Für meinen Paps

 

 

 

 

Der Wal hing in einem Fischernetz fest und konnte dem Schiff nicht ausweichen, das genau auf ihn zusteuerte. Wenn es ihn erwischte, hatte er keine Überlebenschance.

Als der Wal sie entdeckte, rief er markerschütternd.

Ihr wurde eiskalt. Das Schiff kam immer näher. Die Bugwelle zerrte an ihr, und das Dröhnen des Motors wurde lauter und lauter.

Da befreite sich der Wal mit ein paar wilden Bewegungen aus dem Netz und hetzte davon.

Doch im nächsten Augenblick fuhr das Schiff laut donnernd über sie hinweg. Und dann kam der Sog. Er war so stark, dass er sie gnadenlos unter den Rumpf zog. Es gab nichts, was sie tun konnte. Wie eine hilflose kleine Puppe wurde sie herumgewirbelt, und sie wusste, dass sie in der nächsten Sekunde gegen den Schiffsrumpf prallen würde.

Aber das geschah nicht. Denn plötzlich waren da lange, starke Fangarme, die sie ergriffen und nach unten zogen …

Alea stand am Bug des Schiffs und schaute auf das graue Meer, das wie ein alt gewordener, verblichener Teppich vor ihr lag. Die bunt schimmernden Farben, die eine Walwanderin wie Alea normalerweise im Wasser sah, waren fort, vertrieben vom Öl der norwegischen Bohrinsel-Katastrophe. Zwar befand sich die Crucis auf dem Ärmelkanal vor Belgien – Hunderte von Seemeilen von Norwegen entfernt –, doch die Auswirkungen der Ölpest reichten bis hierher.

Alea seufzte. Wie empfindlich das Meer war! Und wie schützenswert. Für sie, eine der letzten Töchter der See, war es unbestreitbar, dass Wasser einen eigenen Geist, eine Seele besaß. Diese steckte in jedem einzelnen Tropfen, vom kleinsten Bachlauf bis zum gigantischsten Ozean. Und jeder, der dem Wasser schadete, verletzte es damit so, als würde er ein Tier oder einen Baum verwunden. Doch darüber hatten sich die Bohrinsel-Betreiber offenbar keine Gedanken gemacht und ihren eigenen Vorteil rücksichtslos über das Wohl des Meeres gestellt. Andere Menschen schädigten die Ozeane sogar ganz bewusst …

Fröstelnd zog sich Alea den Schirm ihrer Mütze tiefer ins Gesicht, als könnte sie sich damit vor den aufkommenden Gedanken schützen. Da sie jedoch eine ausgesprochene Grüblerin war, dachte sie natürlich trotzdem an den Mann, der ein Vermögen damit verdiente, illegal Müll in den Ozeanen abzuladen – Doktor Aquilius Orion. Mit einem ganzen Heer aus Gretzern verpestete er das Wasser völlig skrupellos. Dabei war er zur Hälfte selbst ein Meermensch!

Alea runzelte die Stirn. Vielleicht fühlte man sich gar nicht automatisch dafür verantwortlich, das Meer zu schützen, nur weil man ein Meermensch war? Die Landgänger fühlten sich ja auch nicht zwangsläufig verantwortlich für die Pflanzen, Wälder und Tiere an Land. Aber was machte einen Meermenschen dann aus? Alea wusste es nicht.

Sie wusste so vieles nicht über ihr Volk! Doch es gab jemanden, der ihr alles würde erklären können: Nelani. Ein kleines Lächeln stahl sich in Aleas Gesicht. Sie konnte noch immer kaum fassen, dass ihre leibliche Mutter noch lebte und dass sie sie tatsächlich gefunden hatte.

Schnell schob sie ihre Mütze wieder ein Stück nach oben, sodass sie das Meer besser im Blick behalten konnte. Kleine graue Kräuselwellen ohne Schaumkämme bestimmten heute das Bild. Alea hoffte, dass sie eine Wanderernachricht von Nelani in dieser fahlen Wasserlandschaft sofort entdecken würde. Seit gestern hielt sie konzentriert danach Ausschau, denn die Crucis war getarnt und allein Finde-Finjas konnten sie aufspüren. Für andere Magische und für magische Botschaften war das Schiff ebenso unsichtbar wie für Landgänger. Der Gedanke, dass eine Nachricht ihrer Mutter verloren gehen könnte, war für Alea kaum zu ertragen.

Erst am vorherigen Tag war sie Nelani in Brügge zum ersten Mal begegnet und hatte sie auf der Flucht vor Orion und seinen Männern gleich wieder verloren. Allerdings hatten sie einen Treffpunkt ausmachen können: das nordfranzösische Oye-Plage, das bei gutem Wind kaum mehr als einen Segeltag von Brügge entfernt lag. Das Problem war nur, dass der Wind sich gelegt und offenbar beschlossen hatte, eine Ruhepause einzulegen. Die Crucis kam kaum vom Fleck.

Abermals seufzte Alea und grübelte weiter. Am liebsten wollte sie auch ihren Vater, Keblarr, wissen lassen, dass Nelani noch lebte. Doch sie hatte keine Ahnung, wo er nach ihrer Flucht aus der Villa Konungur untergetaucht war. Vielleicht in dieser isländischen Stadt mit dem schwierigen Namen? Könnten Nelani und sie ihn womöglich gemeinsam finden?

