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Inhaltsverzeichnis
 
Titel
Impressum
Vorwort
 
Qualität in multikulturellen Schulen: QUIMS im Kanton Zürich
»QUIMS hat uns Zeit zum Nachdenken geschenkt«
Teil eines umfassenden Reformpakets
Vom Pilotprojekt zum Schulprogramm
Erfolge: Was hat das Projekt bewirkt?
Fazit
Literatur
 
Integration auf Schwedisch: Der Nationale Vielfaltsplan am Beispiel Malmö
Engagement für Vielfalt und Miteinander
Die schwedische Einstellung zur Bildung
Ein Plan für Vielfalt
Erfolge des schwedischen Weges
Fazit
Literatur
 
Bildung in Leeds: United für faire Chancen
Education Leeds schafft die Wende
Der Ethnic Minority Achievement Grant
Der Stephen Lawrence Education Award
Herausragende Schulen für Integration
Die regionale Strategie für Chancengleichheit
Literatur
 
Vielfalt ist unsere Stärke: Das »Equitable Schools Program« des Toronto ...
Stärke ziehen aus der Vielfalt
Jedem Kind eine Chance geben - Herz und Hand für die individuelle Förderung
Kooperativ und partnerschaftlich
Erfolge - Folge kontinuierlicher Arbeit
Toronto als Vorbild für gelingende Integration durch Bildung
Literatur
 
Zehn Schritte zu fairen Chancen für Kinder und Jugendliche mit ...
1. Vielfalt in der Gesellschaft wertschätzen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl ermöglichen
2. Das Bildungssystem am Leitbild von Teilhabe orientieren und integrativ weiterentwickeln
3. Ressourcen im Bildungssystem dort einsetzen, wo sie am meisten gebraucht werden
4. Lehrkräfte für den Umgang mit Kinder aus Zuwandererfamilien systematisch ...
5. Die neue Lernkultur und das schulische Qualitätsmanagement im Interesse ...
6. Schule (Curricula, Schulalltag und Lehrerkollegien) interkulturell öffnen
7. Sprache(n) frühzeitig und kontinuierlich fördern
8. Zuwandererfamilien am Schulalltag beteiligen
9. Schulen in die regionale Bildungslandschaft integrieren
10. Mentoren für jedes Kind und jeden Jugendlichen aus einer Zuwandererfamilien gewinnen

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Vorwort
Der Zugang zu Bildung ist eine zentrale Voraussetzung, um an der Entwicklung in Gesellschaft und Wirtschaft teilzuhaben. Das deutsche Bildungssystem hat jedoch mit Blick auf Chancengerechtigkeit und gelingende Integration durchaus noch Entwicklungsbedarf. Die Bertelsmann Stiftung hat deshalb den Carl Bertelsmann-Preis 2008 dem Thema »Integration durch faire Bildungschancen« gewidmet. Unsere internationale Preisträgerrecherche hat viele mutmachende Beispiele für gelingende Integration ausfindig gemacht.
Als Finalisten wurden Modelle aus der Schweiz, Schweden, England und Kanada nominiert; die Jury bestimmte den Toronto District School Board zum Preisträger. Aufgrund der erfreulich hohen Nachfrage nach detaillierteren Informationen über diese Best Practice haben wir diese Vorbilder nochmals prägnant dargestellt: Auf der DVD finden Sie neben dem Filmportrait der vier Nominierten in einem separaten Service-Ordner Hinweise zu Literatur und Weblinks sowie die Filmtexte. Die Textportraits im Booklet wurden nach unseren Vor-Ort-Besuchen vom Director bzw. den Projektmanagerinnen im Programm »Integration und Bildung« der Bertelsmann Stiftung verfasst. Sie werden abgerundet durch Informationen zu den Länderpolitiken und Fakten zu den Programmen. Unsere abschließenden »Empfehlungen« fokussieren auf die nötige Umsetzung in Deutschland. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre und neue Perspektiven, damit Integration durch faire Bildungschancen gelingt!
 
