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DIE HERRINNEN VON NEBENAN

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Femdom Roman

 

 

Emanuel J.

 

 

 

Cover: Giada Armani

Copyright: BERLINABLE UG

 

 

Berlinable lädt dich ein, alle deine Ängste hinter dir zu lassen und in eine Welt einzutauchen, in der Sex der Schlüssel zur Selbstbestimmung ist.

Unsere Mission: Die Welt verändern - Seele für Seele.

Akzeptieren Menschen ihre eigene Sexualität, formen sie eine tolerantere Gesellschaft.

Worte der Inspiration, des Mutes, der Veränderung.

Öffne deinen Geist und befreie deine tiefsten Begierden.

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Es ist nicht erlaubt, die Inhalte dieses eBooks ohne die ausdrückliche Genehmigung durch den Verlag zu kopieren, weiter zu verbreiten öffentlich vorzutragen oder anderweitig zu publizieren. Änderungen, Satzfehler und Rechtschreibfehler vorbehalten. Die Handlung und die handelnden Personen dieses Buchs sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

Zum Püppchen gemacht

 

Es war seltsam. Mit aufgeregt pochendem Herzen stand Daniel in Franziskas Küche und konnte kein Wort mehr sagen. Dabei wollte er ihr doch nur ein Päckchen Zucker bringen, da sie ihm vor zwei Tagen eines ausgeliehen hatte. Es war ihm, als würde ihr forschender Blick direkt in die verborgenen Winkel seiner Seele dringen und sich die Bilder mit anschauen, die in seinem Kopf durcheinanderpurzelten, aufregende, faszinierende Szenen, in denen sie über ihn dominierte und er ihr gehorsam sein musste Sie war Soziologiestudentin, etwas jünger als er, Mitte zwanzig vielleicht, und einen halben Kopf kleiner, womit sie noch immer zur mittleren Größe gehörte, da er ein ziemlicher Lulatsch war, und sie war hübsch mit ihrem halblangen goldblonden Haar, den großen blauen Augen, den schmalen Lippen und der aristokratisch geschwungenen Nase. Unendlich lange Sekunden währte das Schweigen nun schon. Was sollte er tun? Bald würde der Zauber gebrochen sein und er wieder hinüber in seine Wohnung trotten, als hätte es diesen magischen Augenblick nie gegeben.

Sie wies zum Hängeschränkchen über der Spüle. Stell den Zucker da rein!

Verwirrt schaute er sie an. Wie eine Bitte hatte das nicht geklungen, auch nicht wie ein Vorschlag oder ein Tipp, nein, es war tatsächlich ein Befehl gewesen, als ahne sie, was in ihm vorging, und fände Reiz daran, ein bisschen die Herrin zu spielen. War das möglich? Als bliebe ihm keine andere Wahl, öffnete er die Tür des Schränkchens, in dem es übereinander drei Fächer gab, das untere angefüllt mit Kaffeefiltern und Tütensuppen, das mittlere mit Speiseöl und verschiedenen Essigsorten.

Wieder klang ihre Stimme knapp und befehlend. Ganz oben!

Ein bisschen musste er sich recken, um seinen Zucker dort oben zwischen einer ungeöffneten Packung Kaffee und einem Karton Würfelzucker abzustellen.

Franziska, die eine enge Jeans trug und den nicht allzu üppigen Busen unter einem weiten blauen Pullover verbarg, nickte sich selbst zu, als habe ein Test das von ihr erwartete Ergebnis gebracht. Nach einem Moment des Überlegens ließ sie sich nieder am Tisch, den kein Tuch bedeckte und der mit der Längsseite an der Wand stand, da es einen besseren Platz in der kleinen Küche nicht für ihn gab. In ihrer Miene erblühte ein Lächeln, das fast großherzig war, als sei sie bereit, ihm einen Wunsch zu erfüllen, und wieder erklang ihre klare helle Stimme, der man anhörte, dass sie aus dem Norden Deutschlands stammte. Du darfst das Geschirr spülen.

Was? Die normale Reaktion wäre gewesen, sie zu fragen, ob sie noch alle Tassen im Schrank habe. (Hatte sie natürlich nicht, denn zwei standen auf der Arbeitsplatte neben der Spüle, auch wenn es keine wirklichen Tassen waren, sondern Kaffeebecher aus dünnem Porzellan.) Doch konnte es keine normale Reaktion geben, da die Situation nicht normal war. Alles war anders als sonst. In die Empörung, die im ersten Moment in ihm aufgewallt war, mischte sich ein Gefühl kribbelnder Erregung. Franziska schien sich ihrer Sache sicher zu sein. Tu nicht so, als würdest du es nicht wollen!

Tja, wenn sie meinte? Wortlos wandte er ihr den Rücken zu (vermutlich, so dachte er, würde er nie wieder irgendetwas zu ihr sagen, da in ihrer Gegenwart auf ewig zum tumben Befehlsempfänger geworden) und ließ heißes Wasser in die Edelstahlspüle rauschen. Es war nicht viel Geschirr, nur die zwei Kaffeebecher, einige Teller und ein bisschen Besteck. Hoch wuchs der Schaum übers Wasser empor, ein bisschen weniger Spülmittel hätte es auch getan. Er lehnte die gespülten Teller zum Abtropfen an die Wand, die hinter der Spüle weiß gekachelt war, und achtete sorgsam darauf, dass die abgerundeten Stege der Ablauffläche sie am Wegrutschen hinderten, damit er nicht gleich wie ein Tollpatsch vor ihren Scherben stand. Sein Blick schweifte zur Glastür, durch die man auf einen kleinen Balkon schaute, und hinunter zu einem großen Hinterhof, der als Parkplatz für die Bewohner der umliegenden Häuser diente. Ein böiger Herbstwind strich durch die Kronen einiger kleiner Bäume, deren Laub den ersten Gelbton annahm. Es war halb acht und Dunkelheit senkte sich vom Himmel, während hier drin das warme gelbe Deckenlicht angeknipst war. Er nahm das Tuch zur Hand, das über den Griff des Backofens gehängt war, und begann abzutrocknen, die Teller zuerst, dann die Becher.

Weißt du, wo mein Buch ist ?Isabel stand in der Küche, Franziskas Mitbewohnerin, die dunkles langes Haar und große braune Augen hatte, etwas kleiner als Franziska war und weicher wirkte, stiller und eher in sich gekehrt. (Dass sie BWL studierte, passte nicht wirklich zu ihr, wie Daniel fand, eher hätte er sie sich als Psychologie- oder Germanistikstudentin vorstellen können, weil ihm das weiblicher erschien, doch waren das vermutlich nichts anderes als höchst zweifelhafte Klischees.) Sie trug einen kurzen blauen Faltenrock, ein schwarzes ärmelloses Top über dem üppigen Busen und ausgelatschte braune Sandalen. Verblüfft huschte ihr Blick von ihm zu ihr und wieder zu ihm zurück, denn natürlich begriff sie nicht, weshalb er mit dem Geschirr zugange war, während Franziska ihm tatenlos in aller Seelenruhe zuschaute.