Alea senkte den Blick. Vielleicht war es keine gute Idee, davon zu träumen, dass sie eines Tages alle wieder vereint sein würden – Nelani, Keblarr, sie selbst … und Anthea. Alea kribbelte es augenblicklich am ganzen Körper, wie so oft, wenn sie an ihre Zwillingsschwester dachte. Rasch zog sie den magischen Fotostein aus ihrer Hosentasche, auf dem Anthea und sie als schwimmende Babys zu sehen waren. Es war unmöglich, die beiden abgebildeten Kinder auseinanderzuhalten. Sie waren so gut wie identisch. Eineiig. Vorsichtig strich Alea um die Gesichter auf dem Stein herum. Ob Anthea ähnlich dachte und fühlte wie sie selbst? Bei eineiigen Zwillingen kam das oft vor, oder nicht? Wenn sie ihre Schwester nur ebenfalls finden könnte!

Versunken schaute Alea wieder aufs Meer und hing ihren Gedanken nach. Wusste Nelani vielleicht, wo Anthea war?

Als Alea erneut auf den Fotostein blicken wollte, war er plötzlich nicht mehr da. Verdutzt starrte sie auf ihre Hand. Wo war der Stein hin? War er ihr heruntergefallen? Sie sah sich um und entdeckte ihn auf einer Kiste ein paar Meter entfernt. Verwundert zog sie die Brauen zusammen. Wie war er denn dorthin gekommen?

Alea schnappte nach Luft. Neben dem Stein lag ihre meerblaue Lieblingsmütze! Die, die sie soeben noch getragen hatte! Ihre Hand fuhr in die Höhe. Tatsächlich. Auf ihrem Kopf war keine Mütze mehr. Alea hatte gar nicht gemerkt, dass sie fortgeflogen war! Aber nein, das war ja auch nicht möglich. Es herrschte absolute Windstille. Außerdem hätte die Mütze niemals so akkurat neben dem Fotostein auf der Kiste landen können. Was ging hier vor sich?

Mit höchster Aufmerksamkeit ging Alea zu den Sachen hinüber. Dabei merkte sie, dass direkt neben der Kiste ein großer Haufen Sand lag. Und aus diesem kam ein eigenartiges Geräusch. Sie legte den Kopf schief und lauschte. Es klang wie das Heulen eines Gespensts, das sich sehr viel Mühe gab, besonders unheimlich zu klingen. Gleich darauf begann der Haufen sich zu bewegen! Sandwellen bäumten sich aus seinem Inneren auf und formten sich nach und nach zu einer grauenerregenden Fratze.

Bei Alea regte sich allerdings kein Grauen. Stattdessen verschränkte sie die Arme und rief: »Ahoi!«

Der Sandhaufen erstarrte.

Alea schmunzelte. »Gar nicht schlecht, Kobold!«, sagte sie. »Aber ich falle trotzdem nicht darauf rein.«

Der Sandhaufen bewegte sich nicht. Die schauerliche Fratze sah aus, als überlegte sie, wie sie reagieren sollte.

»Komm einfach raus«, schlug Alea vor. »Den Rest deiner Gruselshow kannst du dir sparen.«

Die Fratze rieselte in sich zusammen. Alea hörte, wie es im Inneren des Haufens scharrte und schrappte, und dann lugte ein Kopf aus dem Sand hervor. Er war klein, knollennasig, knautschgesichtig und knallgelb.

»Du bist ein Meermädchen?«, wunderte der Kobold sich. »Aber es gibt doch gar keine mehr …« Er zog die dicke Knollennase kraus. »Versandet noch mal!«

Alea lachte, aber dann merkte sie, dass dem Kobold wohl nicht nach Lachen zumute war. Vielmehr wirkte er sauer. »Doppelt versandet noch mal!«, fluchte er und krabbelte aus dem Sand. Dann klopfte er sich großspurig auf den kugelrunden Bauch. »Ich bin McDonnahall. Der beste Klabautermann der Welt!«

»McDonnahall?« Beinahe hätte Alea schon wieder gelacht, aber diesmal verkniff sie es sich. »Schön, dich kennenzulernen«, sagte sie freundlich. »Wie hast du unser getarntes Schiff gefunden?«

Der Kobold stemmte die Hände in die Seiten. »Ihr seid echt laut!«, rief er. »Dieses Singen, Lachen und Rumstreiten hier an Bord hört man bis Suun Amuun! Ich bin den Geräuschen nachgeschwommen, bis ich mit dem Kopf gegen euren Rumpf geknallt bin. Die vielen Skorpionfische am Schiff sind ziemlich ungewöhnlich, aber ich hab gedacht, vielleicht haben die alten Verhüllungs-Heiopeis ja Humor entwickelt und spielen den Landgängern einen Streich. Wär ein Brüller gewesen.« Er verzog das ohnehin knautschige Gesicht. »Ich hatte jedenfalls große Pläne für dieses Schiff – unfassbar ausgeklügelten Schabernack, mit dem ich der Crew an Bord die schlaflosesten Nächte ihres Lebens beschert hätte!« Seine Augen blitzten auf. Aber dann passten sie sich schnell wieder dem Rest seines Motzgesichts an. »Und jetzt kann ich das alles vergessen. Dreifach versandet noch eins!«, wetterte er. Dann schien ihm etwas einzufallen. »Sag mal, was macht ihr Meerkinder überhaupt hier? Wenn ihr das Glück hattet, den Virus zu überleben, seid ihr doch bekloppt, auf ein Schiff zu gehen! Hier ist überall drum herum Wasser!« Weit ausholend, wackelte er mit den Armen, als wollte er Alea verständlich machen, wo überall sich Wasser befand – falls sie das eventuell nicht bemerkt hatte.

Auch dieses Mal lachte Alea nicht. Der Virus war alles andere als zum Lachen. Vor elf Jahren hatte er fast die gesamte Meermenschheit ausgelöscht. Es gab nur wenige Überlebende, und diese mussten kaltes Wasser unbedingt meiden. Denn der Virus befand sich immer noch darin, und er war tödlicher denn je.