Petra Rutkowsky _. Projektmanagerin
Programm »Integration und Bildung«

Qualität in multikulturellen Schulen: QUIMS im Kanton Zürich
Claudia Walther
 
 
 
Zürich - kleinste Großstadt der Welt«, heißt es in einem Leitfaden des Kantons für Neuzuzügler und alle, die es werden wollen. Die Recherche führt uns in die Schule Nordstraße im Stadtteil Wipkingen, der in dem Leitfaden als »traditionelles Wohnquartier« bezeichnet wird, »in dem sich auch heute noch günstige Wohnungen finden lassen«. In dem hellen und ruhigen Bibliotheksraum der Grundschule ist das Verkehrsrauschen von der Nordstraße, einer Hauptverkehrsader Zürichs, kaum zu hören. Hier sitzen wir mit einigen Eltern und der Schulleiterin zusammen und sprechen über das Projekt »Qualität in multikulturellen Schulen« (QUIMS).
»Meine Tochter hat von dem integrierten Unterricht und der individuellen Förderung profitiert«, erzählt eine Mutter, die anfangs befürchtete, dass ihre Tochter in der Schule nicht klarkommen würde. Nun sei sie in derselben Klasse wie die besseren Schülerinnen und Schüler, arbeite an ihrem individuellen Lernprogramm, ohne sich abgehängt oder ausgegrenzt zu fühlen. Ein Vater wiederum berichtet, er habe seinen hochbegabten Sohn trotz Umzugs in einen anderen Stadtteil in der Schule Nordstraße gelassen, denn, so sein Hauptgrund: »Die Situation auch von Höherbegabten ist hier besser.«
Was ist das für ein Projekt, das anscheinend die Quadratur des Kreises schafft, nämlich schwächeren und stärkeren Schülerinnen und Schülern gleichermaßen gerecht zu werden und die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund gezielt anzugehen?
»Toll, dass dies eine QUIMS-Schule ist«, begeistert sich eine weitere Mutter. »Der Umgang miteinander steht im Vordergrund. Hier ist viel Elternarbeit nötig.« Schwierige Themen gebe es auch hier, sie würden allerdings nicht tabuisiert, sondern bewusst angegangen. »Dafür müsste es einen Orden geben«, sagt sie voller Überzeugung.

»QUIMS hat uns Zeit zum Nachdenken geschenkt«

Die Schulleiterin erläutert die Motivation der Schule und stellt einige Projekte vor, die auf Integration und individuelle Förderung von sozial schwachen, aber auch allen anderen Schülern zielen. »QUIMS hat uns unterstützt, dass wir solche Projekte entwickeln konnten.« Auf unsere Fragen hin ergänzt sie: »QUIMS hat uns Zeit geschenkt zum Nachdenken.« Das hoch engagierte Lehrerteam wendet ganze Tage auf, auch in den Ferien, um Probleme zu besprechen und Lösungskonzepte zu entwickeln. Die fehlenden Stunden werden wiederum durch QUIMS-Mittel des Kantons für Ersatzkräfte abgedeckt.
Auf dem Weg zu einem Unterrichtsbesuch schauen wir uns in der Schule um. Ein großes Poster illustriert das Leitbild, das sich die Schule letztes Jahr gegeben hat: »Wir integrieren Kinder in ihrer Verschiedenheit.« Bei dem Besuch einer jahrgangsübergreifenden Klasse (4-6) fällt uns auf, wie diszipliniert und eigenständig die Kinder nach dem gemeinsamen Stuhlkreis an ihren Sitzplätzen weiterarbeiten. Nur weil wir zu Besuch hier sind?
Der Mathematiklehrer erläutert uns das Konzept. Die Mittel für eine zusätzliche Förderklasse mit Lehrkräften wurden in den gemeinsamen Unterricht investiert. Dadurch können zwei Lehrkräfte eine Klasse im Team unterrichten. Es gibt einen Basis-Lehrplan, der für alle verbindlich ist, und weiterführenden Stoff, den die Schülerinnen und Schüler im Anschluss bearbeiten können. Dadurch haben alle die Möglichkeit, ein individuelles Programm entsprechend dem eigenen Lerntempo zu absolvieren. Um den Übergang in das Gymnasium zu schaffen, muss man natürlich eine bestimmte Punktzahl vorweisen. Durch die beiden Lehrkräfte bleibt mehr Zeit, jeden Schüler und jede Schülerin zu begleiten.