Ihre noch ungestellte Frage wurde sogleich beantwortet: Es ist reizvoll für ihn, unser Geschirr zu spülen.

Was? Reizvoll? Geschirrspülen? Warum hilfst du ihm nicht?Kaum hörbar schwang in ihrer dunklen Stimme der Nachhall eines gemächlichen südbadischen Dialekts mit und verwirrt spielte sie mit der Perlenkette, die sie fast immer trug.

Franziska lächelte zuversichtlich. Er schafft das schon.

Schweigend trocknete Daniel den Teller ab, verschämt darauf bedacht, Isabels konsterniertem Blick auszuweichen. Die Situation musste ihr unbegreiflich erscheinen und wahrscheinlich dachte sie, dass er nicht ganz bei Trost sei. Hätte sie aber geahnt, welch kribbelndes Spiel sie gerade miterlebte und in welcher Rolle er sich befand, wäre ihr Urteil vermutlich noch viel abfälliger ausgefallen. Zum Glück fand sie jetzt ihr Buch, es lag auf dem Regal, das neben der Balkontür an die Wand geschraubt war, beladen mit einer Mikrowelle, einer kleinen Stereoanlage, Töpfen, Pfannen, einer großen blauen Blechdose und einer Menge Krimskrams. Ohne weiteres Wort nahm sie es zur Hand und ging schnurstracks wieder hinaus, ratlos und als fürchte sie zu stören.

Froh darum, nicht länger verwundert von ihr beäugt zu werden, verstaute er das Geschirr in den Schränken, dirigiert von Franziska, die ihm sagte, was wohin gehörte, und oberflächlich, wie es beim Putzen bei ihm so üblich war, wischte er nach dem Ablaufen des noch immer schaumigen Wassers ein bisschen über die Spüle.

Franziska aber war mit ihm zufrieden. Schön hast du das gemacht.Ein bisschen fühlte er sich wie ein kleines Kind, das gelobt wird für seine Artigkeit. Und genau so waren ihre Worte wohl auch gedacht. Er hängte das Trockentuch wieder über den Griff des Backofens und war damit offenbar entlassen, denn sie erhob sich mit den bedauernden Worten, dass sie leider noch furchtbar viel zu lernen habe, und dirigierte ihn zur Wohnungstür in ihren blauen Turnschuhen, die ihre Schritte lautlos und geschmeidig machten. War es das jetzt gewesen? Ein bisschen Geschirrspülen und fertig? Er versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Was erwartete er auch? Dass seine Träume in Erfüllung gingen? Das gab es nur im Roman, nicht in der Wirklichkeit. Oder doch?

Als er draußen im Treppenhaus stand, lächelte sie vielversprechend. Ruf mich morgen Abend an, pünktlich um neun!Das klang wieder wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte. Noch ehe er antworten konnte, war die Tür sachte ins Schloss gezogen.

Wie im Traum ging er die wenigen Schritte zu seiner Wohnung hinüber. Was um Himmels willen war das nur gewesen? Hatte Franziska wirklich Spaß daran gefunden, ihm Befehle zu erteilen, oder interpretierte er zu viel in diese seltsame Begegnung hinein? Vermutlich hatte sie einfach keine Lust aufs Geschirrspülen gehabt und war froh gewesen, einen Dummen zu finden, der es für sie tat. Aber nein. Soweit er sie kannte, war sie nicht abgebrüht, kalt und berechnend, sondern eher warmherzig und freundlich. Vielleicht gab es ja tatsächlich geheime Träume in ihr, die sich mit den seinen ergänzen könnten. Da er das allerdings für so wenig wahrscheinlich hielt wie das Erleben einer Marienerscheinung an der Stadtmauer, war die Hoffnung schon gleich wieder verweht, bis auf einen winzigen Rest jedenfalls. Vielleicht geschah ja doch eines der Wunder, an die er nicht glaubte

 

 

*

 

 

Er schlief unruhig in dieser Nacht, von Franziska völlig durcheinandergebracht. Und kaum konnte er sich am folgenden Tag auf die Geschichte konzentrieren, an der er gerade schrieb, da seine Gedanken immer wieder in die Küche und zum Spülbecken schweiften. Nervös fieberte er dem Abend entgegen und zugleich versuchte er seine Erwartungen zu dämpfen. Sie würde ihm nicht das geben, was seine Fantasie ihm manchmal ausmalte in sehnsuchtsvollen Stunden und was ihn mehr erregte als alles andere sonst. Niemals würde er es erleben, von einer Herrin zum gehorsamen Sklaven erzogen zu werden, auch wenn es so etwas angeblich tatsächlich gab, so wurde es jedenfalls im einschlägigen Internetforum berichtet, in dem er mehr oder weniger regelmäßig las. Dort war allerdings auch nachzulesen, wie viele männliche Subs sich vergebens nach einer Herrin sehnten, die offenbar so rar waren wie Ideen für seinen neuen Roman. Und ausgerechnet er sollte eine solche direkt hinter der Tür nebenan finden? Nein, an Wunder glaubte er noch immer nicht. Und trotzdem pochte sein Herz immer nervöser, je näher der Zeiger dem vereinbarten (nein, dem befohlenen) Termin rückte.

Schon einige Minuten vorher ging er mit dem Telefon in der Hand unruhig auf und ab. Eine Straßenbahn rumpelte unten vorbei und ein Auto nach dem andern rollte über das Kopfsteinpflaster der Straße. Eine ruhige Wohnlage war das hier nicht gerade, doch hatte er eine solche ja auch gar nicht gesucht und immerhin befand sich die Wohnung im zweiten Stock des dreigeschossigen Mietshauses, sodass die Passanten nicht hereinglotzen konnten. Um Punk neun ließ er sich in seinen roten Sessel sinken und rief Franziskas Nummer aus dem Speicher. (Die er vor längerer Zeit schon eingegeben hatte, auch wenn es eigentlich absurd war, in der Wohnung nebenan anzurufen, die man schneller zu Fuß als übers Telefon erreichte.)

Nach dem zweiten Läuten wurde schon abgenommen. (Hatte Franziska etwa gewartet, vielleicht gar ähnlich ungeduldig wie er?) Ihre Stimme klang erfreut. Schön, dass du anrufst.Im nächsten Moment aber wurde sie ein bisschen kühler, fast herrisch, wie er jedenfalls herauszuhören glaubte. Und du bist lobenswert pünktlich.

Schon dieser Anflug von Strenge reichte aus, ein lustvolles Kribbeln in ihm zu schüren. Und nun? Wie ihr die Bereitschaft für das Spiel signalisieren (falls es denn ein solches geben sollte), ohne gleich gar zu deutlich zu werden? Das musste ich ja auch sein, nicht wahr?

Es schien zu funktionieren. Ja, das musstest du.Einen Moment herrschte Stille, dann klang ein tiefer Atemzug durch die Leitung. Du hast gestern sehr schön das Geschirr gespült und warst sehr brav. Das willst du doch, brav sein, oder nicht?

