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DIE NEUEN FÄLLE DES MEISTERDETEKTIVS

SHERLOCK HOLMES

 

 

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In dieser Reihe bisher erschienen:

 

3001 – Sherlock Holmes und die Zeitmaschine von Ralph E. Vaughan

3002 – Sherlock Holmes und die Moriarty-Lüge von J. J. Preyer

3003 – Sherlock Holmes und die geheimnisvolle Wand von Ronald M. Hahn

3004 – Sherlock Holmes und der Werwolf von Klaus-Peter Walter

3005 – Sherlock Holmes und der Teufel von St. James von J. J. Preyer

3006 – Dr. Watson von Michael Hardwick

3007 – Sherlock Holmes und die Drachenlady von Klaus-Peter Walter

3008 – Sherlock Holmes jagt Hieronymus Bosch von Martin Barkawitz

3009 – Sherlock Holmes und sein schwierigster Fall von Gary Lovisi

3010 – Sherlock Holmes und der Hund der Rache von Michael Hardwick

Michael Hardwick

 

 

SHERLOCK HOLMES

und der Hund der Rache

 

 

Basierend auf den Charakteren von

Sir Arthur Conan Doyle

 

 

Aus dem Englischen von
Ralph Sander

 

 

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Michael Hardwick (1924-1991) wurde im englischen Leeds geboren und verbrachte wie Dr. Watson einen Großteil seines Lebens auf Reisen. Er verfasste von Kindesbeinen an Texte und arbeitete später als Zeitungsjournalist, war führender Drehbuchautor, Leiter des Bereichs Drama bei der BBC und Theaterschriftsteller. Aus seiner Feder stammen Hunderte von Skripten für Radio- und Fernsehproduktionen.

Bekannt wurde er weltweit durch seine Sherlock-Holmes-Pasticcios. Sie gehören für viele Eingeweihte zu den besten Werken, die nach dem Tod von Sir Arthur Conan Doyle verfasst wurden. Darüber hinaus zeichnete er für Bühnenadaptionen der Geschichten verantwortlich, die berühmten BBC-Radiofassungen und den Roman zum Film Das Privatleben des Sherlock Holmes von Billy Wilder. Seine Verbundenheit mit Dr. Watson nahm beinahe unheimliche Züge an und ermöglichte ihm, sich mit ihm zu identifizieren und ihn glaubhafter zu beschreiben als jeder andere Schriftsteller – außer Doyle selbst.

Nach Christopher Morley war Hardwick der zweite Träger des „Sign of the Four“ der amerikanischen Sherlock-Holmes-Gesellschaft Baker Street Irregulars, mit dem nur die würdigsten Nachlassverwalter des Detektivs ausgezeichnet werden.

© 2015 by BLITZ-Verlag

Redaktion: Jörg Kaegelmann

Aus dem Englischen von Ralph Sander

Lektorat: Dr. Richard Werner

Titelbildgestaltung: Mark Freier

Satz: Winfried Brand

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-95719-209-7

KAPITEL 1

 

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Sherlock Holmes von meinen Absichten wusste oder nicht. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass er eine gewisse Vorahnung hatte. Seine Anspielungen waren dahin gehend einfach zu offensichtlich, und seine Taktiken, mit denen er mich dazu verleiten wollte, alles preiszugeben, waren allzu leicht zu durchschauen.

Es war früh im Sommer des Jahres 1902. Edward VII. war zwar seit dem Tod seiner Mutter, Queen Victoria, im Januar des vorangegangenen Jahres unser Monarch, doch seine Krönung stand immer noch aus. Große Zeremonien und Feierlichkeiten hatten nicht zur Debatte gestanden, während sich unser alles andere als triumphaler Krieg in Südafrika dahinschleppte. Nachdem der nun endgültig hinter uns lag, stand einer Krönung nichts mehr im Wege. Pflichtbewusst reisten die Vertreter aller europäischen Königshäuser nach London, aber zwei Tage vor dem feierlichen Ereignis wurde der König von schweren Leibschmerzen heimgesucht. Sir Frederick Treves, sein Leibarzt, leitete umgehend eine Operation ein, von der sich der König sehr rasch erholte. Nach nur zwei Wochen war er praktisch völlig genesen, und das Wort Blinddarmentzündung war mit einem Mal in aller Munde. Zu diesem Zeitpunkt jedoch waren all die ungeduldigen adligen Gäste längst wieder abgereist.

Am ersten Julitag kehrte ich von einem wunderbaren Spaziergang zu Bloomsbury in die Baker Street zurück. Ich ließ mich dankbar im Salon vor dem lodernden Kaminfeuer im Sessel nieder, um mein schmerzendes Bein und meine brennenden Füße auf den Kaminvorsetzer aus Messing hochzulegen. Das Wetter war schwül geworden, und auch wenn ich das Gefühl gehabt hatte, über dem Boden zu schweben, war ich in Wahrheit über das Londoner Pflaster gelaufen, das ungewöhnlich hart und von einer eigenen Hitze erfüllt zu sein schien.

Pure Erhabenheit meiner Laune hatte mich davon abgehalten, eine Droschke zu nehmen. Ich war voller Stolz, meine Aura derart zur Schau zu tragen, dass jeder sie sehen konnte, war wie bei der Fahnenparade durch Straßen spaziert, die noch immer anlässlich der Krönung geschmückt waren, obwohl man das Ereignis längst verschoben hatte.

Als ich eintrat, sah Holmes zu mir herüber. Er saß in seinem Sessel und hatte seinen Morgenmantel locker umgelegt. Während er das dicke Album mit Zeitungsausschnitten zuklappte, in dem er geblättert hatte, wanderten seine stechenden Augen über meinen Leib, bis der Blick meine Stiefel erreicht hatte und dort haften blieb. Seine Neugier angesichts meines häufigen Kommens und Gehens in der letzten Zeit war nicht zu übersehen gewesen. Seine hoch empfindlichen Sinne mussten es ihm ermöglicht haben, einige Dinge zu folgern, doch sein kühler Stolz gestattete es ihm nicht, um eine Bestätigung seiner Vermutungen zu bitten. Bevor er eine wichtige Frage stellte, war es ihm am liebsten, dass er die Antwort darauf bereits kannte.

„Wieso ausgerechnet türkisch?“, begrüßte er mich verhalten.

Ich beschloss, es ihm ein wenig heimzuzahlen. Schon zu oft hatte er sich auf meine Kosten amüsiert. „Englisch“, antwortete ich und bewegte meine Füße. „Ich habe sie bei Latimer‘s in der Oxford Street gekauft.“

„Das Bad, nicht die Stiefel“, sagte er. „Das Bad. Warum ein entspannendes und kostspieliges Türkisches Bad, wenn das heimische ungleich günstiger und zudem belebend ist?“{1}

„Weil“, gab ich zurück, „ich mich in den letzten Tagen rheumatisch und alt gefühlt habe. Ein Türkisches Bad ist das, was wir in der Medizin als eine Alternative bezeichnen. Ein erfrischender Neustart, eine Reinigung des Körpers.“ Ich fügte Letzteres hinzu, da eine Verbindung zwischen meinen Stiefeln und einem Türkischen Bad für ihn durchaus logisch sein mochte, für mich jedoch nicht. Mehr als zwanzig Jahre Erfahrung mit seinen Methoden hatten mich genug gelehrt, um in der Lage zu sein, seine nun folgende hochtrabende Erwiderung zu durchschauen.

