Wojtek Czyz oder Auf einem Bein kann man doch stehen!

 

In der heutigen Zeit wird man im Sekundentakt mit Nachrichten aus aller Welt konfrontiert. Manche machen uns betroffen, andere rauschen einfach so an uns vorbei. Es gehört, glaube ich, zur normalen individuellen Überlebensstrategie, nicht alle schrecklichen und oft auch schicksalshaften Geschehnisse zu nah an sich heranzulassen. Und trotzdem geschieht es immer wieder. Natürlich wenn man einen persönlichen Bezug hat. Aber manchmal eben auch, ohne dass man es erklären könnte, sondern einfach so. Dann fällt die Nachricht nicht durch unser sehr durchlässiges Sieb. Es bleibt etwas hängen und man beschäftigt sich intensiver mit der »Katastrophe«.

So erging es mir als, ich im Sommer 2002 von der Tragödie rund um den jungen Fußballspieler Wojtek Czyz erfuhr. Ein junges Talent auf dem Weg zum Profi wird durch Verkettung unglücklichster Umstände aus der erträumten Bahn geworfen. Ein Sportler weiß, dass es zu Verletzungen kommen kann. Um sich das Kreuzband zu reißen, müssen allerdings schon einige Dinge zusammenkommen. Zusammengefasst: Das Bein steht im falschen Moment am falschen Ort oder zumindest im falschen Winkel. Kommt jetzt noch Druck von vorne oder hinten auf das Bein, reißen diese ansonsten so strapazierfähigen Bänder leider. Viele hatten diese Verletzung schon oder kennen zumindest jemanden, der sie hatte. Nach 6 bis 9 Monaten ist die Rehabilitation allerdings normalerweise abgeschlossen und man kann, dank heutiger Operationstechniken, wieder voll angreifen. NORMALERWEISE …

Welche dramatischen Umstände dazu geführt haben, dass es bei Wojtek anders lief, wird er in seinem Buch selber beschreiben. Da ich 1996 ebenfalls einen Kreuzbandriss erlitten, bei der Nachversorgung allerdings mehr Glück hatte, war ich irgendwie betroffen. Ich versuchte also mehr zu erfahren über den jungen Mann und wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, zu helfen. Mit Unterstützung von Mainz 05 und anderen großzügigen Menschen wurde ein Benefizspiel organisiert. Die größte Überraschung war allerdings nicht die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, sondern der Gemütszustand unseres Bedürftigen.

Weder niedergeschlagen noch pessimistisch, sondern positiv und in die Zukunft gerichtet erlebte ich Wojtek bei unserem ersten Treffen. Wir wurden Freunde und sind es bis heute. Die Art und Weise wie er mit diesem Schicksalsschlag umgegangen ist, die Zuversicht und Kraft, die er ausstrahlte und immer noch ausstrahlt, sind so speziell, dass man geradezu schreien möchte: Schreib ein Buch darüber! Jeder muss erfahren, wie du es gemacht hast! Jeder muss erfahren, wie es möglich ist, aus einem persönlichen Super-GAU so positiv und so stark hervorzugehen! Vom Kreismeister zum Weltmeister und Olympiasieger. Wenn man das mit einem halben Bein weniger hinbekommt, dann sollte das im übertragenen Sinn doch für jeden möglich sein!

Ich danke dir, dass du deine Geschichte aufgeschrieben hast und uns allen die Chance gibst, aus deinen Erfahrungen zu lernen. Ich werde dein Buch nicht nur lesen. Ich werde es verleihen und verschenken und jedem davon erzählen, den ich treffe. Einfach kann jeder, aber du konntest und kannst auch schwer! Du bist der fleischgewordene Beweis: Auf einem Bein kann man nicht nur stehen, sondern auch gehen, sprinten und sehr weit springen! Hut ab!