Oh, das war nun klar und eindeutig, das war wesentlich klarer und eindeutiger, als er für möglich gehalten hatte. Einen Moment lang brauchte er, um Mut zu sammeln. Ja, das will ich.

Dann wirst du also meine Befehle befolgen?

Ja.

Schön. Probieren wir es gleich mal aus. Was hast du an?

Eine Jeans und einen Pullover.

Tja Hast du einen Harten? Aber antworte ehrlich!

Was? Das hatte ihn noch nie jemand gefragt und schon gar nicht am Telefon. Und nun? Sie anschwindeln, um ihr männliche Stärke vorzugaukeln? Ach, er war doch kein Halbstarker mehr. Nein ich bin momentan wohl etwas zu nervös dafür …“

Er konnte ihr Lächeln durchs Telefon hindurch spüren. Du musst dich nicht dafür entschuldigen. Du musst ihn nur groß kriegen. Mach deine Hose auf, nimm ihn in die Hand, spiel mit ihm!“ – O Gott! Wie ging die denn ran? Das konnte sie doch nicht wirklich von ihm verlangen. Wieder klang ihre Stimme an sein Ohr, sehr entschlossen nun: Du hast die Wahl: Entweder du tust, was ich dir sage, oder wir beenden das Telefonat!

War das Erpressung? Auch, ja, natürlich. Aber vor allem war es konsequent. Sie sorgte für Klarheit und fuhr gleich das schwerste Geschütz auf, das ihr zur Verfügung stand. Das Ende des Telefonats würde auch das Ende ihres Spiels bedeuten, das doch noch gar nicht richtig begonnen hatte (wie er jedenfalls hoffte). Wie ferngesteuert zog er mit der rechten Hand den Reißverschluss seiner Jeans herab, während die linke das Telefon am Ohr hielt, und sachte nestelte er den kleinen Penis hervor.

Gespannt klang Franziskas Stimme. Und? Wie siehts aus?

Ich habe ihn in der Hand …“

Ihre Erleichterung war geradezu spürbar. Anscheinend war auch ihr eine ganze Menge am kribbelnden Spiel gelegen. Schön. Sei lieb zu dir. Und sag mir, wenn er groß geworden ist.Sachte begann er ihn zu melken. Noch nie hatte er das auf Befehl getan, noch nie mit dem Telefon am Ohr, noch nie hatte es eine Zuhörerin dabei gegeben (und einen Zuhörer noch viel weniger). Doch hörte sie nicht nur zu, wollte nicht passiv bleiben: Was spielt sich ab in deinem Kopf? Was für ein Film wird gespielt in deiner Fantasie? Verrat es mir. Aber sei ehrlich!

Oh! Das war viel verlangt! Er zögerte, rang mit sich, und war dann so ehrlich, wie von ihr gewünscht. Na ja, ich stelle mir vor dich zu küssen.

Wie zu küssen? Und wo? Auf die Stirn, auf den Mund oder woanders?

Tja ich knie vor dir und küsse deinen Schoß.

Ach. Meine Muschi willst du lecken? Machst du so etwas gerne?

Ja, sehr er ist jetzt übrigens groß.

Echt? Das ging ja flott.Franziskas mahnend erhobener Zeigefinger war durchs Telefon hindurch zu sehen, als gäbe es keine Wände zwischen ihnen. Pass auf, dass es dir nicht kommt! Aber spiel weiter mit ihm. Ich will, dass du schön geil bleibst. Das bist du doch, oder nicht?

Ein erregtes Stöhnen, nicht zurückzuhalten, untermalte sein beschämendes Bekenntnis. Ja, das bin ich.

Schön, dass du den Beweis gleich mit dazu lieferst. Aber jetzt weiter! Was gibt es noch in deinem Film?

Tja du hast etwas Schönes an.

Was habe ich an? Lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.

Eine Korsage. Oder ein Korselett. Mit Strapsen dran.

Ach, mit Strapsen? Magst du Strapse?

Ja, sehr …“

Tadelnd klang ihre Stimme plötzlich. Du denkst also, dass ich das Püppchen für dich spiele? Da hast du wohl etwas durcheinandergebracht. Du wirst das Püppchen sein! Morgen Abend um Punkt neun kannst du zu mir kommen. Es hat sich schon einiges an Geschirr angesammelt Aber dann bist du am ganzen Körper rasiert, und zwar sehr gründlich und wirklich überall. Hast du verstanden?

Ja.

Schön. Und bis morgen hast du dir vielleicht auch überlegt, wie du mich anreden willst. Ich bin mal gespannt. Und denke daran, dass es dir nicht kommen darf! Bis Morgen dann, Daniel.Die Verbindung war beendet, noch ehe er Zeit für ein Abschiedswort fand.

Mit dem Gefühl, dass gerade ein D-Zug über ihn hinweggedonnert sei, legte er das Telefon weg. Stille breitete sich im Zimmer aus, gestört nur vom leisen Quietschen einer Straßenbahn und seinen erregten Seufzern. Es fiel ihm schwer, die Hand von sich loszureißen. Sah so aus, als hätte er doch eine Herrin gefunden, gleich hinter der Tür nebenan, und was für eine! Am ganzen Körper sollte er sich rasieren, um ihr Püppchen zu sein. Noch nie hatte eine Frau so herablassend mit ihm geredet. Und dieser Ton traf ihn tiefer und erregte ihn mehr, als in seinen lüsternen Träumen für möglich gehalten was es ihm unmöglich machte, alle ihre Anweisungen befolgen. Eine, die einfach nur unmenschlich war, missachtete er in der Nacht gleich zweimal kurz hintereinander: Angefeuert von wunderbar aufregenden Bildern vor dem inneren Auge verschaffte er sich Befriedigung mit aufreizender Hand, um nach dem zweiten Mal dann hart bestraft zu werden von nagenden Zweifeln, die sich gleich nach dem Verklingen der Lust quälend zu Wort meldeten: Was tat er denn nur? Sollte er dieser Franziska tatsächlich wieder das Geschirr spülen und sich von ihr zum Püppchenmachen lassen? War er denn verrückt geworden? Betrachtete er sein Treiben mit den Augen der normalen Welt, dann war es einfach nur absonderlich, beschämend, entwürdigend und nicht einmal ansatzweise nachzuvollziehen. Der Gedanke aber, sie richtiganreden zu müssen, vertrieb die Zweifel mit neuer Lust und zum dritten Mal holte er sich einen runter, wonach er dann endlich einschlafen konnte

 

 

*

 

 

Länger als eine Stunde brauchte er am nächsten Nachmittag für die Ganzkörperrasur, von der nur die Haare auf dem Kopf verschont blieben. Eine halbe Dose Rasierschaum ging dabei drauf und eine ganze Packung Klingen. Die Dusche danach fühlte sich seltsam an, überall glatte Haut, als sei er eine Statue, nein, ein Püppchen. Dieses faszinierende Wort, das wunderbar anregende Assoziationen weckte, floss wie Öl in die Glut seiner Lust und er musste sich schwer zusammenreißen, um nicht schon wieder an sich herumzufingern.