„Die Argumentationskette ist nicht allzu schwierig, Watson. Sie gehört zu den gleichen Grundlagen des Schlussfolgerns, die ich veranschaulichen würde, wenn ich Sie fragte, mit wem Sie die Droschke geteilt haben, mit der Sie heute Morgen gefahren sind.“

Das kam einem Hinterherschnüffeln gleich. Wäre ich nicht so guter Laune gewesen, dann hätte ich heftig widersprochen. Doch dieses eine Mal behielt ich die Oberhand, und so konnte ich es mir leisten, mich in meinem Sessel nach hinten zu lehnen und ihm zuzusehen, wie er versuchte, mich dazu zu bringen, ihn in meine Karten schauen zu lassen.

Wegen der Dreckspritzer, die er auf meinem linken Ärmel und an meiner linken Schulter zu sehen behauptete, folgerte er, dass ich den Platz in einer zweirädrigen Droschke mit jemandem geteilt hatte. Wäre ich allein gewesen, so erklärte er, hätte ich in der Mitte Platz genommen und wäre dort vor Spritzern geschützt gewesen.

Ich machte mir nicht die Mühe, ihn darauf hinzuweisen, dass die Straßen zum ersten Mal in diesem schlechten Sommer trocken waren. Stattdessen fragte ich: „Aber die Stiefel und das Bad?“

„Gleichermaßen kindisch.“ Er deutete mit dem Stiel seiner Pfeife auf meine Füße. „Sie haben die Angewohnheit, Ihre Schnürsenkel auf eine ganz bestimmte Weise zu schnüren. Wie ich sehe, sind sie heute zu einem kunstvollen Doppelknoten geschnürt, der nicht Ihrer üblichen Methode entspricht. Demzufolge haben Sie Ihre Stiefel zwischenzeitlich ausgezogen. Wer hat sie geschnürt? Ein Schuhmacher oder der Wärter im Bad? Dass es der Schuhmacher war, ist unwahrscheinlich, da Ihre Stiefel so gut wie neu sind. Nun, wer bleibt da noch übrig? Der Junge im Bad. So simpel, nicht wahr?“ Er überspielte seine Bemühungen, mein Geheimnis in Erfahrung zu bringen, damit, dass er seine abgenutzte Bruyère anzündete und dichte Rauchwolken ausstieß. Meine Weigerung, auf seinen Köder anzusprechen, war für ihn die Bestätigung, dass ich ein Geheimnis verbarg. Und allem Anschein nach war er der Meinung, dass es ihn beträfe. Das stimmte auch, doch diese Enthüllung konnte warten. Ich war noch nicht bereit, ihm zu sagen, dass eine gewisse junge amerikanische Lady sich soeben einverstanden erklärt hatte, die dritte Mrs John H. Watson zu werden.

KAPITEL 2

 

„So, John“, hatte meine liebe Coral gesagt, als sie den letzten der Doppelknoten festzog. Sie kniete neben dem gepolsterten Hocker, auf den ich meine Stiefel gestellt hatte, und sah auf, um mich anzulächeln. „Die werden so bald nicht wieder aufgehen.“

„Ich werde sie den ganzen Abend tragen“, sagte ich, „weil du sie geschnürt hast.“

Dieser Moment war noch nicht ganz eine Stunde her, abgespielt hatte er sich in dem Haus, in dem sie mit ihrer Tante Henrietta am Russell Square wohnte. Obwohl beide sich gleich um die Ecke vom Britischen Museum eingemietet hatten, waren sie wenige Monate zuvor im unwirtlichen Februar nicht aus wissenschaftlichen Gründen aus den Vereinigten Staaten hierher gekommen. Vielmehr wollte Tante Henrietta nach den beiden Rennpferden sehen, die einige Wochen zuvor hergebracht worden waren, damit sie rechtzeitig für die Rennsaison trainiert wurden.

Mit vollem Namen hieß sie Mrs Henrietta Wilmington Atkins, abkömmlich aus Omaha im Staate Nebraska. Ihrem Ehemann gehörte Land, das auf halber Strecke nach Kansas City gelegen war und das er zum größten Teil an kleine Farmer verpachtet hatte. Ich war ihr zum ersten Mal im Mai anlässlich eines Militärturniers begegnet. Zutritt dorthin hatte mir eine kostenlose Eintrittskarte verschafft, die Holmes von einem zufriedenen Klienten aus den Reihen des Militärs überreicht worden war. Holmes hatte mir die Karte über den Frühstückstisch zugeworfen, begleitet von verächtlichem Gemurmel darüber, wie dumm es sei, so kurz nach dem Fiasko in Südafrika derart säbelrasselnden Pomp zu präsentieren.

Mein Platz erwies sich als einer der Besten in der Grand Agricultural Hall von Islington. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Nähe einer passend gekleideten Dame in ansprechendem mittleren Alter, die mich anlächelte, während ich mich setzte. Kaum hatte ich Platz genommen, stellte sie sich mir mit jener amerikanischen Direktheit vor, die man entweder begrüßt oder ablehnt. Ihr Akzent war eindeutig der des Mittleren Westens. Ihr Auftreten war von einer durch Reichtum erlangten Selbstsicherheit geprägt.

„Und dies“, fügte sie an und deutete dabei auf ihre jüngere Begleiterin, „ist meine Nichte, Miss Coral Atkins.“

Ich verbeugte mich und begrüßte sie beide mit Handschlag, während ich mich vorstellte. Miss Atkins war ungefähr siebenundzwanzig. Auch sie trug ein teures Kleid. Gesicht und Gestalt waren von einer erfrischenden Schönheit, die sie von den anderen anwesenden, modisch gekleideten Damen unterschied. Ihr Haar war von einem kupfernen Farbton, ihre Haut war so blass wie Porzellan, und ihre weißen Zähne strahlten so, wie man es oft bei amerikanischen Frauen beobachten kann. Mich wunderte, dass sie nicht verheiratet war, doch ihre Tante hatte sie mir ausdrücklich als Miss vorgestellt.

„Coral ist meine Lieblingsnichte, nicht wahr, meine Liebe?“, verriet Mrs Atkins. „Sie ist zum ersten Mal in England. Ich komme jedes Jahr her, seit mein Mann mich 1886 erstmalig hierher mitnahm. Ach, Coral, ist er nicht ein schrecklicher Mann, dein Onkel Gabriel? Wissen Sie, was er sagt?“, fügte sie an und legte den Kopf ein wenig schräg, als sie sich wieder zu mir umdrehte. Ich erwartete beinahe, dass sie mich mit dem Ellbogen in die Rippen stieß, während sie lachte und mit noch breiterem Akzent sprach: „London ist ja nicht schlecht, aber Nebraska ist mir viel, viel lieber.“

Ihre Nichte stimmte in das Gelächter ein, während ich zu einem rücksichtsvollen Schmunzeln ansetzte. „Dann ist Ihr Gatte also nicht mitgekommen?“, fragte ich.

„O nein“, erwiderte sie. „Das macht er schon längst nicht mehr. Aber mich hält das nicht ab. Ich liebe es hier einfach, nicht wahr, meine Liebste?“

Miss Atkins lächelte bestätigend.