Jürgen Klopp

VORWORT

Am Anfang ein Ende

Sie legt ihre Hand auf meinen Arm. Ich kann durch die Haube den Duft ihres dunkelblonden, lockigen Haars riechen. Sie lächelt nicht oft. Aber jetzt tut sie es. Sie erfüllt den Raum mit Wärme und Güte. Sie trägt ein grünes Hemd. Das wirkt professionell und abweisend. Doch ihr süßes Lächeln überbrückt jede Distanz. Unter ihrem weiten Kittel zeichnet sich die Silhouette einer schlanken Figur ab. Wir hätten uns unter anderen Umständen kennenlernen sollen.

»Ich wünsche mir, dass du einen Fehler machst«, denke ich. Doch sie tut alles dafür, mir diesen Wunsch nicht zu erfüllen. Ich schließe meine Augen. Dass es geschehen muss, ist klar. Allzu plötzlich kommt es nicht, immer wieder haben wir darüber gesprochen, uns darauf eingestellt. So gut es eben geht. Doch die Endgültigkeit ist es, die mich erschüttert. Nun ist es unabdingbar. Definitiv. In diesem Moment zerplatzt mein Lebenstraum. Dieser Augenblick ist es, auf den man sich nicht vorzubereiten vermag. Wenn dir all deine Pläne, all deine Leidenschaft, deine Ziele, deine Wünsche und Hoffnungen aus den Händen gleiten. Wenn alles, wofür du gelebt hast, zerbricht.

Meine Gedanken kreisen um die Ereignisse der letzten Zeit. Das Probetraining bei Fortuna Köln, der Profivertrag, der unterschriftsreif auf meinem Schreibtisch liegt, mein Abschiedsspiel beim alten Verein, der lange Pass, der Sprint, die Ballannahme, der Torwart, das Foul, die Fehlerkette im Krankenwagen, die wochenlange Qual von Notaufnahme zu Notaufnahme, von Krankenhaus zu Krankenhaus, die ständigen Operationen, immer wieder neu, die offene Wunde und das klapprige Heizgerät, das mein Bein vor dem Absterben hatte retten sollen. Jetzt amputieren sie. Und mit meinem Bein nehmen sie mir auch meine Persönlichkeit. Sie nehmen mir den Fußball, meinen Sport, meinen Lebensinhalt, meine Karriere, meine Zukunft.

»Ich wünsche mir, dass du einen Fehler machst und ich nicht mehr aufwachen muss«, denke ich und rieche noch ein letztes Mal ihren Duft. Die junge Anästhesistin nimmt ihre Hand von meinem Arm. Die Narkose wirkt. Das Piepsen der Apparate verschmilzt mit dem gedämpften Tuscheln der Ärzte. Ich lasse los. Ende.

NACHWORT

Am Ende ein Anfang

Anfangs wollte ich nicht so recht, doch meinem Freund zuliebe fuhr ich mit. Er hatte mich eingeladen, denn es war mein Geburtstag. Der 30. Juli 2009. Interessiert war ich schon, aber ganz geheuer war mir die Sache nicht. Plötzlich schaltete er den Motor ab, und nun trieben wir mit dem Segelboot in der Bucht von Saint-Tropez. Als das Knattern der Maschine verstummte, herrschte mit einem Mal völlige Stille. Am Horizont die Silhouette des Hafens. Ein magischer Moment. Und ich ließ mich treiben wie das Boot im Meer. Ich spürte den Wind, der das Fahrzeug bewegte. Die unglaubliche Stärke, die große Dynamik, die pure Energie, die gewaltigen Kräfte der Natur. Gleichzeitig die Ruhe. Völlig abgeschottet, kein Geräusch, nichts. Nur die Wellen, die ab und an rhythmisch an das Boot schlugen.

Bislang war es mir immer nur um Geschwindigkeit gegangen. Stets höher, schneller, weiter. Jetzt entdeckte ich in der Bucht von Saint-Tropez die Ruhe. Eine andere Art von Kraft, die sich nicht in schneller, kompromissloser Bewegung, sondern in unbeugsamer, konsequenter Langsamkeit ausdrückt. Nur vier Stunden auf See. Und am Ende hatte ich eine neue Leidenschaft. Ich wollte aufs Meer.