Teil eines umfassenden Reformpakets

QUIMS ist ein Schweizer Projekt des Kantons Zürich. Ausgangspunkt war 1995 die Leistungsmessung in Mathematik und Deutsch an Schweizer Schulen. Diese zeigte deutlich den Rückstand und die Bildungsbenachteiligung von Kindern bildungsferner Schichten und aus Migrantenfamilien. Inzwischen hat etwa jeder vierte Schüler im Kanton Zürich einen Migrationshintergrund. Insgesamt hat die Schweiz heute bereits mehr Zuwanderer als klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada oder Neuseeland. Ähnlich wie Deutschland verstand jedoch auch die Schweiz Zuwanderung stets als zeitlich begrenzt von sogenannten Gastarbeitern. Der Anteil der Einwanderer an der Gesamtbevölkerung liegt bei knapp 24 Prozent. Die Einbürgerungsrate ist im europäischen Vergleich am niedrigsten.
Die Schweiz hat, ähnlich wie Deutschland, ein sehr föderales Bildungssystem. Daher variiert Bildungspolitik teilweise stark von Kanton zu Kanton. Allerdings ist hier auch die kommunale Ebene entscheidend. In Zürich ist dies nicht nur die Stadt, sondern auch der Stadtbezirk, der Schulkreis. Letzterer entscheidet beispielsweise durch die Schulpflege über die Stellenzuweisung, die Mittelvergabe und die inhaltliche Konzeptbewilligung für die einzelnen Schulen.
QUIMS gehört zu einem umfassenden Reformpaket, das in den 90er Jahren von der Bildungsdirektion des Kantons in Angriff genommen wurde. Das Hauptziel der Chancengleichheit sollte unabhängig von einer Schulsystemdebatte bereits in der Grundschule angegangen werden. Das Programm setzte auf die Unterstützung von »Brennpunktschulen«, um diese in die Lage zu versetzen, die Chancen von Kindern bildungsferner und Migrantenfamilien zu verbessern. Pate standen nicht zuletzt die »Magnetschulen« nach US-Vorbild, die Schulen in schwierigen Stadtteilen durch gezielte Unterstützung auch für Mittelschichten attraktiver machen.
Hierbei waren die landesspezifischen Faktoren zu berücksichtigen. Eine Reform des gesamten Schulsystems würde nach Schweizer Recht und Tradition eine Volksabstimmung erforderlich machen. Die Schweiz hat ein gegliedertes Schulsystem und teilt die Schülerinnen und Schüler nach sechs Jahren Grundschulzeit in Gymnasium und A-, B-und C-Schulen auf. Der Umgang mit Menschen ausländischer Herkunft ist ein öffentlich umstrittenes Thema. Symptomatisch war während unseres Projektbesuchs die Auseinandersetzung um ein bevorstehendes Referendum zur Einschränkung der Einbürgerungsmöglichkeiten. QUIMS ist vor diesem Hintergrund ein pragmatischer Weg, die Herausforderung der zunehmenden Diversität an Schulen zu meistern und individuelle Förderung an Schulen zu etablieren, ohne in die ideologischen Mühlen zu geraten.

Vom Pilotprojekt zum Schulprogramm

Inzwischen ist das Programm aus dem Versuchsstadium erfolgreich herausgewachsen. Angefangen mit fünf Pilotschulen, gibt es inzwischen 90 QUIMS-Schulen im Kanton Zürich. Bei 700 Schulen (Primar- und Sekundarstufe I) insgesamt erreicht das Programm rund 20 Prozent der ganzen Schülerschaft im Kanton und hat sich somit innerhalb von zehn Jahren von einem Pilotprojekt zu einem gesetzlich im Volksschulgesetz verankerten Schulprogramm entwickelt.
Leitidee ist dabei, alle Schülerinnen und Schüler in die Schule zu integrieren und ihnen nicht nur gleiche Bildungschancen, sondern auch ein gutes Kompetenz- und Leistungsniveau unabhängig von ihrem sozialen und kulturellen Hintergrund zu ermöglichen. Das Programm setzt - und das ist für seine Akzeptanz von großer Bedeutung - also auf zwei Prinzipien: Chancengleichheit und Leistung. Damit ist es auch für Eltern nicht sozial benachteiligter Kinder attraktiv. Die Leitziele des Programms entsprechen diesen Gedanken:
• Gutes Leistungsniveau: Die Schulen streben ein Leistungsniveau an, das den kantonalen Durchschnittswerten entspricht.
• Gleiche Bildungschancen: Die Schulen streben an, allen Schülerinnen und Schülern unabhängig von ihrer sozialen und sprachlichen Herkunft und ihrem Geschlecht gute Bildungschancen zu gewährleisten. Sie ermöglichen den Zugang zu weiterführenden Stufen. Ihre Übertrittsquoten in die anforderungsreichen Schultypen oder Ausbildungen entsprechen dem kantonalen Mittel oder nähern sich diesem zumindest an.
• Integration aller: Die Schulen fördern die Integration aller Schülerinnen und Schüler und das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Kinder, Eltern und Lehrkräfte.
Die QUIMS-Maßnahmen werden ausdrücklich als Teil des Schulprogramms verstanden. Gegenüber den neu einsteigenden Schulen betont die Bildungsdirektion des Kantons Zürich, dass das Programm nicht als Zusatz zu verstehen ist, sondern als Unterstützung bzw. Verstärkung von Reformmaßnahmen. Es soll letztlich Bestandteil des Schulprogramms der teilnehmenden Schulen werden.