Ich befand mich an der Schwelle zu meinem fünfzigsten Lebensjahr. Seit fast zehn Jahren war ich wieder Witwer, nachdem meine geliebte Mary 1893 viel zu früh aus dem Leben geschieden war. Meine Einsamkeit war bereits im Jahr darauf durch Sherlock Holmes‘ Rückkehr von den Toten auf freudige Weise beendet worden. Mir, und auch dem Rest der Welt, war zu der Zeit nicht bekannt gewesen, dass er sich in den drei Jahren nach seinem todbringenden Kampf mit seinem Erzfeind Professor James Moriarty, dem Napoleon des Verbrechens, an den Reichenbach-Fällen in der Schweiz inkognito in Europa und Teilen Asiens aufgehalten hatte. Nach seiner Rückkehr hatte es mir genügt, mit ihm wieder die alten Räumlichkeiten in der 221B Baker Street zu teilen. Der Gedanke, noch einmal zu heiraten, war mir nur äußerst flüchtig in den Sinn gekommen. Es ist Mrs Henrietta Wilmington Atkins, oder Henry, wie sie genannt werden möchte, zu verdanken, dass ich abermals begann, mich mit diesem Gedanken vertraut zu machen.

Während die Kavalleriepferde durch die Arena in der großen Halle stolzierten und die Befehle und die Trompetenklänge von dem hohen eisernen Dach zurückschallten, überschüttete sie mich mit Fragen, was da genau vor sich ging. Mein Wissen über das Militär schien sie zutiefst zu beeindrucken, da sie das Coral gegenüber immer wieder verlauten ließ. Ihre Augen glänzten vor Bewunderung, als ich beiläufig meine Beteiligung am Afghanistan-Feldzug von 1880 erwähnte, von dem sie nie etwas gehört hatten. Auf ihre ängstliche Frage hin musste ich erklären, dass ich auf dem Höhepunkt der Schlacht von Maiwand von der Kugel einer Muskete an der Schulter und während des Rückzugs von einem weiteren Geschoss am Bein getroffen worden war. Mrs Atkins legte mitfühlend eine Hand auf meinen Arm und bestand darauf, dass ich mich anschließend mit ihnen zum Abendessen begab und ihnen alles über dieses schreckliche Maiwand-Massaker erzählte, dem ich glücklicherweise lebend entkommen konnte.

Wir gingen zum Hotel Russell, das gleich gegenüber ihrem gemieteten Haus in der Russell Street lag. Während der Kutschfahrt zurück von Islington fragte mich Mrs Atkins immer wieder nach den Namen der Londoner Sehenswürdigkeiten, die wir passierten. All das geschah ausschließlich zugunsten von Coral. Auch beim Abendessen verhielt es sich nicht anders. Doktor Watson, warum erzählen Sie Coral nicht von …? Darling, bitte den Doktor doch, dir zu erklären … Ich möchte gerne Ihre Meinung wissen, Doktor, damit Coral hört …

„John … Ihr Name ist doch John, nicht wahr? Dies ist Coral, wie Sie wissen. Und mich müssen Sie einfach Henry nennen, als Kurzform für Henrietta.“

Die Kellner hatten die Damen wie gute Bekannte begrüßt, und wenig später standen zwei Flaschen Champagner auf dem Tisch. Offensichtlich waren sie daran gewöhnt, es sich gut gehen zu lassen. Ich war durchaus willens da mitzuhalten, und nach dem Abendessen ging ich nur zu gern mit ihnen über die Straße für einen Schlummertrunk. Das Haus war sehr prachtvoll, und die beiden waren es offensichtlich gewöhnt, in solchen Räumlichkeiten zu leben. Ich empfand die beiden als ein fröhliches, ungezwungenes Paar, das um diese Zeit noch einen Mann zu Gast hat, den sie erst an diesem Abend kennengelernt hatten.

„Nun, Miss Atkins“, sprach ich die junge Frau an, als ihre Tante vorübergehend das Zimmer verlassen hatte. „Wie gefällt es Ihnen hier?“

„Nennen Sie mich doch bitte Coral, John“, erwiderte sie und setzte sich zu mir auf das Sofa. „Ich finde, dass England einfach wundervoll ist. Ich kann verstehen, warum Tante Henry immer wieder herkommt.“

„Vielleicht möchten Sie ja auch wieder herkommen“, schlug ich vor, doch im gleichen Moment wurde mir klar, dass diese Reise vielleicht eine Art letzter Urlaub war, bevor sie in Amerika heiratete und sich häuslich niederließ. Sie trug an ihren zierlichen Fingern zwar keinen Verlobungsring, doch mit den Traditionen des Mittleren Westens war ich nicht so umfassend vertraut.

Wie sie mir erzählte, stammte sie eigentlich gar nicht aus dieser Gegend. Mir war bereits aufgefallen, dass sie fast ohne Akzent sprach, und die leichte Färbung ihrer Stimme war deutlich anders als der Dialekt ihrer Tante.

„Ich bin in Philadelphia, Pennsylvania, geboren und aufgewachsen. Meine Eltern sind vor zwei Jahren bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte ich und war gerührt, als sie verstummte und den Kopf einen Moment lang sinken ließ. Sie erholte sich jedoch schnell von ihrer Trauer und sah mich an, wobei sich auf ihren Lippen wieder dieses bezaubernde Lächeln abzeichnete.

„Danke. Onkel Gabe ist der Bruder meines Daddys, auch wenn man das gar nicht glauben möchte. Es heißt, er sei wie ein ungeschliffener Diamant, aber er hat ein Herz aus Gold. Er und Tante Henry haben mich zu sich genommen. Sie sind so lieb und nett und sehr großzügig zu mir …“

„Unsinn!“, rief ihre Tante, die gerade durch die Tür kam. „Sie hat nur bekommen, was sie verdient hat. John, ich habe nachgedacht.“ Mit einer Handbewegung scheuchte sie Coral vom Sofa, um ihren Platz neben mir einzunehmen und mich ohne große Umschweife anzusprechen. „Sie ist die bestgelaunte junge Frau in ganz Omaha, aber wenn es um Pferde geht, kann sie nicht verleugnen, dass der Mittlere Westen nicht ihre Heimat ist. Ich habe gesehen, wie sie zu gähnen beginnt, wenn die hübschen Tiere Kopf an Kopf in Reihe stehen.“

„Ach, Tante“, protestierte Coral lachend.

Doch Henry ignorierte sie. „Wir werden bis zum Ende der Rennsaison in Ihrem Land bleiben. Mein Trainer hat die Klepper für eine ganze Reihe von Veranstaltungen angemeldet. Ich möchte an allen großen Rennen teilnehmen. Dieses arme Kind muss mir entweder die ganze Zeit über nachlaufen oder aber hier im Haus bleiben, wo niemand außer der Dienerschaft anwesend ist.“

„Das ist doch nicht schlimm, Tante“, warf Coral ein. „Wirklich nicht!“

„Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte“, begann ich langsam. „Ich kenne zwei oder drei Familien mit etwa gleich alten Töchtern. Ich bin sicher, sie wären erfreut, Coral unter ihre Fittiche zu nehmen, solange Sie nicht in der Stadt sind.“

„Ich weiß Ihren Vorschlag zu schätzen, John“, sagte Henry und nickte. „Doch so, wie ich mein Mädchen kenne, wird sie lieber allein hier verweilen. Sie braucht im Grunde nur jemanden, der sie ausführt. Sie wissen schon, ins Theater und anderswohin, wo eine junge Frau nicht allein erscheinen kann. Vielleicht ein oder zwei Ausflüge.“

Ich wollte ihr eben versichern, dass meine Freunde genau das tun würden, doch sie kam mir zuvor.