Alea wollte McDonnahall gerade erklären, dass sie gegen den Virus immun war und sich im Meer aufhalten konnte, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen. Aber da stapfte der knallgelbe Kobold schon schimpfend an ihr vorbei.

»Jetzt muss ich mit einem anderen Schiff noch mal von vorn anfangen«, meckerte er vor sich hin. »Es hat mich den ganzen Morgen gekostet, mein unglaubliches Mitternachts-Gemüffel vorzubereiten. Ich kann nämlich viel mehr, als nur Bilder in Sandhaufen zu malen! Nu ist alles für die Katz.« Er hüpfte auf die Reling und sprang, ohne sich zu verabschieden, in die Wellen.

Mit schief gelegtem Kopf schaute Alea ihm nach. Sie mochte Wasserkobolde. Leider hielten andere magische Völker oft nicht viel von ihnen und nahmen sie nicht ernst. Doch alle Kobolde, die Alea bisher kennengelernt hatte, waren wahre Helden gewesen.

Als sie sich nun ihre meerblaue Lieblingsmütze wieder aufsetzte und den Fotostein in die Tasche zurücksteckte, kam jemand von unten an Deck. Aleas Herz machte einen Sprung, als sie sah, dass es Lennox war. Lennox Scorpio, der Krieger des Vergessens, persönlicher Bodyguard und Freund. Boyfriend. Alea war über beide Ohren in diesen Krieger verliebt und dem Schicksal unendlich dankbar, dass Lennox und sie sich gefunden hatten. Lächelnd schaute sie ihm nun entgegen. Seine azurblauen Augen lächelten verschmitzt zurück, und sein dunkles Haar hing ihm wild und tief in die Stirn. Aleas Herzschlag beschleunigte sich noch einmal, als Lennox mit einer lässigen Bewegung ein Seil in eine Ecke pfefferte und dabei seine Armmuskeln hervortraten.

Aleas Gesicht begann wehzutun, und sie merkte, wie extrem breit sie Lennox anstrahlte. Nun musste sie lachen.

Schon war Lennox bei ihr und begrüßte sie mit einem kleinen Kuss. Alea entfuhr ein leiser Seufzer. Gleichgültig, wie kurz ein Kuss auch war, Lennox schloss immer die Augen, wenn er sie küsste. Wenn sie nur mehr Möglichkeiten hätten, auf diesem kleinen Schiff auch einmal ungestört zu sein! Vielleicht könnten die Küsse dann öfter mal etwas länger werden.

Trampelnde Schritte erklangen. Gleich darauf stürmte das jüngste Alpha-Cru-Mitglied durch die Bordtür. Samuel Draco. Bestabenteurer, Schatzhüter, Drachenherz, Philosoph. Er war wie so oft barfuß, trug ein altes T-Shirt mit der Aufschrift Aus dem Weg, ich muss tanzen! und seinen großen schwarzen Zylinder. »Hier komm ich!«, verkündete er beim Laufen – oder vielmehr beim Hüpfen, denn das tat er, wann immer es ging. Er stoppte zackig vor Alea und zog mit elegantem Schwung den Hut. »Samuel Draco – ist das Leben auch hart, ist er trotzdem am Start.« Sammy liebte pompöse Auftritte und nahm jede Gelegenheit wahr, aus einem ganz normalen Moment etwas Großes zu machen.

Alea liebte das an ihm. Spontan zog sie ihn in ihre Arme. Sammy war in den vergangenen Wochen eine enorm wichtige Stütze für sie gewesen, obwohl er erst neun Jahre alt war. Doch er brachte es immer wieder fertig, für Hoffnung und Optimismus zu sorgen und in allem das Gute zu sehen. Und falls sich etwas dennoch als schlecht herausstellte, lachte er es fachkundig zur Seite. Alea wusste zwar, dass auch Sammy hin und wieder dunkle Momente hatte, aber er ließ sich nie von ihnen unterkriegen und fand immer zu seinem überbordenden Enthusiasmus für sich selbst und für überhaupt alles zurück.

Aleas Umarmung erwiderte der kleine Kuschelkönig natürlich gern und schnurrte dabei wie eine Katze. Dann war er fertig mit Schnurren und fragte: »Wo ist Scorpio?«

»Ich bin hier«, antwortete Lennox, der gleich neben Alea stand. Sobald er sprach, wurde er für Sammy sichtbar. Landgänger übersahen Oblivionen meist, wenn diese sich nicht bewusst bemerkbar machten oder jemand auf ihre Anwesenheit hinwies. Und Lennox war ein Oblivion. Zumindest ein halber.

»Scorpio, das ist echt dein bester Trick, du Phantom!« Sammy boxte ihm gegen die Schulter. »Beim Versteckspielen warst du früher bestimmt immer der King, oder?«

Lennox hob leicht die Achseln. »Mit mir hat früher nie jemand gespielt …«

Sammy und Alea wussten, wie schwierig Lennox’ Kindheit gewesen war. Aber Sammy sagte nur: »Wenn jemand mit dir Verstecken gespielt hätte, wärest du jedenfalls unschlagbar gewesen, so viel steht fest.« Übergangslos fügte er hinzu: »Wir müssen über etwas reden.«

»Über was?«, fragte Lennox alarmiert.

Alea sagte nichts, denn sie bemerkte den Anflug eines Schlawiner-Lächelns in Sammys Mundwinkeln und ahnte, dass ihnen das kleine Schlitzohr nichts allzu Bedrohliches mitzuteilen hatte.

Sammy setzte ein bestürztes Gesicht auf. »Bens Haare liegen heute schlecht. Sagt nichts, wenn ihr ihn seht, ja?«

Alea und Lennox nickten ernst.

