon ab, nahm einen Scherben mit Erde und pflanzte die Wurzel hinein mit dem noch übrigen Knösplein. Nachdem dies geschehen war, drehte sie ihren Ring herum und sprach unter mancherlei Gebärden: ›Tue dich auf, o Knospe, dies Knäblein in dir zu verschließen!‹ Was sie wünschte, geschah in einer flüchtigen Sekunde. Ich stand lange betäubt über dies Wunder, das ich sah, ohne es zu begreifen. Endlich aber faßte mich die Verzweiflung. Ich stieß mit dem Fuß gegen die Hüttentüre, daß sie aufsprang. Da drehte die Fee abermals den Ring herum und ich sah mich in der Zwerggestalt, in der mich meine Gemahlin erblickt hat. ›Wollt Ihr,‹ begann die Arge, ›daß ich diese Rose schone und Euch die Freiheit lasse, so versprecht mir, nie die Grenzen dieses Waldes zu überschreiten, solange Ihr in dieser Gestalt lebt, nie zu entdecken, wer Ihr seid, und diese Rosenknospe niemals abzupflücken.‹ Ich mußte es versprechen, um das Dasein meines Kindes zu behüten. Aber da ich es selbst nicht durfte, so beredete ich ein Zwerglein aus dem Gefolge der Fee, mir jene Knospe zu brechen, und es gelang mir, meinen Sohn der Pflege seiner Mutter zu übergeben. Als jedoch Pfefferlüsch den Raub wahrnahm, ließ sie mich durch ihre Zwerge einholen, da ich den Wald nicht überschreiten durfte. Und sie sperrte mich in jenen Turm, aus welchem mich nur die Zaubernadel der Prinzessin Lilla befreit hat. – In ihren Händen mußte der getrocknete Rosenstengel Blumen treiben, denn das verblühte Paradies der Kindheit schießt in der Liebe wieder auf

Hier endigte der König seine Erzählung, und die Fee Pflasterhold nahm das Wort und sagte: »Nun sehet, schöne Lilla, daß ich recht hatte mit meiner Weissagung Die holdselige Lilla aber küßte stillschweigend die Hand der gütigen Fee, und das Hochzeitsfest ward begangen mit großem Pompe und Frohsinn, und Mädchen sangen zur Harfe die Geschichte des Sohns der Rose und der reizenden Lilla.

Die Nadel bewirkte Glück im Ehestande und Lilla gebar ihrem Gemahl einen Sohn, der beide Königreiche mit Ruhm beherrschte.

Aber noch heutigen Tages steht die Fee Pfefferlüsch unbeweglich am Wege, und die Wanderer fürchten sie noch jetzt und weichen ihr aus, wenn sie ihre Straße vorbeiführt.

Rainer Maria Rilke

Kunstmärchen

Wie der Verrat nach Rußland kam

er schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut auferlegen und drohte ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht Gold nach Moskau, in die weiße Stadt, schicken würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: Wir geben dir drei Rätselfragen auf. Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns die drei Lösungen. Sobald sie richtig sind, geben wir dir die zwölf Tonnen Goldes, die du von uns verlangst. Zuerst dachte der Zar Iwan Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn die vielen Glocken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und Räte vor sich, und jeden, der die Fragen nicht beantworten konnte, ließ er auf den großen, roten Platz führen, wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten, gebaut wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung verging ihm die Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach dem Orient, zu dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten. Er wußte auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war lang, und es war immer noch die Möglichkeit, einem Weisen zu begegnen; denn damals waren viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle Könige die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun allerdings nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen alten, bärtigen Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt, den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzulegen. Da war es nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder von der Kirche herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen Kaftan mitzunehmen. Er mußte so beständig auf- und niederklettern, und es war garnicht abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle vielhundert Latten an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb ungeduldig: »Dummkopf«, schrie er (so nennt man in Rußland meistens die Bauern), »du solltest dich tüchtig beladen mit deinem Holz und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei weitem einfacher Der Bauer, der gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand über die Augen und antwortete: »Das mußt du schon mir überlassen, Zar Iwan Wassiljewitsch, jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon hier vorüberreitest, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du am weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen müssen.« Und er schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. »Was soll ich dir geben zum Lohne fragte er endlich. »Nichts« , machte der Bauer, holte eine Latte und wollte auf die Leiter steigen. »Halt befahl der Zar, »das geht nicht an, du mußt dir etwas wünschen.« »Nun, Väterchen, wenn du befiehlst, gieb mir eine von den zwölf Tonnen Goldes, welche du von den Fürsten im Orient erhalten wirst »Gut – nickte der Zar. »Ich gebe dir eine Tonne Goldes Dann ritt er eilends davon, um die Lösungen nicht wieder zu vergessen.

Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen war aus dem Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fünftorigen Kreml ein und schüttete eine Tonne nach der anderen auf die glänzenden Dielen des Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold entstand, der einen großen schwarzen Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte der Zar auch die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder füllen, aber es tat ihm leid, soviel Gold von dem herrlichen Haufen wieder fortnehmen zu müssen. In der Nacht ging er in den Hof hinunter, schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war, kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold über den Sand und schickte die Tonne mit dem nächsten Morgen durch einen Boten in die Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als dieser den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange nicht fertig war, und rief: »Du mußt nicht näher kommen, mein Freund, reise zurück samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein knappes Viertel Gold enthält; ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, bisher hat es keinen Verrat in Rußland gegeben. Er aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken sollte, daß er sich auf keinen Menschen verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrät, und von Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Rußland viele Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben. Ich erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er aber hat mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren Iwan Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau sitzt mit seinem bösen Gewissen und in einem goldenen Kleid

Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten lagen nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der Mann entsetzt zurück nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und erzählte ihm ziemlich unverständlich, was sich begeben hatte, und daß der vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen sei, als Gott selbst.

Der Drachentöter

s war ein schönes und fruchtbares Land mit Wäldern, Feldern, Flüssen, Straßen und Städten. Ein König war darüber gesetzt von Gott, ein Greis, älter und stolzer als alle Könige, von denen man je Glaubwürdiges gehört hat. Dieses Königs einziges Kind war ein Mädchen von großer Jugend, Sehnsucht und Schönheit. Der König war verwandt mit allen Thronen der Nachbarschaft, seine Tochter aber war noch ein Kind und allein, wie ohne alle Verwandtschaft. Gewiß war ihre Sanftmut und Milde und die Macht ihres unerwachten stillen Angesichtes die unschuldige Ursache jenes Drachens, welcher, je mehr sie emporwuchs und aufblühte, desto näher heranschlich und sich endlich im Walde vor der schönsten Stadt des Landes, wie der Schrecken selber, niederließ; denn es bestehen geheime Beziehungen zwischen dem Schönen und dem Schrecklichen, an einer bestimmten Stelle ergänzen sich beide wie das lachende Leben und der nahe tägliche Tod.

Damit ist nicht gesagt, daß der Drache der jungen Dame feindlich war, wie ja auch niemand auf Ehre und Gewissen sagen kann, ob der Tod des Lebens Widersacher ist. Vielleicht hätte das große kochende Tier sich wie ein Hund neben dem schönen Mädchen niedergelegt und es wäre vielleicht nur durch die Abscheulichkeit der eigenen Zunge abgehalten worden, die lieblichsten Hände in tierischer Demut zu liebkosen. Aber man ließ es natürlich auf eine Probe nicht ankommen, zumal der Drache gegen alle, die zufällig in den Kreis seiner Kraft traten, erbarmungslos war und, einem sichtbaren Tode vergleichbar, alles, Kinder und Herden nicht ausgenommen, ergriff und behielt.

Der König wird es zuerst mit hoher Befriedigung vermerkt haben, daß diese Not und Gefahr viele Jünglinge seines Landes zu Männern machte. Diese jungen Leute aus allen Ständen, Adelige, Priesterschüler und Knechte, zogen aus wie in ein fremdes, fernes Land, hatten das Heldentum einer einzigen, heißen, atemlosen Stunde, in der sie Leben und Tod hatten und Hoffnung und Angst und alles – wie im Traum. Schon nach einigen Wochen fiel es keinem mehr ein, diese kühnen Söhne zu zählen und ihre Namen irgendwo aufzuzeichnen. Denn in solchen bangen Tagen gewöhnt sich das Volk auch an Helden; sie sind dann nichts Unerhörtes mehr. Das Gefühl, die Furcht, der Hunger von Tausenden schreit nach ihnen, und sie sind da, wie eine Notwendigkeit, wie Brot, von jenen letzten Gesetzen bedingt, die auch in den Zeiten des Unheils nicht aufhören zu wirken.