„Wie wäre es mit Ihnen, John?“

„Mit mir, Henry?“

„Wer wäre besser geeignet? Sie sind kein praktizierender Arzt mehr. Sie sind ein Gentleman der Muße, und ich kann einen wahren Gentleman von anderen auf den ersten Blick unterscheiden. Zudem kennen sie sich gut in London aus. Wenn Sie sich die Zeit nehmen könnten, dann würde die Kleine Sie voller Begeisterung überallhin begleiten, wohin Sie sie ausführen wollen. Ist es nicht so, Darling?“

„Ich kann unmöglich Johns Zeit in Anspruch nehmen, Tante.“

„Das geht natürlich auf meine Kosten“, fügte Henry fast beiläufig an.

„Meine werte Dame …“, begann ich, verstummte aber sofort wieder. Meine Invalidenpension und die wenigen Dividendeneinnahmen hätten nicht einmal annähernd die Kosten decken können, doch das Angebot war so verlockend, dass ich es kaum hätte ablehnen können. Henry musste meine Gedanken gelesen haben, da sie mir auf eine gewisse Art zuzwinkerte, die schockierend gewesen wäre, hätte es sich um eine englische Lady gehandelt.

„Machen Sie sich keine Gedanken darüber, was sich gehört. Der gute alte Teddy sitzt jetzt auf dem Thron, die Dinge werden sich ohnehin ändern. Aber Coral ist sowieso nicht der Typ, der eine Anstandsdame zur Seite haben muss. Sie ist ein gutes und braves Mädchen. Auf jedes Großmaul, das versucht, ihr etwas vorzumachen, wartet eine große Überraschung. Sie braucht keine alte Glucke wie mich, die auf sie aufpasst. Also, was sagen Sie, John?“

„Ich sage das, was Coral von mir hören will“, antwortete ich.

„Und ich sage: Ja, bitte!“, rief Coral glücklich.

Das war für mich der Beginn einer freudigen Zeit. Schon morgens beim Erwachen freute ich mich auf den anstehenden Tag. Holmes hatte gerade einen Fall abgeschlossen und wartete auf den nächsten. Also bekämpfte er seine Langeweile, indem er eine seiner Arbeiten über esoterische Forschung weiterführte. Er war zurückgezogen und schweigsam, und er schien mein Kommen und Gehen kaum zur Kenntnis zu nehmen. Fast ohne Ausnahme ging er um zehn Uhr abends schlafen, und seine Angewohnheit, erst spät aufzustehen, ersparte mir, am Frühstückstisch seinem durchdringenden Blick ausgesetzt zu sein.

Die Tage vergingen wie im Flug. Jeden Morgen um elf Uhr fand ich mich am Russell Square ein, von dort begleitete ich Coral in den Royal Park, zum Tower, in den Zoo und in die Museen. Wir besuchten den Crystal Palace, wir fuhren nach Greenwich und Blackheath, wo ich ihr das Feld zeigte, auf dem ich während meiner Zeit als Medizinstudent für den örtlichen Rugby-Club gespielt hatte. Dann sahen wir uns ein Spiel an, das gegen Ende der Rugby-Saison stattfand. Ich bemerkte die Blicke, die einige der Burschen Coral zuwarfen. Es überraschte mich, dass diese Blicke in mir ein solch besitzergreifendes Gefühl weckten.

Wir reisten in Ausflugszügen bis nach Ramsgate, Margate und Brighton, auf einem Vergnügungsdampfer fuhren wir auf der Themse stromauf- und stromabwärts. Während wir unsere Stimmung an die sorglosen Menschenmengen um uns herum anpassten, stimmten wir in die Klänge von Banjo und Mandoline mit ein. Let‘s all be merry, Drinking whisky, wine and sherry, On Coronation Day …

Ich hatte mich ihr gegenüber die ganze Zeit so verhalten, wie ich es einer Tochter gegenüber getan hätte. Natürlich geht ein Mann auch seinen Gedanken nach, und dabei wurde mir der Altersunterschied zwischen uns bewusst. Als Mary Morstan in mein Leben getreten war und Holmes seinen gefeierten Fall beschert hatte, den ich unter dem Titel Das Zeichen der Vier niederschrieb, da war ich sechsunddreißig gewesen, sie war acht Jahre jünger als ich. Wir hatten uns auf den ersten Blick ineinander verliebt, und da wir beide alleinstehend waren, konnten wir heiraten. Für mich war das das zweite Mal. Coral war jetzt in dem Alter, in dem sich Mary damals befunden hatte, während ich vor kurzem das halbe Jahrhundert vollendet hatte. Außerdem konnte ich mir vorstellen, dass sie wohlhabend war. Das war bei mir ganz entschieden nicht der Fall. Die Gedanken, die sich über sie in meinem Geist festgesetzt hatten, konnten daher mit Leichtigkeit, wenn auch mit Bedauern, verworfen werden.

Ihre Tante kehrte von Zeit zu Zeit in das Haus in Bloomsbury zurück, und wir drei waren eine glückliche Gesellschaft. Dennoch bevorzugte Henry es, ihren eigenen Weg zu gehen und Coral und mich uns selbst zu überlassen.

An einem warmen, trägen Nachmittag im Juni nahm ich sie mit, um mit ihr auf dem See des Regent‘s Park zu rudern. Sie saß aufrecht im Heck, den Blick auf mich gerichtet. Sie trug ihren großen, mit Blumen geschmückten Hut, das blass-lila Kleid und passende lange Handschuhe sowie einen Sonnenschirm, dessen Rand mit Fransen verziert war und der die perfekte Ergänzung zu ihrem attraktiven Äußeren bildete. Bewundernde Pfiffe, die von einigen Jungs in einem anderen Boot herüber gellten, brachten sie zum Lächeln. Als sie den jungen Männern kurz zuwinkte und die johlend reagierten, während sie ihre Hüte schwangen, versetzte es mir einen Stich in die Magengegend. Ich beschloss, dass der Zeitpunkt gekommen war, ein ganzer Mann zu sein und steuerte eine der kleinen Inseln an. Als wir das leicht ansteigende Ufer erreichten, das zum Teil unter weit überhängenden Zweigen der Bäume gelegen war, und während die braunen Enten angesichts der Störung ihrer Ruhe in alle Richtungen davonstoben, war ich entschlossen, alles auf eine Karte zu setzen.

„Coral, meine Liebste.“

„Ja, John?“

„Du hast sicherlich darüber nachgedacht, eines Tages zu heiraten.“

Sie hatte den linken Handschuh ausgezogen und hielt ihre Hand ins Wasser. Sie hob sie hoch, um zu sehen, wie das kristallklare Wasser sich an den Fingerspitzen ihrer gespreizten, ringlosen Hand sammelte.

„Ich habe darüber nachgedacht“, antwortete sie und hielt den Blick weiter auf ihre Hand gerichtet.

„Und?“

„Ich glaube, ich bin zuvor noch nie meinem Ehemann begegnet.“

Mein Herz machte einen Satz bis hinauf zum Himmel, während das Blut in meine Wangen schoss und sie zum Glühen brachte. „Ich hoffe, dass es jetzt geschehen ist …“

„Das habe ich auch gehofft, mein liebster John“, erwiderte sie leise.