Wenige Monate später sollte ich mein eigenes Segelboot haben. Und musste schnell feststellen, dass es damit nicht getan war. Zunächst musste ich einen Liegeplatz für das Boot organisieren und – vor allem – einen Sportbootführerschein machen. Gesagt, getan. Aber noch ehe mein Boot geliefert wurde, unternahm ich meinen ersten Segeltörn. Denn warten wollte ich nicht, sondern praktische Erfahrungen sammeln. Bei der World Arc Regatta. Also buchte ich mich auf einem fremden Boot ein. Außer dem Skipper kannte ich niemanden an Bord. Meine Jungfernfahrt ging durch den Südpazifik. Rund 3.000 Seemeilen von den Galapagos Inseln bis nach Französisch-Polynesien. Drei Wochen unterwegs, auf hoher See und keine Menschenseele weit und breit – die Crew ausgenommen. Im Einklang mit der Natur – in Balance. Als Grünschnabel ging ich aufs Boot, als Wasserratte kehrte ich an Land zurück.

Die See und das Segeln begeistern mich. Daneben erlebe ich jedoch immer deutlicher das, was Roberto einst den »Dschungel da draußen« nannte. Als ich mit Jenny in Thailand war, sprachen uns in Bangkok eines nachmittags bettelnde Kinder an, die meisten nicht älter als zwölf Jahre. Ich erinnere mich an einen Jungen, der ein Bein verloren hatte. Offenbar war er elternlos und hatte weder Bleibe noch Job. Die Behinderung trieb ihn auf die Straße, wo er sich seinen Lebensunterhalt erbettelte. Er war in einer Gruppe von Kindern unterwegs, die die Touristen aufdringlich um Almosen angingen. Um seine Behinderung auszugleichen, hatte er einen Stock um seinen Stumpf gebunden. Damit diese Stütze nicht verrutschte und wenigstens halbwegs belastbar war, hatte er den Stock regelrecht ans Bein geschnürt. Die Haut war aufgeschürft, die Wunde entzündet und vereitert. Der Strick, mit dem der Stock ans Bein gebunden war, hatte sich tief ins Fleisch eingeschnitten. Sicher würde sein Stumpf bald um ein weiteres Stück absterben.

An diesem Nachmittag war ich mit meiner Prothese unterwegs, ein hochmodernes Gelenk, bestmögliche Technik, mehrere tausend Euro teuer. Ich besaß verschiedene Prothesen, eine für den Alltag, eine Sprintprothese, eine Jogging- und eine Weitsprungprothese. Nach meinem Unfall hatte ich für keine meiner Alltagsprothesen auch nur einen Cent bezahlen müssen. Man mag vom deutschen Gesundheitssystem halten, was man will – in Sachen Alltagsprothetik sind wir bei der Versorgung im internationalen Vergleich absolute Spitze. Als damals der Blick des Bangkoker Jungen auf meine Prothese gefallen war, hatte er inne gehalten und gestaunt. So wie ich inne hielt beim Anblick seiner schäbigen improvisierten Stütze.

Ein Augenblick, der einiges relativierte. Es gibt Orte auf dieser Erde, an denen Menschen einen Fußmarsch von hunderten Kilometern auf sich nehmen, um zur nächsten halbwegs funktionierenden medizinischen Versorgungsstation zu gelangen. Und während mir trotz meiner Behinderung eine Karriere als Spitzensportler auf Weltniveau möglich war, gibt es Länder auf diesem Planeten, in denen eine Behinderung ein Leben ohne alle Chancen und in tiefster Armut bedeutet. In denen die Versorgung mit einer Prothese alles andere als selbstverständlich ist. In denen ein Mensch an Wert einbüßt, wenn er anders ist. In denen Eltern ihre Kinder verstecken oder gar verstoßen, wenn sie mit einer Behinderung zur Welt kommen. Weil sie sich ihres Kindes schämen. Oder weil sie es sich schlicht nicht leisten können, auf Dauer einen behinderten Menschen zu ernähren. Diese Kinder werden ausgesetzt, vertrieben oder abgeschoben wie ein lästiger unnützer Gegenstand.