Wie aufs Stichwort trat Ben durch die Bordtür. Benjamin Libra war der Skipper der Alpha Cru, ein verantwortungsbewusster Kapitän mit feinem Gespür für die Belange seiner Crew, mit einem reichen Wissensschatz über Wind, Wetter und die Welt – und mit platten Haaren.

Alea wunderte sich. Ben hatte doch eigentlich die coolste Frisur von ihnen allen!

»Sie sind zu lang!«, rief Sammy, der den Anblick anscheinend kaum ertragen konnte und kurzerhand sein eigenes Schweigegebot brach.

Ben wirkte irritiert. »Wer ist zu lang?«

»Ich muss dir die Haare schneiden, sofort!« Sammy flitzte unter Deck. Gefühlte zehn Sekunden später war er mit einer Schere zurück. »Hinsetzen!«, forderte er seinen großen Bruder auf. Der fügte sich in sein Schicksal und nahm auf einem aufgerollten Tau Platz.

Sammy umrundete Ben dreimal mit kritischem Blick, dann begann er zu schneiden. Die Haarspitzen flogen nur so durch die Luft, und Alea wurde klar, wo Ben seinen lässigen Look herhatte.

Überrascht sagte Lennox: »Wir haben einen Frisör an Bord!«

»Ich bin Künstler«, berichtigte Sammy, während er konzentriert an seinem Meisterwerk arbeitete. Wenige Minuten später war er fertig. Bens Rockstar-Frisur stand in frischem Glanz in die Höhe.

Zufrieden nickte Sammy. »Jetzt kannst du wieder unter die Leute, Bruderherz.«

»Hinreißend!«, hörten sie eine Stimme mit französischem Akzent. Das fünfte Cru-Mitglied kam gerade aus dem Deckshäuschen. Es war Tess Taurus. Phänomenale Rockröhre, verlässlicher Dreh- und Angelpunkt des alltäglichen Lebens auf der Crucis, loyale Freundin und Kratzbürste. Tess hatte die Vormittagsschicht am Steuer gehabt. »Du siehst aus wie ein richtiger Posterboy«, neckte sie Ben. Der stieß sie leicht in die Seite, und Tess tat, als müsste sie sich vor Schmerz krümmen.

»Ich kann nichts dafür, dass ich der Hübscheste an Bord bin«, konterte Ben.

»Quatsch!«, rief Sammy. »Der Hübscheste ist Scorpio!«

»Nein, Alea!«, kam es wie aus der Pistole geschossen von Tess. Sie erstarrte. Dann griff sie hastig nach einem Besen und fing an, die abgeschnittenen hellbraunen Haarspitzen wegzufegen.

Lennox verzog keine Miene. Alea vermutete jedoch, dass ihm Tess’ Bemerkung ganz und gar nicht gefiel. Denn Tess hatte Alea vor einiger Zeit geküsst. Zwar hatte sie später gesagt, es sei ein »Versehen« gewesen und die Gefühle, die sie anfangs für Alea gehabt hätte, seien nicht mehr da. Aber Alea war sich nicht sicher, ob das stimmte. Und Lennox auch nicht. Er war zwischenzeitlich sogar ziemlich eifersüchtig und verunsichert gewesen. Alea war die Freundschaft mit Tess aber sehr wichtig, und deswegen bemühten sich alle, so vernünftig wie möglich mit der Situation umzugehen. Lennox und Tess verband ihrerseits zwar keine tiefe Freundschaft, aber sie behandelten einander inzwischen wieder ganz normal. Wenigstens versuchten sie es. Wenn Tess so etwas wie gerade herausrutschte, war das bestimmt nicht leicht für Lennox, aber er ließ sich nichts anmerken.

Tess wechselte das Thema. »Hab ich da eben richtig gesehen?«, fragte sie. »Ein Kobold war an Bord?« Offenbar hatte sie McDonnahall durch das große Fenster des Deckshäuschens bemerkt.

»Ja!« Alea erzählte von dem missglückten Gruselüberfall des Klabauterkobolds und redete allen ins Gewissen: Sie mussten leiser sein, sonst konnten sie trotz Tarnung gehört und womöglich gefunden werden!

Während sie sprach, kam auf einmal ein leichter Wind auf. Leise klopfte er an und fuhr ihnen wispernd durchs Haar. Wie elektrisiert sahen die Mitglieder der Alpha Cru einander an.

»Eine Brise aus Nordwest!«, japste Tess.

»Segel setzen!«, donnerte Ben mit Kapitänsstimme und gab das entsprechende Handzeichen. »Taurus, Draco – Vorsegel. Scorpio, Aquarius – Hauptsegel.«

»Aye, aye, Käpten!«, riefen sie im Chor und rannten los. Alea und Lennox zogen gemeinsam am Fall das Segel hoch, wenig später folgte die Fock. Ben kümmerte sich indessen darum, dass das Schiff gut im Wind lag. Jeder wusste genau, was zu tun war, und gemeinsam arbeiteten sie präzise wie ein Uhrwerk.

Sobald die Segel gehisst waren, reckte Alea sich dem Wind entgegen. Wenn die Brise stark genug war, würde sie ihr Schiff innerhalb kürzester Zeit bis nach Oye-Plage bringen.

Ben, Tess und Sammy traten zu Alea und Lennox an den Mast, und gemeinsam blickten sie zu den gewölbten Segeln der Crucis hinauf. Vom frischen Wind getrieben, rauschte ihr alter, sturmerprobter Kahn mit stolz geschwellter Brust gen Süden. Die Alpha Cru segelte wieder. Sie war noch immer wild entschlossen. Sie war noch immer nicht besiegt.