Als aber die Zahl derer, welche sich nach hoffnungsloser Gegenwehr opferten, immer noch wuchs, als fast in jeder Familie des Landes der beste Sohn (und oft noch in knabenhafter Jugend) gefallen war, da begann der König mit Recht zu fürchten, daß alle Erstlinge seines Landes zugrunde gehen könnten und daß zu viele junge Mädchen eine jungfräuliche Witwenschaft auf sich nehmen müßten für die langen Jahre eines kinderlosen Frauenlebens. Und er versagte seinen Untertanen den Kampf. Fremden Kaufleuten aber, die in namenlosem Entsetzen aus dem heimgesuchten Lande flohen, gab er eine Kunde mit, welche Könige, in ähnlicher Lage, seit alten Zeiten verbreiten ließen: wem es gelänge, das arme Land von diesem großen Tode zu befreien, der sollte die Hand der Königstochter erhalten, mag er von Adel sein oder eines Henkers letzter Sohn.

Und es zeigte sich, daß auch die Fremde voller Helden war, und daß der hohe Preis seine Wirkung nicht verfehlte. Die Fremden waren aber nicht glücklicher als die Einheimischen: sie kamen nur, um zu sterben.

In der Tochter des Königs ging in diesen Tagen eine Veränderung vor; wenn ihr Herz bis jetzt, von der Trauer und dem Verhängnis des Landes bedrückt, den Untergang des Untiers erflehte, so verbündete sich nun, da sie einem starken Unbekannten zugesprochen war, ihr naives Gefühl dem Bedränger, dem Drachen, und es kam so weit, daß sie in der Aufrichtigkeit des Traumes Gebete zu seinen Gunsten erfand und von heiligen Frauen verlangte, daß sie das Ungeheuer in ihren Schutz nehmen sollten.

Eines Morgens, als sie aus solchen Träumen voll Scham erwachte, kam ein Gerücht zu ihr, das sie erschreckte und verwirrte. Man erzählte sich von einem jungen Menschen, der – Gott weiß woher – zum Kampfe gekommen war, und dem es allerdings nicht gelang, den Drachen zu töten, wohl aber wund und blutend aus den Klauen des gräßlichen Feindes sich loszureißen und in den dichtesten Wald sich zu verkriechen. Dort fand man den Bewußtlosen, kalt in seiner kalten eisernen Schale, und brachte ihn in ein Haus, wo er nun in tiefem Fieber lag, mit heißem Blut hinter den brennenden Verbänden.

Als das junge Mädchen diese Nachricht vernahm, wäre sie gerne, wie sie war, in ihrem Hemde von weißer Seide, durch die Straßen gelaufen, um an dem Lager des Todkranken zu sein. Aber als die Kammermädchen sie angekleidet hatten, und sie ihr wunderschönes Kleid und ihr trauriges Gesicht in den vielen Spiegeln des Schlosses gehen und kommen sah, da verließ sie der Mut, so Ungewöhnliches zu wagen. Sie brachte es nicht einmal über sich, irgendeine verschwiegene Dienerin in das Haus zu senden, darin der fremde Kranke lag, um ihm eine Linderung zu schaffen, feine Leinwand oder eine sanfte Salbe.

Aber es war eine Unruhe in ihr, die sie beinahe krank machte. Bei Einbruch der Nacht saß sie lange am Fenster und suchte das Haus zu erraten, in dem der fremde Mann starb. Denn, daß er starb, schien ihr selbstverständlich. Nur Eine hätte ihn vielleicht retten können, aber diese Eine war viel zu feige, ihn zu suchen. Dieser Gedanke, daß das Leben des wunden Helden in ihre Hand gegeben sei, verließ sie nicht mehr. Dieser Gedanke stieß sie endlich nach dem dritten Tage, den sie so in Qualen und Selbstvorwürfen verbracht hatte, in die Nacht hinaus, in eine schwarze, bange, regnende Frühlingsnacht, in der sie herumirrte, wie in einem dunklen Zimmer. Sie wußte nicht, woran sie das Haus erkennen würde, das sie suchte. Aber sie erkannte es ohneweiters an einem Fenster, das weit offen stand, an einem Licht, das drinnen im Zimmer brannte, einem langen seltsamen Licht, bei dem niemand lesen oder schlafen konnte. Und langsam ging sie an dem Hause vorbei, hilflos, arm, versunken in die erste Traurigkeit ihres Lebens. Sie ging weiter und weiter. Der Regen hatte aufgehört; über losen Wolkenstreifen standen einzelne große Sterne, und irgendwo in einem Garten sang eine Nachtigall den Anfang ihrer Strophe, die sie noch nicht vollenden konnte. Sie hob immer wieder fragend an, und ihre Stimme war groß und gewaltig aus der Stille gewachsen, wie die Stimme eines Riesenvogels, dessen Nest auf den Wipfeln von neun Eichen ruht.