KAPITEL 3

 

So verlobte ich mich, um ein drittes Mal zu heiraten. In meinem Zustand maßloser Freude verschwendete ich keinen Gedanken daran, welche Folgen dies möglicherweise für die einzigartige Karriere meines Freundes und Mitbewohners Sherlock Holmes, des größten Detektivs der Welt, haben mochte.

Mrs Atkins war zu der Zeit nicht in der Stadt, da sie mit einem Pferderennen befasst war. Coral und ich einigten uns darauf, gemeinsam mit ihr zu sprechen, sobald sie zurückkehrte, um den Segen ihrer Pflegeeltern einzuholen. Das Treffen war für den Morgen des Samstags, 28. Juni, geplant. Ein unglücklicher Zwischenfall verhinderte dies jedoch. Am Nachmittag des Freitags vor diesem Treffen wurde ich von dem berüchtigten amerikanischen Kriminellen Killer Evans angeschossen.

Die Umstände dieser Begebenheit habe ich in meiner Chronik mit dem Titel Die drei Garridebs festgehalten. Es war ein weiterer von diesen Fällen eines habsüchtigen Betrügers, der aus seinem gewohnten Umfeld gelockt wurde, weil ein Krimineller etwas auf dem Grundstück Verstecktes in seinen Besitz bringen wollte. Nur selten ist bei Holmes‘ Ermittlungen einer von uns beiden tatsächlich in Gefahr gewesen. Genauso selten war es erforderlich gewesen, von unseren Fäusten oder gar von Waffen Gebrauch zu machen. Für einen Mann, der sich keinerlei körperlicher Ertüchtigung verschrieben hatte, war Holmes bemerkenswert geschickt in der Anwendung diverser Kampfsportarten, wenn die Situation dies erforderte. Doch weiß ich nur von sehr wenigen Fällen, in denen es überhaupt einmal so weit gekommen war. Seine Waffe war sein Gehirn, jene überragende Steuereinheit für Beobachtungen, Folgerungen und angesammelte Daten, was in Schlussfolgerungen und Voraussagen gipfelte, die seine Freunde mit großer Regelmäßigkeit in Erstaunen versetzten und seine Gegner in Verwirrung stürzten.

Für Killer Evans, unseren Widersacher im Garrideb-Fall, stand allerdings weit mehr auf dem Spiel. Er hatte in Amerika und England mehrere Menschen ermordet. Nachdem er von Holmes und mir in eine Falle gelockt worden war, täuschte er vor, er würde sich ergeben, doch stattdessen zog er seinen Revolver. Die Verletzung, die ich in der Folge erlitt, war nur von oberflächlicher Natur, ich wurde nicht einmal zu Boden gerissen. Allerdings war es nötig, dass ich mich einige Tage hinlegte und ruhig verhielt. So dauerte es bis zum Dienstag,
1. Juli, ehe ich zum Russell Square gehen konnte, um das verschobene Treffen mit Tante Henry nachzuholen.

Sie überschüttete mich mit Mitgefühl, das aus den Tiefen ihres überquellenden amerikanischen Herzens kam. Sie ging über meinen Protest hinweg, es handele sich nur um einen Streifschuss am Oberschenkel, und bestand darauf, dass ich meine Füße auf einen Hocker hochlegte. Coral selbst brachte ihn zu mir und legte vorsichtig meine Beine darauf.

„Zieh dem armen Mann die Stiefel aus“, wies Henry sie an. „Es wird Ihnen gut tun, wenn Sie die Zehen bewegen können, John.“

Ich war darüber nicht glücklich, weil ich keine Hausschuhe hatte, die ich stattdessen anziehen konnte. „Vielleicht genügt es ja, wenn ich mit offenen Schnürsenkeln hier sitze“, schlug ich vor.

Coral kniete sich nieder, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Sie hatte mir versprochen, ihrer Tante noch nichts zu sagen, sodass wir das gemeinsam machen konnten. Angesichts dieser Absicht war ich umso erstaunter, als Henry sie aus dem Zimmer schickte und zu mir kam, um meine Hand zu nehmen. „Warum fragen Sie sie nicht, John?“

Mein Erstaunen sorgte dafür, dass ich nur stammeln konnte.

Sie machte eine ungeduldige Handbewegung, damit ich schwieg. „Sie ist die Richtige für Sie, und Sie könnten nicht geeigneter für sie sein. Warum noch warten? Fragen Sie sie geradeheraus.“

Es erschien mir überflüssig, ihr zu sagen, dass ich die Antwort auf diese Frage längst erhalten hatte. So kehrte ich als offiziell verlobter Mann in die 221B Baker Street zurück, und die Art, wie meine Verlobte an diesem wundersamen Nachmittag meine Schnürsenkel neu geschnürt hatte, bevor ich das Haus verließ, war für Sherlock Holmes jener Anlass, nach dem er gesucht hatte, um sein Verhör zu beginnen.

Ich konnte seine Angst verstehen. Er war ein Gewohnheitstier. Er war meine Gesellschaft gewohnt, und nicht zuletzt auch mein unerschütterliches Lob ob seiner Fähigkeiten. Unsere Räumlichkeiten, die auf eine professionelle Weise vollgestellt und vollgestopft waren, Mrs Hudsons unübertreffliche Kochkunst und Fähigkeiten als Haushälterin sowie die ruhige Regelmäßigkeit, mit der unser Leben verlief, passten hervorragend zu seiner ungeselligen Art. Das alles würde aus den Fugen geraten, wenn ich dieses Haus verließ.

Da er mich für verstockt hielt, weil ich ihm nicht sagte, was er herauszufinden suchte, änderte er seine Taktik. Als Erstes warf er sich in seinem Sessel nach hinten und zog wütend an seiner Pfeife, während die schiefergrauen Wolken seines starken Tabaks den Raum allmählich verdunkelten. Ich zündete mir selbst auch eine Pfeife an, jedoch mit einer leichteren Arcadia-Mischung, und zog genüsslich daran, während ich meinen erfreuten Gedanken nachging.

Nach und nach legte sich Holmes‘ Verärgerung. Er hörte auf, seine Pfeife im Abstand von wenigen Minuten immer neu zu entzünden, und schließlich ließ er sie in den Schoß sinken, während seine Augen ins Nichts starrten. Plötzlich sprang er auf und stützte sich auf den Kaminsims, wobei er einen Fuß im Hausschuh auf den Kaminvorsetzer stellte.

Einige Stunden waren inzwischen vergangen, seit ich vom Russell Square zurückkehrte. Der Abend war bereits deutlich fortgeschritten, und draußen wurde es allmählich dunkel. Unsere Lampe wurde entzündet, und das Feuer konnte sich von einem Glimmen zu einer gedämpften Flamme ausweiten. Während Holmes in das Feuer starrte, unterstrich das flackernde Licht seine hageren Züge. Eine Hand hatte er tief in seinem mausgrauen Morgenmantel vergraben. Sein Gesicht ruhte auf dem Arm, den er auf dem Kaminsims ausgestreckt hatte, vorbei an dem Durcheinander aus Pfeifen, Streichhölzern, Fidibussen, Päckchen mit halb aufgebrauchtem Tabak, Linsen, Fotografien, Umschlägen, unbeantworteten Briefen, die von einem Taschenmesser beschwert wurden, und den unzähligen anderen Objekten, für die er als Ablage diente. Mrs Hudson, unsere bewundernswerte Vermieterin und Haushälterin, hatte die strikte Anweisung, dort weder aufzuräumen noch Staub zu wischen.