Alea streckte die Hand in die Mitte. Einer nach dem anderen legte seine darüber, und mit ungehemmter Kraft erscholl ihr Bandenruf über die Kräuselwellen und Windwogen des Ärmelkanals: »Alpha Cru!«

Der Wind verschwand so schnell, wie er aufgekommen war. Schon nach zehn Minuten legte er sich wieder, und die stolzen Segel der Crucis hingen herab wie schlaffe Hemden an einer Wäscheleine.

»Merde«, fluchte Tess auf Französisch, und Alea ächzte: »Das darf doch nicht wahr sein …«

»Jetzt nur nicht schwarzsehen, ihr beiden Miesepetras!«, rief Sammy. »Der Wind wird schon wiederkommen. Immerhin ist ja für heute Nachmittag Windstärke fünf vorhergesagt!« Er strahlte sie mit seiner prächtigen Zahnlücke an. »Ich würde sagen: abwarten und Abenteuertagebuch aufsprechen!«

Mit einem schnellen Griff stibitzte Sammy Bens Handy aus dessen Hemdtasche. Tess verdrehte die Augen. Sammy liebte es, ihre Erlebnisse in Form von Sprachmemos festzuhalten – für eine unbekannte Nachwelt, die sich vielleicht oder vielleicht auch nicht für fünf Kids interessieren würde, die nicht weniger wollten, als die Ozeane zu retten.

Als Sammy nun eine neue Aufnahme startete, stöhnte Tess nachdrücklich, aber das hielt den rasenden Reporter nicht ab. »Sammys Abenteuertagebuch, elfter August, Eintrag vierundfünfzig. Erst gestern ist die Alpha Cru Doktor Orion abermals entkommen. Der teuflische Doktor platzte mitten in die erste Begegnung der Alpha Cru mit überlebenden Meerkindern hinein. Lange hatten Alea Aquarius und ihre Freunde diesem Treffen entgegengefiebert. Aber kaum dass Aleas Träume wahr wurden und sie zehn anderen Kindern aus dem Meer gegenüberstand und diese darüber aufklärte, wer sie wirklich sind, tauchten Orions Leute auf. Nach einer dramatisch-legendären Flucht durch Brügge schaffte die heldenhafte Alpha Cru es gerade so, auf die Crucis zu entkommen. Doch ohne die Hilfe eines düsteren, geheimnisumwobenen Mannes hätten sie es wohl nie geschafft …«

»Es war nicht nur er, der uns geholfen hat!«, unterbrach Ben ihn. »Ohne Aleas Mutter und Isla hätten wir es gar nicht erst hinterm Wasserfall hervorgeschafft.«

Alea nickte. Ihre Mutter hatte mit ihren Kampfkünsten dafür gesorgt, dass sie überhaupt fliehen konnten. Und Isla, das starke Meermädchen aus dem Bauernstamm der Zalti, hatte Nelani dabei tatkräftig unterstützt.

Sammy stoppte die Aufnahme. »Wenn ihr ständig dazwischenfaselt, krieg ich den Eintrag nie hin! Letztes Mal habt ihr ihn schon mit euren Einwürfen versaut.« Brummend löschte er die Aufnahme und begann gerade neu, als Tess ihm das Wort abschnitt.

»Hör jetzt mit dem Heldenblödsinn auf!«, fuhr sie Sammy an, nahm ihm das Handy ab und steckte es wieder in Bens Hemdtasche. »Wir sind keine Helden, sondern Glückspilze – riesige Glückspilze. Mehr nicht!«

»Dass wir immer so viel Glück haben, ist Schicksal!«, erklärte Sammy ungerührt und nickte, als wollte er sich selbst beipflichten.

»Wenn wir wirklich Glückspilze wären, hätte Orion uns gestern gar nicht erst aufgespürt …«, sagte Alea und sah zu Ben, von dem sie sich Zustimmung erhoffte.

Ben hörte ihnen jedoch gar nicht mehr zu, sondern starrte mit kritischem Blick in den Himmel, wo sich ein paar fluffige Wölkchen im strahlenden Blau tummelten. »Sieht nicht aus, als käme die Brise so bald zurück«, murmelte er. »Wir sitzen fest.«

Alea stöhnte. »Könnten wir nicht mit Motor fahren?«, fragte sie, obwohl sie wusste, wie teuer Treibstoff war. Aber sie wollte unbedingt so schnell wie möglich zu Nelani, und der Wind schien sich nicht recht entscheiden zu können, ob er ihr dabei helfen wollte.

Ben schüttelte den Kopf. »Der Tank ist so gut wie leer, und wir haben kaum noch Geld. Davon abgesehen, ist Tanken gefährlich.« Er musste es gar nicht aussprechen, denn es war klar, was er meinte. Doktor Orions Männer konnten überall sein.

Enttäuscht ließ Alea die Schultern sinken. »Aber meine Mutter ist bestimmt schon in Oye-Plage!«

»Es tut mir leid«, antwortete Ben, »wir müssen auf Wind warten, und ob der heute Nachmittag tatsächlich kommt, ist schwer zu sagen.« Bedauernd schaute er Alea an. »Ich kann mir ja vorstellen, wie sehr du dich darauf freust, deine Mutter wiederzubekommen und sie endlich richtig kennenzulernen, aber …«

Er redete weiter, doch Aleas Gedanken schweiften ab. Denn es stimmte. Seit sie wusste, dass Nelani überlebt hatte, war alles in ihr wie glücksaufgeschäumt, und sie fieberte dem Treffen ungeduldig entgegen. Seltsamerweise vermisste sie allerdings ihre Pflegemutter Marianne mehr denn je. Denn gleichgültig, wie gut Alea sich auch mit Nelani verstehen würde – Marianne war diejenige, die sie großgezogen und ihre gesamte Kindheit hindurch mit Liebe umsorgt hatte.