Als die Prinzessin endlich die Blicke, in denen Tränen standen, von ihrem langen Wege erhob, sah sie einen Wald und einen Streifen Morgen dahinter. Und vor diesem Streifen hob sich etwas Schwarzes ab, das sich zu nähern schien. Es war ein Reiter. Unwillkürlich drückte sie sich in das dunkle, nasse Gebüsch. Er ritt langsam an ihr vorbei, und sein Pferd war schwarz von Schweiß und bebte. Und er selbst schien zu zittern: alle Ringe seines Panzers klangen leise aneinander. Sein Haupt war ohne Helm, seine Hände waren bloß, sein Schwert hing schwer und müde herab. Sie sah sein Gesicht im Profil; es war heiß, mit verwehtem Haar.

Sie sah ihm nach, lange. Sie wußte: er hat den Drachen getötet. Und ihre Traurigkeit fiel ihr ab. Sie war kein verirrtes, verlorenes Ding mehr in dieser Nacht. Sie gehörte ihm, diesem fremden, zitternden Helden, sie war sein Besitz, als ob sie eine Schwester seines Schwertes wäre.

Und sie eilte nach Hause, um ihn zu erwarten. Sie kam unbemerkt in ihre Gemächer, und sobald es anging, weckte sie die Kammermädchen und ließ sich das schönste ihrer Kleider bringen. Während man es ihr anzog, erwachte die Stadt zu lauter Freude. Die Menschen jubelten und die Glocken überschlugen sich fast in den Türmen. Und die Prinzessin, die diesen Lärm hörte, wußte plötzlich, daß er nicht kommen würde. Sie versuchte, sich ihn vorzustellen, umwogt von der lauten Dankbarkeit der Menge: sie vermochte es nicht. Fast ängstlich suchte sie sich das Bild des einsamen Helden, des Zitternden, zu erhalten, wie sie ihn gesehen hatte. Als ob es wichtig wäre für ihr Leben, das nicht zu vergessen. Und dabei war ihr so festlich zu Mut, daß sie, obwohl sie wußte, daß niemand kommen würde, die Kammermädchen, die sie schmückten, nicht unterbrach. Sie ließ sich Smaragden und Perlen ins Haar verflechten, das sich, zum größten Erstaunen der Dienerinnen, feucht anfühlte. Die Prinzessin war fertig. Sie lächelte den Kammermädchen zu und ging, etwas bleich, an den Spiegeln vorbei, im Geräusche ihrer weißen Schleppe, die weit hinter ihr herkam.

Der greise König aber saß, ernst und würdig, im hohen Thronsaal. Die alten Paladine des Reiches standen um ihn und glänzten. Er wartete auf den fremden Helden, den Befreier.

Der aber ritt schon weit von der Stadt, und es war ein Himmel voll Lerchen über ihm. Hätte ihn jemand an den Preis seiner Tat erinnert, vielleicht wäre er lachend umgekehrt; er hatte ihn ganz vergessen.

Theodor Storm

Märchen

Die Regentrude

inen so heißen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht wieder gegeben. Kein Grün fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier lag verschmachtet auf den Feldern.

Es war an einem Vormittag. Die Dorfstraßen standen leer; was nur konnte, war ins Innerste der Häuser geflüchtet; selbst die Dorfkläffer hatten sich verkrochen. Nur der dicke Wiesenbauer stand breitspurig in der Torfahrt seines stattlichen Hauses und rauchte im Schweiße seines Angesichts aus seinem großen Meerschaumkopfe. Dabei schaute er schmunzelnd einem mächtigen Fuder Heu entgegen, das eben von seinen Knechten auf die Diele gefahren wurde. – Er hatte vor Jahren eine bedeutende Fläche sumpfigen Wiesenlandes um geringen Preis erworben, und die letzten dürren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit blanken Krontalern gefüllt.

So stand er auch jetzt und rechnete, was bei den immer steigenden Preisen der Überschuß der Ernte für ihn einbringen könne. »Sie kriegen alle nichts«, murmelte er, indem er die Augen mit der Hand beschattete und zwischen den Nachbarsgehöften hindurch in die flimmernde Ferne schaute; »es gibt gar keinen Regen mehr in der Welt