Eines Tages bat mich eine deutsche Kirchengemeinde, Schirmherr für ein längerfristiges Benefizprojekt zugunsten behinderter und benachteiligter Kinder in Osteuropa zu werden. Ich dachte mir: Vielleicht kann ich auf diese Weise etwas weitergeben von dem Glück, das mir nach meinem Unfall zuteil wurde. Von dem Lebensmut, den ich wiederentdeckt habe, und der Hoffnung, die mich seitdem trägt. Ich willigte ein unter der Bedingung, mir mit eigenen Augen ein Bild von der Situation machen und mich darüber informieren zu dürfen, wie die Hilfe vor Ort verwendet wird. Ich wollte wissen, wohin die Gelder gehen, für die ich mit meinem Namen werben sollte. Also flogen wir in die Ukraine und anschließend nach Russland.

Dort hieß man uns herzlich willkommen, schließlich repräsentierten wir eine Initiative, die örtliche Einrichtungen mit nicht unerheblichen Sach- und Geldspenden versorgte. Wir besuchten verschiedene solcher Einrichtungen. Dabei bemühte ich mich, auch Dinge zu sehen, die man uns eigentlich nicht zeigen wollte. So fiel mir in einem Waisenhaus eine geschlossene Tür auf. Wir hatten schon das ganze Haus besichtigt – ausgenommen jenes Zimmer. Von der anderen Seite der Tür hörte ich Kinderstimmen, und ich wollte wissen, was sich dahinter verbarg. Peinlich berührt, versuchte man abzulenken, das Thema zu wechseln, uns aus diesem Flur zu führen. Ich blieb hartnäckig. Immerhin unterstützten wir dieses Waisenhaus jährlich mit einer erklecklichen Summe …

Endlich wurde die Tür geöffnet. Was wir sahen, traf uns ins Mark. Eng zusammengepfercht lagen in dem düsteren Raum in ein paar Kinderbetten vielleicht 15 Säuglinge und Kleinkinder, einige behindert. Gewickelt und gefüttert hatte man sie offenbar, aber sie rührten sich fast gar nicht, sondern dämmerten völlig apathisch vor sich hin. Einige stöhnten leise oder stießen ein weinerliches Gemurmel aus – das waren die gespenstischen Geräusche, die ich draußen gehört hatte. Da man mit der Betreuung der Kleinen überfordert war, pumpte man sie mit Beruhigungsmitteln und Medikamenten voll. Vor sich hin dämmernde Kleinkinder in einem verdunkelten Raum, aneinandergereiht in engen Betten – eine groteske Szene.

Solche Erfahrungen gaben mir immer wieder Gedankenanstöße. Mir wurde bewusst, welch großes Glück ich hatte. Auch wenn ich in elenden Situationen dieses Glück nicht immer erkennen konnte. Aber ich hatte eine Familie, die mich stützte, ein Umfeld, das mich auffing, Trainer, die mich auf dem Weg zum Erfolg begleiteten, Sponsoren und Partner, die mir meinen Traum zu leben ermöglichten. Und ein paar tausend Kilometer von meiner Haustür entfernt gibt es behinderte Kinder, denen nicht die Spur einer Hoffnung bleibt.

Als erfolgreicher Athlet erlebte ich häufig, dass viele Menschen eine Behinderung nicht mit Leistung, Erfolg und Wohlstand vereinbaren können – eine tiefe Kluft im Bewusstsein, Barrieren in den Köpfen. Auf meiner Segeltour im Südpazifik traf ich bei einem Landgang auf einen Beinamputierten, vielleicht der einzige auf der kleinen Insel. Er freute sich, einem anderen Amputierten zu begegnen. Einem Leidensgenossen, sozusagen. Meine Prothese faszinierte ihn. Und er staunte, dass ich damit zu sportlicher Höchstleistung imstande war. Mir schien es, dass dieser Augenblick das Weltbild des Mannes und seine Wahrnehmung der eigenen Behinderung radikal veränderte. Der Erfolg eines Einbeinigen, mein Erfolg, wurde ihm zum Vorbild und gab ihm Hoffnung. Eine neue Sichtweise, ein neues Selbstwertgefühl, eine neue Perspektive.