Um Punkt neun stand er an der Tür gegenüber, in seine beste Jeans und ein weißes Hemd gehüllt, dazu dezent nach einem Herrenparfüm duftend. Franziska öffnete Sekundenbruchteile nach seinem Läuten die Tür, als sei sie schon bereitgestanden. Sie trug wieder eine Jeans und ihre Turnschuhe, dazu einen dünnen schwarzen Pullover, und duftete nach einem geheimnisvoll dunklen Parfüm. Ihr Make-up beschränkte sich auf einen blassroten Lippenstift und ihr Schmuck bestand aus einigen goldenen Armreifen und einem goldenen Ohrgehänge, das mit seinen aneinandergelöteten Stäben an ein Baugerüst erinnerte (was er ihr so ganz sicher nicht gesagt hätte).

Erfreut lächelte sie ihn an. Schön, dich zu sehen.Und sogleich hatte sie eine Instruktion für ihn: In Zukunft wartest du nicht, bis dir aufgemacht wird. Du läutest nur kurz und kommst dann gleich rein. Wir lassen die Tür für dich auf.Oh. Das war ein schöner Vertrauensbeweis, wie er fand. Nur das Wir machte ihn ein bisschen stutzig. Bezog sie Isabel etwa mit ein?

Er folgte ihr in die Küche, in der sich ein ganzer Berg von schmutzigem Geschirr auf der Spüle stapelte, dieses Mal auch Töpfe und Pfannen. Und das alles wartete auf ihn. Während er Wasser einlaufen ließ, setzte sich Franziska an den Tisch, offenbar wieder nicht bereit, ihm bei einer solch niederen Arbeit zu helfen. Wie es sich gehörte, fing er mit den Gläsern an, von denen einige neben der Spüle standen, hoch und dickwandig.

Er hörte, wie hinter ihm eine Flasche zischend geöffnet wurde und Mineralwasser ins Glas gluckerte. Einige Augenblicke lang war alles still, dann erklang Franziskas Stimme. Hast du dich rasiert?

Ja.

Sie seufzte geplagt. Könntest du vielleicht ein bisschen weniger lakonisch sein und ein bisschen genauere Auskünfte geben? Oder meinst du, es macht mir Spaß, dir jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen? Also probieren wir es noch mal: Hast du dich rasiert?

Einen kleinen Moment lang musste er um die etwas umfangreichere Auskunft ringen. Ja, das habe ich. Und zwar überall, so wie du es wolltest.

Und wo ist überall?

Na, überall halt, so hätte die Antwort gelautet, wäre er ein pubertierender Sechzehnjähriger gewesen. War er aber nicht. Mühsam klaubte er einige aufschlussreichere Worte zusammen: Ich habe meine Beine rasiert, die Brust, die Achselhöhlen und den Schoß.

Dann bist du jetzt also schön glatt wie ein Püppchen?(Dieses Wort schien sie nicht weniger zu faszinieren als ihn.)

Ja, das bin ich.

Sorge dafür, dass es so bleibt. Das heißt, dass du dich von nun an regelmäßig rasierst, mindestens einmal pro Woche, ohne erst eine Anweisung dafür zu bekommen. Ich will dir nicht ständig für jede Kleinigkeit einen Befehl erteilen, sondern erwarte, dass du mitdenkst. Hast du verstanden?

Ja.

Was zu bezweifeln wäre.

Was? Er ging auf ihren Zusatz nicht weiter ein. Es war wohl nur so dahergesagt. Da nicht einmal die Hälfte des Geschirrs auf die Abtropffläche passte, musste er vor dem Weiterspülen erst einmal die Gläser, Kaffeebecher und Teller abtrocknen mit einem frischen rot karierten Tuch, das er der Schublade entnahm, die Franziska ihm zeigte.

Draußen in der Diele klapperte eine Tür und gleich darauf kam Isabel herein. Heute suchte sie nach keinem Buch, sondern kam anscheinend nur zum Gucken, und verwundert war sie auch nicht, da inzwischen offenbar tatsächlich eingeweiht und aufgeklärt. Sie lächelte ihm aufmunternd zu und wandte sich an Franziska. Es scheint ja wirklich zu funktionieren. Ist praktisch.

Ja, sicher. Aber nicht einfach. Man muss ihm noch sehr viel beibringen.

Das kriegst du schon hin.So geschmeidig, wie sie gekommen war, schwebte Isabel in ihren ausgelatschten Sandalen wieder hinaus.

Schweigend trocknete er weiter ab, innerlich zum Glühen gebracht von Franziskas Worten, ihm noch sehr viel beibringen zu müssen, denn der Film, den diese unbestimmte Bemerkung auslöste, der war ungemein reizvoll.

Sie trat neben ihn und schaute ins Spülwasser, das zu einer dunklen, schaumlosen, fettigen Brühe geworden war, in der er mit einem Drahtreiniger die eingebrannten Essensreste vom Boden der letzten Pfanne schrubbte. Angewidert rümpfte sie die Nase. Ist ja übel.Ein bisschen vorsichtiger wurde sein Schrubben, um sie nicht versehentlich nass zu spritzen. Lächelnd legte sie den Kopf etwas schräg. Du hast dir anscheinend nicht überlegt, wie du mich anreden willst?

Oh. Doch natürlich.

Und warum höre ich es dann nicht?

Weil ich war mir nicht sicher, ob du es hören willst und wusste ja auch nicht, ob dir die Anrede überhaupt gefällt …“

Woher soll ich wissen, ob sie mir gefällt oder nicht, wenn ich sie nicht zu hören bekomme?“ – Schallend klatschte ihre flache Hand auf seine linke Wange, noch ehe er begriff, was ihm geschah, und im nächsten Moment traf ihr Handrücken seine rechte Backe. Ohrfeigen! Sie trieben ein Schluchzen von seinen Lippen und machten ihn zum hilflosen kleinen Kind, schufen aber keine Empörung in ihm, auch kein Entsetzen, sondern tiefe Verehrung. Herausfordernd lächelte sie ihn an. Meinst du, dass ich es noch zu hören bekomme?

Ja meine Herrin.

Na siehst du, es geht doch. Und es ist eine schöne Anrede. Ich will sie von nun an immer hören Allerdings nicht in Verbindung mit dem unpassenden Du. Ich möchte, dass du mich ab sofort in der zweiten Person Plural ansprichst, wie es einer Herrin zusteht. Weißt du, was ich meine?

Echt? Das wollte sie wirklich? Sie schien mit der Herrinnenrolle besser vertraut zu sein als gedacht. Ja …“

Verwundert schaute sie ihn an. „Du weißt es? – Ach ja, du bist ja Schriftsteller.“ Erneut klatschte ihre Hand in sein glühendes Gesicht und leise klirrten ihre Armreife gegeneinander. „Du solltest immer daran denken, wie du mich anzureden hast. – Und jetzt sage mir, ob du mir in Zukunft ein gehorsamer Sklave sein willst.“

Oh! Sie nannte ihn Sklave? Und er musste sie jetzt tatsächlich wie eine Herrscherin anreden? So schwer es auch fiel, die seltsamen Worte auszusprechen, so kamen sie doch aus tiefstem Herzen: Ja, meine Herrin, ich will Euch ein gehorsamer Sklave sein.