Alea bekam einen dicken Kloß im Hals. Seit Tagen hatte sie Marianne nicht mehr auf dem Handy erreichen können, und das war wirklich besorgniserregend. Denn vor ein paar Wochen hatte ihre Pflegemutter einen Herzinfarkt gehabt und lag noch immer im Krankenhaus. Hatte sich ihr Zustand verschlechtert? Warum ging sie nicht ans Telefon? Alea wollte ihr so gern erzählen, dass sie Nelani gefunden hatte! Marianne würde sich bestimmt sehr für sie freuen.

»… und so unglaublich und schön das auch ist, sollten wir trotzdem kein unnötiges Risiko eingehen«, beendete Ben seine Vernunftpredigt, von der Alea nur einen Bruchteil gehört hatte.

Lennox, der die ganze Zeit über ebenfalls in Gedanken gewesen zu sein schien, sagte nun: »Steigere dich am besten nicht in Familienphantasien hinein, Alea. Keblarr war auch eine Enttäuschung … jedenfalls am Anfang.«

Alea nickte. Lennox hatte recht.

»So ein Blödsinn!«, protestierte Sammy. »Vorfreude ist Bestfreude! Immer. Ganz besonders dann, wenn man später enttäuscht wird!«

»Hä?«, fragte Tess.

Sammy erklärte: »Wenn man sich auf etwas freut, aber es später doch doof läuft, dann hat man wenigstens die Vorfreude gehabt. Ist doch besser als nix!«

Alea nickte abermals. Damit hatte Sammy wiederum recht.

Ben wischte die ganze Diskussion mit einer Handbewegung zur Seite. »Jedenfalls bist du nicht die Einzige, Alea, die Nelani so schnell wie möglich finden will. Deine Mutter weiß bestimmt Dinge, die uns allen helfen können.«

Alea gab ein zustimmendes Geräusch von sich. »Ja, es wäre echt eine Erleichterung, sich nicht immer alle Infos über die Meerwelt mühsam zusammensuchen zu müssen.«

»Vielleicht hat Nelani ja sogar eine Idee, wie man Orion das Handwerk legen könnte«, sagte Tess. »Das ist doch immer noch unser Plan, richtig? Doktor Orion zu besiegen und seinen Ring aus Gretzern zu zerschlagen, oder nicht?« In ihrem Gesicht spiegelte sich auf einmal Furcht. »Weil wir uns sonst unser ganzes Leben lang vor ihm verstecken müssten.«

»Ja, aber nicht nur deshalb«, entgegnete Alea. »Sondern auch, weil es den Ozeanen viel schlechter geht, als die meisten Landgänger glauben.«

»Dass es ihnen so schlecht geht, liegt allerdings auch an den Landgängern selbst«, wandte Lennox ein.

Diese Bemerkung überraschte Alea nicht. Sie kannte Lennox’ Haltung gut. Er glaubte nicht, dass es die Unwissenheit der Landgänger war, die sie immer mehr Müll produzieren ließ, sondern ihr Desinteresse für die Folgen.

»Vielleicht können wir zusammen mit meiner Mutter endlich einen konkreten Plan entwickeln«, sagte Alea. »Manchmal denke ich, wir haben uns bisher zu sehr treiben lassen.«

»Wie meinst du das?«, hakte Sammy nach.

»Wir haben meistens nur improvisiert«, versuchte Alea ihr Gefühl zu erklären, dass es Zeit war, mehr zu tun, als nur zufällig von einer Situation in die nächste zu geraten. »Wir müssen agieren – handeln! –, statt nur zu reagieren.«

»Große Worte, Schneewittchen!«, rief Sammy. »Kannst du das noch mal sagen, dann nehm ich das auf?«

Alea machte eine abwehrende Handbewegung, denn ihr Geist klärte sich gerade urplötzlich und sortierte die losen Enden in ihrem Kopf zu einer Art Vorhabenliste. »Erstens …«, sagte sie mit fester Stimme, während Sammy ihr Bens Handy vor die Nase hielt. »Was können wir gegen Orion unternehmen?«, begann sie konzentriert. »Zweitens: Wie können wir die Landgänger dazu bringen, weniger Abfall zu produzieren und sich mehr um die Meere zu kümmern?« Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf – ein verletztes funkelblaues magisches Wesen mit riesengroßen Bernsteinaugen, dem sie ein Versprechen gegeben hatte. »Wir haben dem Seh-Saffier, der von der alten Weltkriegsbombe verletzt wurde, versprochen, dass wir den Landgängern klarmachen, was sie da eigentlich tun.«

»Und hast du für erstens und zweitens irgendwelche konkreten Vorschläge?«, fragte Tess, und ihr Ton schwankte zwischen Tatkraft und Überforderung. »Was können wir fünf denn gegen Orion und seine Leute unternehmen? Und wie können wir Milliarden von Landgängern zum Umdenken bringen? Die Ocean Knights versuchen das doch schon seit Jahren!«

Alea wiegte den Kopf hin und her. Die Ocean Knights waren tatsächlich ein sehr großes, gut organisiertes Meeresschutz-Bündnis mit Millionen von Mitgliedern auf der ganzen Welt. Und sie waren längst nicht das einzige! Es gab unzählige Aktivisten und Organisationen, die seit Jahrzehnten versuchten, die Menschen aufzuwecken und etwas zu verändern. Wenn sie es nicht hingekriegt hatten, wie konnte die Alpha Cru es dann schaffen? Alea erkannte, dass dieser Gedanke nicht hilfreich war, und schob ihn kurzerhand zur Seite. »Es gibt einen Weg. Wir müssen ihn nur finden.«