Diese Begegnung auf der Insel war auch für mich prägend. Sie bestärkte in mir den Wunsch, zu helfen, und zeigte mir zugleich, wie ich es kann: Indem ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergebe. Und dann verband sich dieser Wunsch mit meiner neuen Leidenschaft für das Segeln. Ein neues Ziel war geboren, eine neue Vision, ein neuer Traum.

Auf dem Trainingsgelände der Deutschen Sporthochschule in Köln begegnete mir Elena Brambilla. Sie war aus Italien in die Domstadt gekommen, um hier mit intensivem Training ihrer Hochsprung-Karriere einen zusätzlichen Schub zu geben. So lernten wir uns kennen und fanden schließlich zueinander. Elli erlebte alles hautnah mit, meine Schicksalsschläge ebenso wie meine Erfolge. Den Streit um meine Kinder und die Sehnsucht nach meinen Söhnen. Dass ich von ihnen getrennt bin, schmerzt mich. Und ich weiß: An dem Anspruch, dass meine Kinder nicht wie ich selbst mit getrennten Eltern aufwachsen sollten, bin ich gescheitert. Das bringt mich immer wieder aus der Balance. Ich wünschte mir so sehr, dass meine Kinder in meinem Leben leibhaftig präsent wären. Doch die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, ist begrenzt.

Immer wenn ich daran verzweifele, ist es Elli, die mir hilft, im Gleichgewicht zu bleiben. Wir geben einander Halt, sprechen über unsere Ziele. Über unsere Pläne. Und wir haben gemeinsame – auch Elli machte ihr Segelpatent. Lange war ich Einzelkämpfer, rannte als Leichtathlet auf mich allein gestellt gegen die Uhr. Die größte Herausforderung war, die eigene Leistungsgrenze auszuloten. Und nun ist mit einem Mal Elli an meiner Seite, die diese Herausforderung teilt und in das gemeinsame Projekt ebenso viel investiert wie ich. Das ist neu. Und schön.

Wir denken, unser Projekt ist einmalig: Ein mehrfacher Paralympics-Sieger und Weltmeister im Behindertensport will mit einer erfolgreichen Hochspringerin um die Welt segeln, um für eine bessere prothetische Versorgung zu werben. Fachleute werden uns begleiten und kompetente Ansprechpartner für behinderte Menschen sein. Und nicht nur das: Sie werden gemeinsam mit den Betroffenen und für diese in der bordeigenen Werkstatt kostenlos Prothesen bauen. Experten, die ihr Know-how selbstlos weitergeben. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel. Zu diesem Zweck gründeten wir den Verein »Sailing 4 Handicaps e. V.« Ein Netzwerk mit anderen Hilfsorganisationen entstand. Wir fanden Unterstützer und Partner, die sich von unserem Traum inspirieren ließen. Ich habe heute viele Menschen an meiner Seite, die so wie ich an das scheinbar Unmögliche glauben und bereit sind, unseren Traum wahr zu machen. Alte Weggefährten sind darunter, wie der Orthopädiemechaniker Herbert Ganter oder auch Jenny, die nach wie vor eine enge Verbündete ist.

Das Boot, der Segelkatamaran »Imagine«, ist schon für unsere Zwecke umgebaut und ausgerüstet. Die Ziele unserer ersten Reise stehen fest, in ein paar Monaten geht es los. Wir wollen etwas bewegen in der Welt. Und sehen der Zukunft gespannt entgegen. Was in vier oder sechs Jahren ist? Wer weiß das schon. Jetzt heißt es: Wieder ein Aufbruch. Ein neues Abenteuer. Ein neues Kapitel. Leinen los! Alles auf Anfang.