„Ich bin fest entschlossen“, sagte er.

„In welcher Sache, Holmes?“

„Ich habe beschlossen, in den Ruhestand zu treten.“

„In den Ruhestand, Holmes?“, wiederholte ich. „Sie?“

„Können Sie sich nicht denken, warum?“

„Nein, das kann ich nicht“, erwiderte ich. „Um ehrlich zu sein, glaube ich es Ihnen nicht mal.“

Nachdem ich ihn so viele Jahre lang hatte beobachten können, konnte er mich mit dieser Nummer nicht täuschen. Er war so daran gewöhnt, von seinen Verdächtigen, zu denen er mich nun auch zu rechnen schien, das zu erfahren, was er hören wollte, dass er es nicht ertragen würde, einmal erfolglos zu bleiben. Er würde zu jedem noch so melodramatischen Mittel greifen, um herauszufinden, was er wissen wollte.

Er zog seinen Fuß zurück und ließ seinen Arm sinken, ehe er sich wieder in den Sessel fallen ließ. Mit einer Ausdruckskraft, wie sie Beerbohm Tree nicht hätte übertreffen können, wurde er kurz von Leben erfüllt, um mit dem Schürhaken einige Male hilflos in den Kohlen zu stochern, dann ließ er ihn auf den Rost fallen, während er selbst nach hinten sank.

„Meine Zeit ist aus dem Ruder gelaufen“, erklärte er mit einer hohlen Stimme, die gut zu Marleys Geist gepasst hätte. „Das Leben, Watson, ist an mir vorübergezogen. Es ist höchste Zeit, dass ich aufhöre, mich wie ein Ehrfurcht gebietender Quacksalber in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen.“

„Ihr Quacksalber ist das Salz in der Suppe des medizinischen Berufsstandes, Holmes.“

„O ja. Der gute alte Heiler, der voller Bewunderung von jenen Menschen angesehen wird, die er auf die Welt gebracht hat, deren Zungen er sich von Zeit zu Zeit angesehen hat, ehe er ihnen seine immer gleichen Allheilmittel verschrieb. Der Glaube seiner Patienten an ihn ist das, was sie heilt, nicht die Medizin, die er ihnen gibt. Das Gesetz des Durchschnitts muss ihn aber irgendwann einholen. Je länger er weitermacht, umso größer wird das Risiko, dass er einen tödlichen Fehler begeht.“

„Unsinn! Außerdem sind Sie kein Arzt, weder ein Quacksalber noch sonst einer.“

„Ich habe begonnen, einen ähnlichen Verfall bei meinen Fähigkeiten zu befürchten. Mein ganzer Ruf wird durch einen einzigen Fehler zunichte gemacht werden. Grausig!“ Er stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Sie sind auch früher schon gescheitert“, erinnerte ich ihn.

Er warf mir einen stechenden Blick zu.

„Einmal, vielleicht zweimal“, lenkte ich ein.

Wieder folgte Schweigen, während er mürrisch an seiner Pfeife zog. „Lassen Sie es mich so formulieren“, fuhr er endlich fort. „Sie erinnern sich an diese Reise per Eisenbahn nach Dartmoor, die wir gemeinsam unternahmen? Wir fuhren nach Tavistock und zu den Rennställen von King‘s Pyland.“

„Das war ‘89 oder ‘90“, erinnerte ich mich.

„In Ihrer Niederschrift des Falls, die, wenn ich nicht irre, den Titel Silberstern trug und einige grobe Fehler hinsichtlich der Regeln für Pferderennen enthielt, hielten Sie meine Beobachtung fest, dass sich die Geschwindigkeit unseres Zuges präzise daran errechnen ließ, wie schnell die Telegrafenmasten an uns vorüberzogen, die jeweils sechzig Yards voneinander entfernt standen.“

„Das haben Sie damals behauptet, Holmes.“

„Das ganze Leben, Watson, ist eine Reise. Genauer gesagt: eine Folge von Reisen. Wir werden geboren, wir brechen auf, wir leben und reisen, wir haben Erfolg, wir kommen am Ziel an. Aber irgendwann kommt eine Zeit, da scheint es, als stünden die Telegrafenmasten weiter auseinander. Wir werden langsamer. Die Endstation ist fast schon in Sichtweite …“

„Was für ein rührseliges Geschwätz, Holmes! Sie sind zwei Jahre jünger als ich. Ich rede auch nicht von Telegrafenmasten und Endstationen!“

Er schüttelte ernst den Kopf. „Wir alle müssen dorthin.“

„Gewäsch!“, sagte ich. „Wenn Sie eifersüchtig sind, dann halten Sie doch für sich selbst auch nach einer Frau Ausschau!“

Holmes setzte sich auf und schlug sich triumphierend auf den Schenkel. „Ich hatte es gewusst“, rief er aus. „Ihre gute Laune. Ihre täglichen Spaziergänge in Freizeitkleidung. Ihr Anstimmen, wenn das die korrekte Bezeichnung ist, zu einigen der schwülstigeren romantischen Balladen, während Sie im Badezimmer sind. Das alles konnte nur auf eine einzige Sache hinauslaufen!“

„Holmes, Sie müssen tatsächlich die Inkarnation irgendeines Dämons sein!“, protestierte ich. „Ich kann Ihre Tricks auf eine Meile gegen den Wind riechen, und doch falle ich immer wieder auf sie herein. Na gut. Ich werde heiraten. Nun, da Sie es wissen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern würden.“

Er beugte sich vor und hielt sich an der Armlehne fest. „Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, dass es sehr wohl meine Angelegenheit ist. Eine Veränderung in Ihrem häuslichen Arrangement hat auch bei mir eine Veränderung zur Folge. Und nun möchte ich all die grausigen Einzelheiten wissen. Verraten Sie mir die schlimmsten Dinge bitte zuerst!“

Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Er würde es mir so oder so entlocken. Ich berichtete ihm alles und machte nur dann eine Pause, wenn ich ihn ermahnte, er solle das Stöhnen und Seufzen unterlassen, mit dem er meine Schilderungen untermalte. „Um Himmels willen, Holmes, hören Sie mit diesen Geräuschen auf, die aus dem Grab zu kommen scheinen! Sie sind auch früher schon sehr gut ohne mich zurechtgekommen. Als Ihnen nach der Reichenbach-Episode der Sinn danach stand, haben Sie mich drei Jahre lang im Stich gelassen und mich zudem glauben lassen, Sie seien tot. Sie wissen sehr genau, dass Sie allein zurechtkommen werden.“

Die scharfen Worte brachten ihn zum Verstummen. Holmes saß reglos da und starrte vor sich hin. Als er wieder etwas sagte, klang er wesentlich ernster. „Dann bin ich tatsächlich an meiner Endstation angekommen.“

„Endstation?“

„Der Vorhang ist gefallen, der Schauspieler muss auf sein Stichwort reagieren.“

„Können wir die Eisenbahn und das Theater aus dem Spiel lassen, Holmes, und uns mit der Tatsache befassen, dass mein Leben an einer der wichtigsten Weichen … ich meine: an einem der wichtigsten Wendepunkte angekommen ist?“

„Glauben Sie nicht, es könnte hilfreich sein, einige Tage lang in Ruhe nachzudenken? Wie wäre es zum Beispiel mit Lausanne? Fahrkarten erster Klasse, und alle Spesen werden fürstlich bezahlt?“