Versonnen lauschte sie der Beteuerung nach und kaum zu verstehen war ihr Gemurmel. Ich hätte nicht gedacht, dass mal jemand so etwas zu mir sagt.Wenn sie mit der Herrinnenrolle gut vertraut war, dann offenbar eher in der Theorie als in der Praxis, was sich grade aber zu ändern begann. Sachte streichelte sie seine Wange, die vermutlich gerötet war, dann legten sich ihre Finger an seine Lippen und sie betrachtete sich versonnen, wie er sie zärtlich küsste. Wieder galt ihr Gemurmel mehr ihr selbst als ihm: Ich bin mal gespannt, ob eine solche Erziehung wirklich funktioniert.Zwei ihrer Finger schoben sich in seinen Mund, krümmten und spreizten sich aufreizend, schürten kribbelnde Lust, und er lutschte gierig an ihnen wie ein Kleinkind am beglückenden Schnuller, während er die letzten eingebrannten Reste vom Boden der Pfanne schrubbte.

Erst als er diese aus dem Brackwasser hob, zogen sie sich aus ihm zurück und wischten sich an seinen Wangen ab, die immer noch leise glühten, dann setzte sich Franziska wieder an den Tisch, um ihm von dort aus beim Abtrocknen des restlichen Geschirrs zuzuschauen. Als alles in den Schränken verstaut und die Spüle sauber gewienert war, wurde er aus dem Paradies vertrieben, das diese Küche mit all dem schmutzigen Geschirr für ihn geworden war.

Sie habe noch zu tun, sagte sie und lotste ihn sachte aus der Wohnung. Draußen im Treppenhaus hielt ihre Stimme ihn noch einmal auf: Wir treffen uns morgen um siebzehn Uhr vor dem Finanzamt.

Dass er Zeit und Lust für dieses Treffen hatte, setzte sie offenbar als gegeben voraus. Lächelnd schloss sie die Tür und wehmütig stapfte er zu seiner Wohnung hinüber auf dem grauen matten steinernen Etagenboden, der im Gegensatz zur polternden hölzernen Treppe die Schritte zur Unhörbarkeit dämpfte. Komisch, dass sie ihn einfach so wegschickte, ohne sich an ihm zu vergnügen auf irgendeine Weise und sich von ihm verwöhnen zu lassen. Hätte er eine Sklavin, wäre diese sicherlich nicht so unbenutzt davongekommen

Verloren wie ein im Wald ausgesetztes Märchenkind lag er spät in der Nacht in seinem Bett und alles in ihm lechzte nach seiner Herrin Franziska, nach ihrem kritischen Blick, ihrem liebevollen Lächeln und ihren strengen, mitunter auch herablassenden Worten, die tiefste Verehrung in ihm bewirkten. Dazu sehnte er sich noch nach anderen Dingen, die er im Augenblick lieber für sich behielt

 

Die Herrin, die lieber eine Lady ist

 

Das Finanzamt befand sich in der Krämerstraße fünf Straßenbahnminuten von zu Hause entfernt auf der anderen Seite des Flusses am Rande der Altstadt in einem hohen Gebäude mit abweisend schwarzer Glasfassade, die von weitem schon die armen Steuerzahler verschreckte. Das Drumherum, ein mehrgeschossiges Parkhaus und einige Geschäfte in grauen Betonbauten, war auch nicht sehenswerter, und auf der vierspurigen Straße, die zum Hauptbahnhof und weiter zur Autobahn führte, krochen wie immer um diese Tageszeit unzählige Autos Stoßstange an Stoßstange im Schneckentempo hintereinanderher. Was um Himmels willen wollte Franziska hier? Ihn mit Steuerformularen quälen? Er war ein bisschen zu früh dran und stromerte mit den Händen in den Taschen seiner warmen dunklen Jacke fröstelnd hin und her im kühlen Herbstwind unter dem seidig blauen Himmel. Wie ein geschäftiger Ameisenstrom eilten gesenkten Blickes die Passanten vorüber, von denen keiner auch nur eine einzige Sekunde zu verlieren hatte, und nicht zum ersten Mal beschlich Daniel das Gefühl, in diese Welt nicht so recht zu passen.

Da kam sie, Franziska, er sah sie schon von weitem. Hübsch sah sie aus. Sie hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug eine dunkelblaue Daunenjacke zur Jeans und den blauen Turnschuhen. Erfreut lächelnd kam sie auf ihn zu. Wartest du schon lange?

Er winkte wortlos ab und sie nahm ihn bei der Hand, als wären sie ein richtiges Pärchen. (Waren sie das nicht? Nicht wirklich, dachte er, da sich ihre Beziehung doch mehr auf die Funktion als auf die Person bezog. Oder war das nur bei ihm so, nicht bei ihr? Er wusste es nicht, hielt es aber auf alle Fälle für besser, diese Gedanken gleich wieder zu verscheuchen.) Sie wollte gar nicht zum Finanzamt, sondern führte ihn zu einem Laden für Reitereibedarf, der in einem der Betonbauten untergebracht war.

Vor dem Öffnen der Tür lächelte sie ihn geheimnisvoll von der Seite her an. Hier gibt es doch bestimmt etwas Geeignetes für deine Erziehung.Oh! Verstand er richtig? Anscheinend schon, da sie gleich beim Betreten des Geschäfts den erstbesten Verkäufer nach der Abteilung mit den Reitgerten fragte. Ohne Zaudern schlug sie die Richtung ein, in die der Verkäuferfinger wies, und wie ein Schleppkahn zog sie Daniel an der Hand hinter sich her, vorbei an Helmen, Koppeln, Sätteln, Heugabeln, Kraftfutter und Dopingmitteln bis zu den Reitstiefeln, an denen sie links abbogen (der Laden war größer als gedacht), um schließlich vor einer Bretterwand zu stehen, an der Gerten in verschiedenen Längen hingen.

Franziska schlug eine hilfsbereit herbeieilende Verkäuferin mit den freundlichen, aber bestimmten Worten zurück, dass sie schon zurechtkämen, und wandte sich mit einer großzügigen Geste zur Wand an Daniel. Such dir eine aus!

Wärme kroch in seine Wangen unter dem interessierten Blick der mittelalterlichen, kurzhaarigen brünetten Verkäuferin, die zwei Schritte entfernt Position bezogen hatte und in ihrem langen grauen Kleid wie eine Gouvernante aussah. Also gut, dann lief er eben rot an, es gab ja auch einigen Grund dafür. Jede der dünnen biegsamen Gerten war am Griff mit einer ledernen Handschlaufe und vorn mit einer ledernen Klatsche versehen und sie alle waren erstaunlich billig: Die günstigste gab es für sechs, die teuerste für fünfzehn Euro. Nennenswerte Unterschiede in der Wirksamkeit gab es wohl nicht, nahm er mal an. Wehtun würden sie alle! War er denn verrückt, sich etwas auszusuchen, das dafür bestimmt war, ihm Schmerzen zuzufügen? Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm er eine von ihnen vom Haken, eine von mittlerer Länge und mittlerem Preis, versehen mit einer Klatsche, die so breit und etwa halb so lang war wie ein Finger.