Danke

 

Es gab viele Abs und Aufs, viele Tiefs und Hochs, deprimierende Schicksalsschläge und euphorisierende Erfolge. In all dieser Zeit, von der Reise aus Polen nach Deutschland über die Katastrophe an jedem Spieltag, als alles schief ging, was nur schief gehen konnte, bis zum Medaillensegen bei den Paralympischen Spielen – in all dieser Zeit hatte ich das unbeschreibliche Glück, auf Menschen in meinem Umfeld zählen zu dürfen, auf die ich mich blind verlassen kann und die selbstlos an meiner Seite stehen. All diesen Menschen, die meinen Lebensweg entscheidend geprägt haben, möchte ich herzlich danken. Dazu zählen meine Familie und meine Freunde. Aber »Danke« möchte ich auch all den Athleten und sportlichen Kontrahenten sagen, die mich zu Spitzenleistung angetrieben haben. Ich danke für fantastische Turniere mit Höchstleistung auf allen Seiten. Darüber hinaus liegt es mir am Herzen, einigen Menschen noch einmal persönlich zu danken – für ihre außergewöhnliche Unterstützung, die meine Karriere erst ermöglichte. Darunter ist Anne Marie Becker, ein Kaiserslauterer Urgestein, eine renommierte Unternehmerinnen-Persönlichkeit und eine toughe Geschäftsfrau, die den »Lauterer Bub« über lange Jahre förderte. Eine ebenso stabile Partnerschaft verbindet mich mit Leo Ernst und Jürgen Brandt, dem Gründer und Finanzvorstand des Software-Unternehmens Pro-Alpha, die konstant und verlässlich als Hauptsponsor an meiner Seite stehen. Ebenso ist es mir als FCK’ler eine Ehre, in die Familie Buchholz um den ehemaligen FCK-Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Buchholz aufgenommen worden zu sein. Herbert Ganter und seine Söhne habe ich zwar meist nur an Wochenenden getroffen, doch dann taten sie alles dafür, mich schneller zu machen. Immer zu Rat und Tat bereit, hat Wolfgang Stein stets ein offenes Ohr für meine Belange. Vom ersten Sponsor ist er mittlerweile zum väterlichen Freund geworden. Über ein Jahrzehnt steht Wolfgang an meiner Seite, dabei ist er auch im Projekt »Sailing 4 Handicaps« ein zentraler Aktivposten. Mit meinem Trainer Norbert Stein habe ich wohl mehr Zeit gemeinsam verbracht als wir mit unseren Frauen … Norbert hat mich in allen Lebensbereichen geprägt und mich immer wieder dazu angestachelt, meine akademische Ausbildung durchzuziehen. Erich Drechsler habe ich als den besten Geschichtenerzähler der Welt kennengelernt – als einen, der die größte Anspannung mit wenigen Sätzen in großes Gelächter verwandelt. Dies insbesondere im Dream-Team mit seiner lieben Frau, die zwischenzeitlich leider von uns gegangen ist. Eine wesentliche Inspiration für mich ist Ernst-August Werner: Er brachte mich zum Segeln. Die Bootstour mit ihm weckte in mir die Idee für das Projekt »Sailing 4 Handicaps« und damit neben dem Sport eine neue Leidenschaft. Seit Beginn meiner Karriere begleitet mich Horst Konzok – erst professionell als Journalist und eher distanziert-zurückhaltend, aber immer hilfsbereit und irgendwann freundschaftlich. Die Vertrauensbasis stimmt, er hat wesentlich dazu beigetragen, nach dem Unfall ein positives Klima zu schaffen und Hilfe zu mobilisieren. Ähnliches gilt für den Fotografen Bernhard Kunz, der meinen Weg bildhaft begleitet. Ebenso möchte ich der Stadtsparkasse Kaiserslautern danken, einer meiner ersten Sponsoren, die einen wesentlichen Anteil am Start meiner Karriere hatte. Außerdem »Danke« an den 1. FC Kaiserslautern – meinen Verein. Danke für die Ermöglichung meines Lebenstraums, im Trikot der Roten Teufel starten und Teil der FCK-Familie sein zu dürfen! Wesentlicher Grundstein meiner Karriere war außerdem die Förderung durch den Landessportbund Rheinland-Pfalz. Schließlich ein »Danke« an Andreas Erb für die intensiven Gespräche, in denen er Einblick in meine tiefsten Geheimnisse und persönlichsten Erlebnisse gewinnen konnte und meine Gefühle in Schriftform gebracht hat.