„Ich wüsste nicht, was eine Reise in die Schweiz mit meiner Verlobung zu tun haben soll.“

„Rein beruflich, das versichere ich Ihnen. Lady Frances Carfax, die einzige Überlebende aus der Familie des Earl of Rufton, ist auf dem Kontinent verschwunden. Scotland Yard scheint nicht eingreifen zu wollen, daher hat man mich beauftragt, nach ihr zu suchen. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war Lausanne. Sie wissen, dass ich London unmöglich verlassen kann, wenn sich der alte Abrahams in solcher Todesangst befindet …“

„Der alte Abrahams?“, fragte ich erstaunt. „Ich habe noch nie von ihm gehört.“

Holmes sah mich mit jenem vagen Gesichtsausdruck an, mit dem er Vergesslichkeit vortäuschte. „Und ich dachte, ich hätte ihn Ihnen gegenüber erwähnt. Du meine Güte! Aber da Sie in letzter Zeit so oft aus dem Haus waren, ist es wohl unvermeidlich gewesen, dass mir das eine oder andere durchging. Der arme alte Kerl! Ich wage es nicht, ihn jetzt allein zu lassen. Abgesehen davon ist es prinzipiell besser, wenn ich das Land nicht verlasse. Sie wissen, dass sich Scotland Yard ohne mich direkt einsam fühlt, außerdem löst das in kriminellen Kreisen sofort Begeisterung aus. Ich ersuche Sie flehentlich, mein lieber Watson, diesen kleinen Auftrag in meinem Namen zu erledigen, und wenn es nur der alten Zeit wegen geschieht.“

„Ich werde mit Coral reden müssen“, erwiderte ich, woraufhin er zusammenzuckte und eine Hand über sein Gesicht legte. „Und zuvor sollten Sie mir besser alle Details mitteilen.“

Seine Schilderung hielt uns lange über jenen Zeitpunkt hinaus wach, an dem man normalerweise zu Bett ging. Es war bereits nach elf, als ich unseren Schlummertrunk einschenkte. Gerade hatte ich mich wieder hingesetzt, als jemand an der Tür klopfte. Mrs Hudson spähte ins Zimmer, sie trug Morgenmantel und Papierhaarwickel.

„Tut mir leid, Mister Holmes, aber Sie haben Besuch.“

„Der alte Abrahams persönlich?“ Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen, auch wenn mir Holmes einen finsteren Blick zuwarf.

„Nein, Doktor Watson. Niemand, der so heißt. Es ist Inspector Lestrade von Scotland Yard.“

Holmes, der mit Missfallen auf die Vorstellung reagiert hatte, um diese Zeit noch irgendeinen erregten Klienten zu empfangen, atmete erleichtert aus. „Lestrade!“, rief er dem Mann zu, der auf dem Treppenabsatz stand. „Kommen Sie rein, mein Bester. Gesellen Sie sich für ein letztes Glas zu uns?“

„Mit Vergnügen, Mister Holmes“, sagte der kleine Kriminalbeamte und trat zur Seite, damit die Vermieterin wieder gehen konnte. „Ich bitte um Entschuldigung, dass ich die Gentlemen um diese Zeit noch störe.“

Ich kannte Inspector Lestrade fast so lange, wie ich mit Holmes bekannt war, und das waren nun immerhin einundzwanzig Jahre. Er hatte zu dem nicht abreißenden Strom von mysteriösen Besuchern in unseren Räumlichkeiten gehört, und er hatte mich in jenen ersten Tagen sehr fasziniert, bis Holmes mir offenbart hatte, welchem besonderen Beruf er nachging. Die fahle Farbe seiner einem Frettchen gleichenden Gesichtszüge war mit zunehmendem Alter noch gelblicher und das glatte Haar schütter und glanzlos geworden. Er war nie über den Posten des Senior Inspector im Criminal Investigation Department hinausgekommen. Holmes führte das auf Lestrades verbissene Ehrlichkeit zurück, die für ihn beruflich ein Handicap war. Die mangelnde Phantasie, die für seine Arbeit kennzeichnend war, hatte ihn daran gehindert, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.

„Zum Wohl, Gentlemen“, sagte er, nachdem ich ihm ein Glas gegeben hatte. Dann wandte er sich mit ernster Miene an Holmes. „Mister Holmes, wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wie Sie in Dartmoor den Hund erschossen haben, dann würde ich auf der Stelle glauben, was man sich in Hampstead über ihn erzählt.“

„Hund? Hampstead? Was um alles in der Welt hat das eine mit dem anderen zu tun?“

Lestrade nickte zustimmend. „Das ist das, was Sie oder ich oder unser Doktor hier fragen würden. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Aber das ist nicht das, was die sich heute Nacht da oben fragen.“

„Wo da oben? In Hampstead? Ist dort irgendetwas geschehen?“

„Es heißt, der Hund von Baskerville sei zurückgekehrt.“

„Was?“

„Er treibt im Heath sein Unwesen, während wir hier sitzen.“

„Völliger Unsinn!“, rief ich aus.

Lestrade wandte sich mir zu und nickte. „Ich weiß, dass es Unsinn ist, Doktor Watson. Sie wissen, dass es absurd ist. Mister Holmes weiß es … Aber versuchen Sie mal, das heute Nacht jemandem zu erzählen, der gleich neben dem Heath lebt, vorausgesetzt, irgendjemand macht die Tür lange genug auf, um Sie anzuhören.“

„Lestrade“, warf Holmes ein. „Wollen Sie sagen, jemand behauptet, er habe heute Abend in Hampstead Heath den Hund von Baskerville gesehen? Oder, um es genauer zu sagen, seinen Geist?“

„Merken Sie sich meine Worte, Mister Holmes. Morgen früh wird es auf jeden Schlosser in Nord-London einen Ansturm geben.“

„Es hat nichts davon in der Zeitung gestanden“, stellte ich fest. „Ein solcher Unsinn würde ganz sicher dort auftauchen.“

„Sie können darauf wetten, dass es in der Fleet Street im Augenblick heiß hergeht, Doktor.“ Er hielt eine Hand ans Ohr. „Was war das? Ruft da nicht der Zeitungsjunge Extrablatt? Nein? Na ja, jetzt noch nicht, aber schon bald.“

„Am heutigen Abend, sagen Sie?“, fragte Holmes.

„Vor ein paar Stunden. Eine seltsame und unheimliche Sache, und eine hässliche dazu. Jedenfalls für den armen Teufel, der im Hampstead Hospital liegt.“

Holmes rutschte unbehaglich auf seinem Platz hin und her. „Welcher arme Teufel? Um Himmels willen, nun nennen Sie schon die Einzelheiten.“

„Ich kam sofort her, um es Ihnen zu berichten, Mister Holmes“, antwortete Lestrade vorwurfsvoll. „Einer der Landstreicher, die im Heath schlafen, wurde von der Bestie angegriffen. Wenn der Streifenpolizist nicht rechtzeitig dort gewesen wäre, dann hätte er es nicht mehr geschafft.“

„Himmel!“, rief ich aus.