»Ja, es muss einen geben«, pflichtete Sammy ihr bei. »Immerhin bist du die Elvarion der letzten Generation!« Seine braunen Augen leuchteten auf. »Legenden und Prophezeiungen sprechen davon, dass du es schaffen kannst, den Lauf der Dinge umzukehren und die Ozeane vor dem Untergang zu bewahren. Also gibt es auch einen Weg. Alles andere wäre ja Quatsch.«

Lennox starrte nachdenklich auf die Wellen. »Wenn das Meer nicht wieder zu einem lebenswerten Ort wird, können wir es vergessen, irgendwann die Unterwasserwelt neu entstehen zu lassen.«

»Und damit kommen wir zu Punkt drei«, nahm Alea diesen Faden sofort auf. »Wie kommen wir an das Gegenmittel heran?« Doktor Orion hatte mithilfe ihres Blutes ein Mittel gegen den Virus herstellen können. Natürlich hatte er aber nicht vor, es anzuwenden. Schließlich war er es ja selbst gewesen, der den tödlichen Virus vor elf Jahren entwickelt und im Meer ausgesetzt hatte. »Wenn wir das Gegenmittel hätten, könnten wir es den überlebenden Meerkindern geben«, überlegte Alea laut. »Dann könnten sie sich uns richtig im Kampf gegen Orion anschließen. Das Meer wäre keine Gefahr mehr für sie.«

»Und später, wenn wir gegen Orion gewonnen haben, kannst du mit ihnen eine coole, neue Stadt am Meeresgrund bauen, Schneewittchen!«, phantasierte Sammy. »Aber … Moment! Tess, Ben und ich können dann ja gar nicht dabei sein!« Ihm schien gerade erst aufzufallen, dass er in solch einem Szenario keinen Platz hatte, da er unter Wasser nicht atmen konnte.

»Ich auch nicht«, sagte Lennox, und seine Frustration darüber, dass er nur ein halber Meerjunge war und keine Kiemen und Schwimmhäute besaß, war deutlich herauszuhören.

Sammy hob den Zeigefinger. »Jetzt nicht gleich trübsinnig werden, Kriegerrübe!« Grübelnd kratzte er sich am Kopf. »Hmm … wir werden uns etwas einfallen lassen. Ganz bestimmt. Wir werden eines Tages alle fünf am Meeresgrund leben. Diese Geschichte bekommt ein furioses Happy End, das spüre ich genau!«

Tess verdrehte erneut die Augen.

»Eins nach dem anderen!«, ging Ben dazwischen. »Erst einmal müssen wir die Meerkinder auf unsere Seite bekommen. Nein, erst einmal müssen wir überhaupt richtig mit ihnen sprechen! Das Treffen gestern war ja sehr kurz, und du hast ihnen eigentlich nicht mehr sagen können, als dass sie Meerkinder sind, Alea. Wir sollten die Videokonferenz mit allen machen.«

Die Videokonferenz war Lennox’ Idee gewesen. Alle hundertdrei Meerkinder, die sich dank ihres Internetsongs Hinterm Wasserfall bei der Cru gemeldet hatten, konnten über solch eine Konferenz miteinander in Kontakt treten – nicht nur die zehn, die es nach Brügge geschafft hatten.

Ben blickte Lennox an. »Ist dafür alles vorbereitet?«

Lennox bejahte. Er hatte bereits am Abend zuvor alle technischen Hürden aus dem Weg geräumt, und es kam der Alpha Cru einmal mehr zugute, dass Lennox sich mit Computern auskannte. Zwar hatte er, bevor er auf die Crucis gekommen war, einige Monate als Straßenjunge in Amsterdam gelebt und dort weder Handy noch Rechner gehabt. Doch als Lennox noch zu Hause gelebt hatte, bei seinem alkoholkranken Vater, hatte er sich oft in seine Computerwelt zurückgezogen und dort viel gelernt, was heute hilfreich für sie war. »Alle Meerkinder sind informiert«, sagte Lennox. »Ich muss nur eine Mail an sie schreiben und ihnen sagen, wann die Konferenz genau stattfindet.«

»Wir sollten das so schnell wie möglich machen«, fand Ben. »Bevor wieder was dazwischenkommt.«

»Mhm«, grummelte Alea mit nicht mehr ganz so fester Stimme. Der Gedanke an die Videokonferenz machte sie nervös, denn sie war diejenige, die mit den Meerkindern reden würde. Zwar war sie die Elvarion und damit zum Anführen geboren. Aber trotzdem bekam sie allein beim Gedanken daran, vor mehr als hundert Menschen zu sprechen, ganz wackelige Knie – zumindest, wenn sie gerade nicht im Elvarion-Modus war, so wie jetzt. »Gut. Heute Abend um sechs Uhr«, erwiderte sie dennoch und versuchte sich mit der Vorstellung aufzuheitern, dass eines der Meerkinder, die heute dabei sein würden, vielleicht Anthea war.

»Alles klar«, erwiderte Lennox. »Ich schreibe den Meerkindern. Es sind inzwischen übrigens noch vierzehn dazugekommen.«

»Also hundertsiebzehn Meerkinder?« Tess pfiff leise durch die Zähne.

»Wunderbärchen!«, freute sich Sammy. »Das sollten wir mit Keksen feiern. Mit einem ganzen Haufen Bestkeksen von der weltbesten Bestkeksbäckerin!« Er setzte sein charmantestes Lausbubenlächeln auf. »Ich brauche ganz unbedingt dringend welche. Sonst …«

»… stirbst du, bis du tot bist«, vollendete Alea den Satz lachend. »In Ordnung. Ich –«

Bevor sie weitersprechen konnte, erklang eine hohe, schimpfende Stimme. »Das gibt’s ja wohl nicht! Hier sind ja doch Landgänger an Bord!« Der Klabautermann McDonnahall stand faustschwingend auf der Reling. »Meerkinder freunden sich nicht mit Landgängern an!« Aufgebracht zeigte er mit dem Finger auf Alea und dann auf Lennox. »Richtige Meerkinder gehen weder auf ein Landgängerschiff noch zeigen sie sich der Landwelt freiwillig!«, blaffte er. »Du machst wirklich alles falsch, was man falsch machen kann. Böses Meermädchen!« Tadelnd schüttelte er den Kopf. »Ganz schlimm böses Meermädchen!«

Alea zog eine Augenbraue in die Höhe.