Im Hintergrund erklang die kompetente Verkäuferinnenstimme: Dieses Modell hat einen Kern aus Fieberglas, ist mit Nylon ummantelt und wird wegen seiner Handlichkeit gerne zur Disziplinierung eines Sklaven oder einer Sklavin verwendet.Was? Hatte er richtig gehört? Die Dame blickte so unbeteiligt drein, als habe sie die Vorzüge eines Mückensprays geschildert.

Natürlich war die Entscheidung gefallen: Diese Gerte wurde genommen und keine andere. Daniel musste sie gleich in der Hand behalten, während sich Franziska die Reitstiefel betrachtete. Die Absätze sind alle sehr flach. Ein bisschen höher gibts nicht?

Bedauernd schüttelte die Verkäuferin den Kopf. Beim Reiten auf einem Pferd kann man keine hohen Absätze brauchen.

Ah so. Dann eben nicht. Auf einem Pferd gedachte Franziska also offenbar nicht zu reiten. Dass sie die Gerte vorne an der Kasse diskussionslos selbst bezahlte, fand Daniel sehr in Ordnung, da man ihm wohl kaum hätte zumuten können, das Aua auch noch aus der eigenen Tasche zu finanzieren, dass er sie aber uneingewickelt und für jeden sichtbar durch die Stadt tragen musste, hielt er für weniger okay, was aber niemanden interessierte. Als einziger Trost blieb ihm noch, sie nicht am Griff zu fassen, sondern in der Mitte, was einen irgendwie harmloseren Eindruck machte, wie er jedenfalls glaubte, doch nahm auch das ihm nicht das Gefühl, dass jeder schon beim ersten Blick ganz genau wisse, wozu sie bestimmt war. Seine freie rechte Hand wurde von Franziska festgehalten, wofür er ihr sehr dankbar war. Sie schämte sich seiner nicht, wahrte nicht Abstand, damit niemand eine Verbindung zwischen ihnen herstellen konnte, sondern bekannte sich frei und unbekümmert zu ihm. (Dass diese Unbekümmertheit einfach einer anderen und realeren Sichtweise entsprang, ahnte er nicht. Im Gegensatz zu ihm wusste sie nämlich sehr gut, dass sich in Wirklichkeit kein Mensch für ihn interessierte, da jeder mit sich selbst genug zu tun hatte und sowieso nie irgendjemand auf die Idee zu kommen schien, dass es Neigungen zu Dominanz und Devotion außerhalb witzloser Witze tatsächlich gab.)

Nur noch wenige Schritte von der Straßenbahnhaltestelle entfernt, wurde er plötzlich angehalten vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts, dessen Auslage Franziska interessiert musterte. Sie wollte doch nicht etwa? Doch, sie wollte! Leise murrend folge er ihr hinein in den ziemlich exklusiven Laden, den er nach einem flüchtigen Blick auf die Preise nie und nimmer betreten hätte. Sie wurden von einer auf jung getrimmten runzeligen Verkäuferin beraten und es stellte sich heraus, dass die Auswahl sehr begrenzt war: Es gab genau zwei Paar an hohen schwarzen Stiefeln in Größe einundvierzig, eines mit genarbtem, das andere mit glattem Leder, und beide hatten die an den Reitstiefeln vermissten hohen Absätze. Sie probierte beide an und stöckelte einige Schritte über den roten Teppich, sprachlos von Daniel bestaunt, dem das Murren schon längst vergangen war. Das war nicht einfach nur eine Fußbekleidung, das waren Stiefel für eine wirkliche Herrin!

Sie entschied sich für die glattledrigen, die bis zu den Knien hoch reichten, und Daniel staunte noch mehr. Hatte schon jemals eine Frau irgendwo auf der Welt so schnell und unkompliziert etwas zum Anziehen gekauft? Der Preis, der ihm den Atem stocken ließ, schien für sie kein Problem zu sein. Zweihundertzwanzig Euro! (Na ja, sie stammte aus reichem Hause, so hatte ihm Isabel vor einiger Zeit mal erzählt.) Sie bezahlte per Kreditkarte und ließ sich die Stiefel ohne zugehörigen Karton in eine Einkaufstüte packen, die natürlich Daniel in die Hand gedrückt bekam. Seine kurz aufkeimende Hoffnung wurde von ihrem ablehnenden Blick gleich wieder zunichtegemacht. Nein, die Gerte durfte nicht mit hinein, die musste er weiterhin offen mit sich herumtragen wie eine Leuchtreklame.

Beim Verlassen des Ladens lächelte Franziska ihm vorfreudig zu und näherte die Lippen seinem Ohr. Du weißt doch bestimmt, wie ein ergebener Sklave seine Herrin begrüßt?

Oh. Meinte sie etwa das? Schon der Gedanke daran überschüttete ihn mit tiefer Scham, zu der bei einem Menschen mit seiner Neigung unweigerlich auch prickelnde Lust gehörte. Oder meinte sie das gar nicht? Aber dann hätte sie auch keine Stiefel gebraucht. Ich denke, zu wissen, was du meinst, bin mir aber nicht ganz sicher.Wieder kribbelte Wärme durch seine Wangen.

Franziska lächelte amüsiert. Du denkst zu wissen. Sehr schön Und du wirst rot. Also denke ich, dass du das Richtige ahnst. Und du solltest begreifen, dass ich dir nicht jedes Mal jede Kleinigkeit befehlen will. Du verstehst, was ich meine?

O ja. Er verstand. Sie hatten die Haltestelle erreicht und er dämpfte die Stimme zum linden Hauch, damit keiner der Umstehenden seine Worte hörte: Ja meine Herrin.

Schön. Du scheinst es wirklich verstanden zu haben.

Die Straßenbahn kam angesäuselt und brachte sie zuerst zum Wilhelmsplatz, dem Verkehrsknotenpunkt an der Einmündung zur Altstadt, an dem sich fast alle städtischen Busse und Straßenbahnen begegneten, dann weiter auf einer breiten Brücke über den träge dahinströmenden Fluss, auf dem ein weißes Ausflugsschiff einen schwarz verstaubten Kohlefrachter überholte, und zur Haltestelle direkt vor ihrem Haus. Hand in Hand stiegen sie hoch zum zweiten Stock, und wäre er gläubig gewesen, hätte er ein Dankgebet zum Himmel geschickt, da sie entgegen aller Befürchtung keinem Mitbewohner begegneten.

Mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln verwehrte sie ihm vor ihrer Tür den Zutritt. Ich muss mich erst mal ausruhen. Um neun kannst du kommen.Als er ihr die Gerte und die Stiefel reichen wollte, schüttelte sie ein zweites Mal den Kopf, tadelnd nun. Weißt du nicht, wie ein wohlerzogener Sklave seiner Herrin etwas überreicht?