„Aber das Merkwürdigste kommt erst noch, Doktor Watson. In der weichen Erde ganz in der Nähe fand man …“

„Nein …!“

„Doch, Doktor. Die Abdrücke eines riesigen Hundes!“

KAPITEL 4

 

Kaum mehr als eine halbe Stunde, nachdem wir von Inspector Lestrade die Neuigkeit gehört hatten, befanden wir uns im Hampstead Heath. Die wallende Fläche von achtzig bis hundertzwanzig Hektar, die sich aus sandiger Erde, drahtigem Gras, Adlerfarn und großen alten Baumbeständen zusammensetzte, erstreckte sich zwischen den Ortschaften Hampstead und Highgate und bildete die Northern Heights von London. Der vier Meilen lange Anstieg von den Ebenen des West Ends machte eine vierrädrige Kutsche und zwei Klepper erforderlich. Lestrade lotste den Polizeikutscher zu einem Bereich nahe den Spaniards Inn & Tea Gardens, die von Charles Dickens als Schauplatz von Mrs Bardells Verhaftung unsterblich gemacht worden war.

Es war inzwischen sehr dunkel und auch recht kühl. Immerhin war es fast Mitternacht. Es regte sich kein noch so schwacher Wind, und das einzige Geräusch war das ferne Treiben in der Metropole, die sich wie ein unruhiger Schläfer zu wälzen schien. Nichts bewegte sich auf oder entlang der Spaniards Road. Das Heath war seit Jahrhunderten das Versteck von Straßenräubern und Wegelagerern gewesen, unter ihnen der Charmeur Claude Duval, Sixteen-String Jack, Robert King und sogar der berüchtigte Dick Turpin, dem man nachsagte, die Schlüssel zu den Spaniards zu besitzen, wodurch ihm ein Fluchtweg durch die Stallungen ermöglicht worden war.

Heute war das Heath ein beliebter Ort für werbende Paare (und auch für andere, deren Treiben man nicht unbedingt als Werben bezeichnen konnte). An schönen Abenden, vor allem an Sonntagen, drängten sich hier Dienstmädchen, Kontoristen, Verkäuferinnen, Näherinnen, Soldaten, Matrosen und jeder andere Typ Mensch, der dankbar für eine kurze Flucht aus ermüdender und monotoner Plackerei war. Sie kamen mit dem Zug, mit der U-Bahn und mit dem Bus, zu Fuß, um die wenige Privatsphäre zu suchen, die ihnen sonst praktisch überall verwehrt blieb. Sie saßen oder lagen auf den lang gestreckten Hängen, um eine Zeit lang dem beißenden Rauch und dem unablässigen Lärm fern zu sein. Dort konnten sie davon träumen, dem grauen, trostlosen Gefängnis ihres Körpers und ihrer Seele zu entkommen, das die Flussebene darunter in Anspruch nahm.

Heute Nacht jedoch war hier niemand zugegen, wenn man von dem uniformierten Constable absah, der nach uns Ausschau gehalten hatte. Seine Laterne leuchtete wie ein gelbes Glasauge vor dem düsteren Dickicht, das die Straße vom Heath trennte. Er war ein schlaksiger junger Mann, der eindeutig Nervosität erkennen ließ. Ganz offensichtlich war er noch nicht lange genug bei der Polizei, um sich die Gelassenheit dieses ganz besonderen Typs zu Eigen zu machen: des Londoner Bobbys.

„Hat sich etwas ereignet?“, fragte Lestrade ihn.

Ich spürte, dass der Mann erleichtert darüber war, nicht länger allein hier zu warten. „Keine Regung und kein Ton, Sir.“

„Kein Heulen mehr?“

„Nein, Sir, dem Himmel sei Dank. Es ist nicht halb so unheimlich wie der Streifengang. Ich bin froh, wenn ich bald wieder richtiges Pflaster unter meinen Stiefeln spüre.“

„Sie gehen dahin, wo Ihre Stiefel hingeschickt werden“, ermahnte ihn Lestrade mit brüskem Tonfall. „Zeigen Sie Mister Sherlock Holmes den Weg.“

„Der örtliche Polizist Roberts ist dort“, sprach Lestrade weiter, während wir uns auf den Weg ins Heath machten. „Allerdings nicht in Uniform. Es gab heute ein kleines Beisammensein der Polizei ein Stück die Straße entlang im Jack Straw‘s Castle. Ein Inspector aus dem Bezirk Nord-London, ein Mann namens Blenkinsop, geht in den Ruhestand. Ich war dort, um Scotland Yard zu vertreten. So bin ich in diesen Fall überhaupt erst hineingeraten. Einige der Landstreicher vom Heath kamen in den Schankraum gestürmt und erzählten von einem Hund.“

„Hatten sie alle diesen Hund gesehen?“, fragte Holmes.

„Schwer zu sagen. Sie kennen diesen Menschenschlag ja. Die erzählen alles, wenn man ihnen einen Drink spendiert.“

„Hatte ihn überhaupt jemand gesehen?“, bohrte Holmes weiter.

„Einige schworen es, andere waren sich nicht sicher. Wir haben keine Zeit mit Fragen vergeudet. Roberts und ich sind sofort hergeeilt.“

„Das Heath wirkt wie ausgestorben“, sagte ich. „Außergewöhnlich!“

„Stimmt, Sir“, warf der junge Constable ein, der uns durch Gebüsch und Dickicht führte. „Normalerweise sind hier ganze Menschenmengen zu finden, Männer wie Frauen. Es ist ein fester Zwischenhalt für alle, die Richtung Norden wandern, und alle, die von oben nach Süden wandern.“

„Können wir davon ausgehen, dass dies das erste Mal ist, das sich dieser so genannte Hund gezeigt hat?“, fragte Holmes ihn, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Unglauben zu verbergen.

„Es ist das erste Mal, dass wir davon gehört haben, Sir. Hier sind viele streunende Hunde unterwegs. Manchmal rotten sie sich zusammen und machen Ärger. Die Förster sammeln ein paar von ihnen ein, und dann scheint der Rest zu wissen, dass er sich eine Weile fern halten sollte. Aber von einem solchen Hund ist mir noch nie etwas zu Ohren gekommen. Bah!“, fügte er an, um seinem Ekel Ausdruck zu verleihen.

„Schon gut“, wies Lestrade ihn zurecht. „Leuchten Sie uns nur weiter den Weg.“ Er selbst hatte einige Dramen mit Holmes und mir erlebt, doch niemals etwas, das entsetzlicher war als das eine Ereignis, das sich in einer noch einsameren und weiteren Wildnis abgespielt hatte als diese hier. Keiner von uns würde je vergessen, wie der Hund von Baskerville aus dem Nebel von Dartmoor mit wildem Blick auf uns losgestürmt war.

Meine Beschreibung seines Erscheinungsbildes, als er uns ansprang, war Wort für Wort unauslöschlich in meine Erinnerung eingebrannt, als ich die präzisesten Worte gewählt hatte, um es meinen Lesern zu vermitteln, die bequem und sicher in ihrem Sessel am Kamin saßen.

 

Es war ein Hund, ein riesiger, pechschwarzer Hund, doch nicht von der Art, wie ihn je ein Sterblicher zu Gesicht bekommen hatte. Feuer schoss aus seinem offenen Maul hervor, seine Augen glühten, Schnauze, Nackenhaare und Wamme wurden von züngelnden Flammen umspielt. Kein wahnsinniger Traum eines gestörten Geistes hätte etwas Wilderes, Abscheulicheres, Höllischeres hervorbringen können als diese dunkle Gestalt und die wilde Fratze, die aus einer Nebelwand hervor auf uns zugeschossen kam.