Danke!

Zeittafel

30. Juli 1980

Wojtek Czyz in Wodzisław Sĺąski (Polen) geboren

1988

Czyz zieht zu seinem Vater nach Kaiserlautern

1989

TSG 1861 Kaiserslautern, E-Jugend

1992–1995

1. FC Kaiserslautern, D- bis B-Jugend

Seit 1989

Lions Kaiserslautern

1995

SG Eintracht Kaiserslautern

1997

VfL Neustadt

1999

VfR Grünstadt

2000

Abitur

11. September 2001

Probetraining bei Fortuna Köln

15. September 2001

Schwere Verletzung beim Abschiedsspiel zwischen Czyzs Verein VfR Grünstadt und dem SV Niederauerbach

24. September 2001

Amputation des linken Unterschenkels

November 2001

Reha in Ichenhausen

2002 bis 2006

TV Wattenscheidt

2002 bis 2012

Deutsche Sporthochschule Köln

2002

Deutscher Meister im 100-Meter-Lauf und im Weitsprung (in beiden Disziplinen neuer deutscher Rekord)

September 2004

Paralympics in Athen. Gold über 100 Meter, 200 Meter und im Weitsprung

2005

Europameisterschaften in Espoo. Erneut Triple-Erfolg

2006

Weltmeisterschaften in Assen. Weiterer Triple-Erfolg Mitglied beim 1. FC Kaiserslautern

September 2007

IWAS World Games in Taipeh – 1. Platz im Weitsprung

2008

Paralympics in Peking – Gold im Weitsprung. Neuer Weltrekord (6,50 m)

2009

IWAS World Games in Bangalore – Gold im Weitsprung und über 100 Meter. Erstmals auch Gold in der 4 × 100 m Staffel

2011

IWAS World Games in Schardscha (liegt bei Dubai) – 3 × erster Platz WM in Christchurch – 2. Platz im Weitsprung

2012

Paralympics in London – Silber im Weitsprung, Bronze über 100 Meter und in der 4 × 100 m Staffel

2013

Beendigung der sportlichen Karriere September 2013

seit 2013

Vorbereitung Sailing 4 Handicaps, www.sailing4handicpas.de

2015

Abfahrt

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Voller Stolz: Zu Weihnachten erhielt ich mit elf Jahren mein erstes FCK-Trikot. © Privatarchiv Wojtek Czyz

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Spielschulden sind Ehrenschulden: die Aprilia RS 125 war die Belohnung meines Vaters zur Mittleren Reife. © Privatarchiv Wojtek Czyz

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Im Siegesrausch: Nach gewonnenem Titel mit den Lions feiern wir gemeinsam die Torjägerkanone. © Privatarchiv Wojtek Czyz

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Das ist das Ende … Mein Erwachen im Krankenhaus. © Privatarchiv Wojtek Czyz

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Mein »Abschiedsspiel«: Wenige Minuten vor dem Schicksalsschlag. © Privatarchiv Wojtek Czyz

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Ein neuer Lebensweg bahnt sich an: Das erste Training mit Roberto. © Fotoagentur Kunz, Mutterstadt

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Darf nicht fehlen: Selbst in der Reha komme ich ohne Ball nicht aus … © Fotoagentur Kunz, Mutterstadt

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Nach der Goldmedaille: Ehrenrunde in Athen. © dpa – Sportreport

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Unverhoffte Begegnung bei der Medaillenzeremonie: mit Bundeskanzler Gerhard Schröder … © picture alliance / AP Photo

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Das Triple ist perfekt: meine Beute aus Athen. © Fotoagentur Kunz, Mutterstadt

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Die erste Gratulantin nach meinem Erfolg in Peking: Julia, die Tochter meiner Schwester. © imago/Xinhua

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© imago/Olaf Döring