Ja, natürlich ahnte er auch jetzt wieder, was sie meinte. Aber was, wenn seine Ahnung ihn täuschte, sie etwas ganz anderes, vielleicht viel Unverfänglicheres erwartete und er es trotzdem tat? Dann wäre er ziemlich blamiert. Schritte polterten knarrend von oben die Holztreppe herab und Roland kam angestapft, ein kräftiger, massiger Typ, der in einer der beiden oberen Wohnungen hauste. Missmutig wie meistens hob er beim Vorbeigehen die Hand zum flüchtigen Gruß, lächelte gequält und rumpelte die nächste Treppe hinunter. Jurastudenten schienen ein wirklich schweres Leben mit wenig Freude zu haben; vielleicht aber lag es nur an seinem Naturell. Und blind war er anscheinend auch, jedenfalls schien er die Gerte in Daniels Hand nicht bemerkt zu haben.

Franziska legte den Kopf etwas schräg. Sollen wir den ganzen Abend hier stehen?

Tief holte Daniel Luft, zögerte einen Moment und beugte die Knie vor ihr zu einem Knicks wie ein Dienstmädchen vor der edlen Dame. In seinen Träumen hatte er das schon mal tun müssen hin und wieder, ohne je für möglich gehalten zu haben, dass er es tatsächlich einmal ganz in echt tun würde vor ganz wirklichen Augen.

Ein halbwegs zufriedenes Lächeln huschte über ihre Miene. Na guck, du weißt genau, was ich meine. Nur an der Ausführung hapert es noch. Und bräche dir ein Zacken aus der Krone, wenn du ein paar passende Worte dabei sagen würdest? Probier es noch mal. Aber richtig jetzt!

Ein zweites Mal knickste er vor ihr, tiefer, ergebener nun, und etwas höher hob er die Hände mit dem Stock und den Stiefeln, während er ihr die Worte zuflüsterte, die er für die richtigen hielt: Bitteschön, meine Herrin.

Ihr Lächeln hatte keinen Vorbehalt mehr und nun nahm sie Stock und Stiefel auch entgegen. Siehst du, es geht doch. Bis später dann.Sachte zog sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Mit den Gedanken bei ihr kochte er sich in seiner Küche einen Kaffee. Es war wirklich frappierend, wie sehr ihre Vorstellungen übereinstimmten und wie genau er immer wusste, was sie von ihm verlangte, auch wenn sie es nicht klar aussprach. Es war, als stammten die Filme in ihrem Kopf vom gleichen Regisseur. Vielleicht war es ja auch so. Möglicherweise las auch sie in einem einschlägigen Internetforum, vielleicht sogar im gleichen wie er, und, wer konnte es schon wissen, vielleicht guckte sie sich auf den entsprechenden BDSM-Seiten die gleichen Pornofotos an. Machten Frauen so etwas? Manche schon, so wusste er von einigen Internetbekanntschaften, und die faszinierenden Herrinnenideen, mit denen Franziska ihn überraschte, sprachen jedenfalls dafür. Das Geschirr gehörte mal wieder gespült, doch hatte er überhaupt keine Lust darauf. Vielleicht sollte er es mit rübernehmen in Franziskas Küche, in der sogar das Geschirrspülen zum verzauberten Abenteuer geriet

 

 

*

 

 

Mit pochendem Herzen stand er um neun Uhr vor ihrer Tür. Ob sie ihn die Gerte würde spüren lassen? Ob es arg wehtat? Klamme Furcht, Bangen vor dem Kommenden, Scham bei der Vorstellung, was er jetzt gleich wohl würde tun müssen, und kribbelnde Erwartung brodelten wild in ihm durcheinander wie ein finsteres Gebräu in der Alchemistenküche bei der Suche nach dem Stein der Weisen. Er klingelte kurz, wartete eine Sekunde und drückte dann sachte gegen die billige dunkle Resopaltür, die bereitwillig vor ihm aufsprang, da Franziska tatsächlich daran gedacht hatte, das Schnäpperchen reinzumachen, als würde sie auf ihn warten. Wie ein Dieb in der Nacht schlich er hinein in die Diele, die zwielichtig von einem kleinen Lichtlein neben dem Garderobenschrank beleuchtet wurde. Die Küchentür, die sich rechter Hand befand, stand halb offen, doch war es dahinter dunkel, während aus dem Gemeinschaftsraum, der geradeaus vor ihm lag, ein Streifen gedämpftes Licht herausfiel. Und von dort heraus klang Franziskas Stimme: Wir sind hier!

Wir? Sollte das heißen, dass sie nicht alleine war? Vorsichtig betrat er das Zimmer, in dem er bisher nur ein einziges Mal gewesen war, da ansonsten bei seinen wenigen Besuchen immer in der Küche hängengeblieben. Sie hatte tatsächlich Gesellschaft: Bequem hingestreckt lümmelte Isabel in einem Sessel, bekleidet mit blauem Rock und schwarzem T-Shirt. Heute trug sie aber nicht die üblichen Sandalen, sondern schwarze Sandaletten mit halbhohen Absätzen, und anders als sonst, hatte sie keine Socken an, sodass man ihre Zehennägel sah, die im gleichen dunklen Rot wie die Fingernägel lackiert waren. Franziska saß im zweiten Sessel mit der Gerte in der Hand! Sie trug wie üblich eine Jeans, dazu ein schlichtes langärmeliges rotes Oberteil mit halbrundem Ausschnitt und die neuen Stiefel! Abwartend schaute sie ihn an. Er wusste genau, was sie wollte, und es reizte auch sehr Aber vor Isabels Augen? Ihre Gegenwart ließ ihn zur Salzsäule erstarren. Würde sie nicht entsetzt sein und auch noch den letzten Rest an Achtung vor ihm verlieren, anständig, wie sie nun mal war, und in Sachen BDSM vermutlich völlig unerfahren?

Franziska legte den Kopf etwas schräg. Hast du vergessen, wie ein gehorsamer Sklave seine Herrin begrüßt?

Nein. Ich dachte nur …“

Und hast du auch vergessen, wie du mich anreden sollst? Alles fort aus deinem Kopf?Sachte ließ sie die Gerte in ihre linke Hand federn. Sieht so aus, als müsste ich dir das alles erst beibringen. Runter mit der Hose!

Bitte, Franziska, ich könnte dir Euch …“ Ach, was sorgte er sich denn um Isabels Blick? Sie wusste doch, dass er Franziskas Sklave war, und es war nicht nur absurd, sondern machte alles nur noch beschämender, wenn er versuchte, seine Rolle vor ihr zu verheimlichen oder abzumildern. Verzeiht mir bitte, meine Herrin. Ich hatte einen Moment lang nicht den Mut Darf ich Euch so begrüßen, wie es Euch zusteht?

Sie lächelte überrascht. Ach, das klingt ja schon besser. Nur ein bisschen zu spät. Also los, mach sie runter!

Es war ihm, als würde die komplette Zimmereinrichtung ihn anstarren: der kleine Fernseher, die billige Stereoanlage, die Bücher auf dem Regal, der runde Glastisch und die schwarze lederne Sitzgruppe mit den beiden Sesseln und dem kleinen Sofa. Das alles wirkte improvisiert und zusammengewürfelt, was aber normal war in einer solchen Wohnung, die nicht dafür gedacht war, ein ganzes restliches Leben darin zu verbringen. Und unwillkürlich schweifte sein Blick durchs Fenster zur Fassade des Nachbarhauses, das man durch die zugezogenen beigefarbenen Vorhänge hindurch sehr deutlich sah, da sie nicht blickdicht waren und man durch ihre großen Maschen fast ungehindert hinausschauen konnte. Und wohl ebenso gut auch herein Woran er jetzt lieber aber nicht dachte.

Von Franziskas ungeduldigem Räuspern angespornt, öffnete er zaudernd die Gürtelschnalle, den Knopf am Bund, den Reißverschluss, dann holte er tief Luft und schob die Jeans mit beiden Händen hinunter bis zur Mitte der Oberschenkel, was aber nicht reichte. Weiter runter!Bis zu den Knöcheln musste er sie hinabschieben und dann den schwarzen Slip hinterher. Am liebsten wäre er vor Scham im Boden versunken unter dem mitleidigen Blick der beiden Frauen, die sein winzig kleines Glied wortlos beäugten. Mit kleinen Schritten, zu denen die Fessel der Hose ihn zwang, musste er zwischen die Sessel und zum runden Tisch trippeln, auf dem eine Flasche Rotwein und zwei bauchige Gläser standen, beide zwei Fingerbreit hoch gefüllt, und wie zum Tode verurteilt befolgte er auch Franziskas nächsten Befehl, beugte sich nach vorne und stützte sich mit beiden Händen auf der dicken gläsernen Platte ab, während sich seine Augen von ganz allein wie bei einer Schlafpuppe schlossen.

Er hörte, wie sich beide Frauen erhoben, und zuckte zusammen, als eine Hand seinen Hintern berührte, doch tat sie ihm nicht weh, sondern streichelte ihn zärtlich, untermalt von Franziskas mitfühlenden Worten. Mein armer Sklave. Wirst ein bisschen leiden müssen. Doch bist du selbst schuld daran. Hast dich wohl geniert vor Isabel?

Ja, meine Herrin. Es tut mir leid.

Du musst dich vor ihr nicht schämen, jedenfalls nicht mehr als vor mir. Und du wirst ihr genau die Ehrerbietung entgegenbringen, die auch ich von dir erwarte. Du wirst jeden ihrer Befehle befolgen und ihr ein gehorsamer Sklave sein. Hast du verstanden?

Ja, meine Herrin.

Schön. Dann hoffen wir mal, dass es keine leeren Versprechungen sind.Die Hand ließ von ihm ab und er hielt den Atem an dann entbrannte Feuer auf seinem Hintern und brach ein schmerzvolles Seufzen von seinen Lippen. Ganz so schlimm wie befürchtet war es aber gar nicht gewesen. Doch war das erst der Anfang, die Probe, die Eingewöhnung. Sehr zu seinem Schrecken musste er bemerken bei den nächsten Hieben, dass diese Gerte wirklich wehtun konnte (und somit zur Disziplinierung eines Sklaventatsächlich gut geeignet war, ganz so, wie von der seltsamen Verkäuferin behauptet). Doch war er kein kleines Kind mehr, das eine Tracht Prügel hilflos über sich ergehen lassen musste, es wäre kein Problem gewesen, sich einfach aufzurichten und ihr den Stock aus der Hand zu nehmen, da er ja stärker war als sie. Und dann? Wieder allein in der Wohnung hocken, herrinnenlos und bitterlich bereuend? Viel zu faszinierend waren die Gefühle, die Franziskas Strenge ihm schenkte, als dass er auf sie hätte verzichten wollen, weshalb er nur physisch stärker war als sie, während er in seiner Seele nun doch zum kleinen Kind wurde, das sich gegen sie nicht wehren konnte. Tränen rannen über seine Wange unter den schmerzhaften Schlägen, die sie ihm mit kühler Hand verpasste, und als sie endlich damit aufhörte, da war es gar nicht überstanden wie gedacht.

Die Worte, die er von ihr hörte, ließen ihm die Haare zu Berge stehen. Machst du weiter?Er sah es nicht, sondern ahnte nur, wie sie die Gerte an Isabel weiterreichte, begleitet von belehrenden Worten. Aber sei nicht zaghaft. Denn tust du ihm nur ein bisschen weh, fängt er an, sich nach der Bestrafung zu sehnen und sie zu provozieren. Dann wird er nie gehorsam werden.

Wieder klatschte der Stock auf seinen Hintern und sogleich musste er spüren, dass sich Isabel an die Ermahnung hielt, die sie kommentarlos hingenommen hatte. Wieder rannen ihm Tränen über die Wangen, füllte sein gepeinigtes Schluchzen das Zimmer und überlegte er verzweifelt, wie sich die Tortur wohl verkürzen ließe. Wenn Widerstand nicht infrage kam, dann vielleicht das Flehen um Gnade? Bitte …“ Das Wort ging unter in seinem Wimmern, es war zu leise ausgesprochen, er musste einen erneuten Anlauf nehmen. Oder war es nicht nötig?

Der Stock hielt inne und von weit her klang Franziskas Stimme an seine Ohren. Ich sagte dir ja, dass du leiden musst. Und das wird in Zukunft immer so sein, wenn du unsere Befehle nicht augenblicklich befolgst. Hast du verstanden?

Ja, meine Herrin.

Was hast du verstanden?

Dass ich jeden Eurer Befehle befolgen muss …“ Noch weitere Worte sprudelten aus seinem Herzen hervor, ohne dass er sie zurückhalten konnte. Ich liebe Euch, meine Herrin.Auch wenn seine Liebe vielleicht nurihrer Rolle galt und weniger ihrer Person, war sie deshalb nicht weniger echt, zumal er zwischen Rolle und Person sowieso keinen Unterschied mehr erkannte.

Ein Lächeln schwang in ihren Worten mit. Schön zu hören. Ich tue ja auch alles dafür Und nun solltest du endlich die Begrüßung nachholen.

Mit brennendem Hintern drehte er sich um und sah die beiden Frauen einige Schritte von ihm entfernt nebeneinanderstehen, Isabel noch mit der Gerte in der Hand. Ohne einen Moment des Zögerns sank er vor ihnen auf die Knie und näherte das Gesicht Franziskas linkem Stiefel. Auf so manchem Foto hatte er so etwas schon gesehen, halb fasziniert und halb abgestoßen, hatte manches Mal auch davon geträumt, um sich dieses Traums dann wieder zu schämen, da es in den Augen der normalen Welt etwas Schmählicheres nicht gab. Und nie hätte er für möglich gehalten, es einmal wirklich tun zu müssen, natürlich nicht. Vorsichtig ließ er die Zunge über das glatte Leder gleiten, üäößüäüüßüäööö