Der Finger des Kobolds zielte wieder auf Lennox. »Du bist auch nicht besser. Böser Oblivion! Schlimm böser Oblivion!«

Lennox schien etwas sagen zu wollen, aber der Kobold ließ ihn nicht. »Mach jetzt mal eine Sache richtig, Junge!«, verlangte er. »Tu deinen Job, und lass die drei Landgänger-Heiopeis vergessen, dass ich da war.« Mit diesen Worten sprang McDonnahall zurück ins Wasser, und Alea wunderte sich, dass keine rauchende Wutwolke zurückblieb.

Lennox stand mit verschränkten Armen an der Reling.

Während Ben ins Deckshäuschen ging und Tess versuchte, Sammy zum Geschirrspülen zu bewegen, trat Alea zu ihm. »McDonnahall scheint sich ziemlich schnell aufzuregen …«

Lennox hatte eine steile Falte zwischen den Augenbrauen. »Der Kobold geht fest davon aus, dass ich Ben, Sammy und Tess alles vergessen lasse, oder?« Als Oblivion hatte Lennox die Fähigkeit, Landgängern ihre Erinnerungen zu rauben.

»Das bei den dreien zu machen, kommt natürlich nicht infrage«, antwortete Alea. Sammy, Tess und Ben wussten genauso viel oder wenig über die Meerwelt wie Lennox und sie, und daran würde sich auch nichts ändern. Sie waren eine eingeschworene Bande, in der jeder jedem vertraute.

Lennox schien das genauso zu sehen. »Natürlich nicht«, sagte er und schob dann nach: »McDonnahall war ganz schön sauer.«

»Er ist eben ein normaler Magischer. Die Magischen haben riesige Vorurteile gegenüber Landgängern, und der Kobold will halt nicht, dass sie sich an ihn –«

Lennox unterbrach sie. »Ist an diesen Vorurteilen nicht vielleicht auch was dran? Ich mein, nicht in Bezug auf Ben, Sammy und … Tess. Aber sind die anderen Landgänger nicht irgendwie auch wirklich so schlecht wie ihr Ruf?«

Bevor sie etwas erwiderte, dachte Alea gut über ihre Antwort nach. Sie wusste, wie verbittert Lennox war. Nicht nur sein gewalttätiger Landgängervater hatte ihn hart werden lassen. Auch in der Schule hatte Lennox seine besonderen Oblivion-Fähigkeiten immer geheim halten müssen und war dadurch zum Außenseiter geworden. Die Mitglieder der Alpha Cru waren die ersten richtigen Freunde, die er je gehabt hatte. »Du hast schon viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht …«

»Mit Landgängern«, verbesserte er.

»Ja. Und trotzdem bist du zur Hälfte einer von ihnen«, sagte Alea sanft.

Lennox schnaubte, als verabscheute er den Teil in sich, der nicht Meermensch war.

»Aber das ist etwas Gutes!«, fügte sie schnell hinzu. »Weißt du nicht mehr, was der Tasfar gesagt hat? Es wird einen Einschnitt im Zeitgeschehen geben, und dann kommen das Land und das Meer wieder zusammen. Landgänger und Meermenschen werden sich die Hände reichen!« Eindringlich sah sie Lennox an. »Das ist das Ziel. Darauf arbeiten wir hin!« In Gedanken hielt sie das als Viertens für ihre Vorhabenliste fest.

»Ich weiß«, wehrte Lennox ab. »Aber seit der Ölpest fällt es mir immer schwerer, daran zu glauben, dass die Landgänger auch mal an was anderes als an sich selbst und ihren Profit denken können.«

Alea wusste nur zu gut, was er meinte. Dennoch schüttelte sie den Kopf. »In Refviksanden waren Hunderte von Leuten, die nach der Katastrophe den Strand gesäubert haben! Tag und Nacht haben sie mit uns geschuftet, Öl weggeschippt und Sandsäcke gestapelt! Alle wollten der Natur helfen. Ohne jeden Profit.«

Lennox fuhr sich durch das dunkle Haar. »Ja, schon …«

»Es gibt verschiedene Arten von Leuten. Gute und schlechte und irgendwas dazwischen. Sowohl bei den Landgängern als auch bei den Meermenschen.«

Lennox erwiderte nichts darauf, sondern sah mit starrem Blick aufs Meer. Alea hing nun ebenfalls ihren Gedanken nach.

Nach einer Weile unterbrach eine entfernte Stimme die Stille. Die Stimme gehörte Fussel Fuhrmann. Diese war seit Kurzem offizielles Bandenmitglied der Alpha Cru und eine Robbe. Genauer gesagt, war sie eine sehr junge Ringelrobbe, fast noch ein Baby, und sie konnte meckern wie eine Ziege. Genau das tat sie jetzt, und das eigenartige, vertraute Geräusch drang über die Wellen zu ihnen. Fussel suchte nach der getarnten Crucis. Nach Sammy.

»Wir sind hier!« Sammy stand an der Reling am Heck und zückte seine Trillerpfeife. Die Pfeife war ein magischer Gegenstand, der bei den Meermenschen dazu benutzt worden war, die eigene Robbe zu rufen. Die Tiere hatten früher oft mit zur Familie gehört – wie Hunde bei den Landgängern – und waren ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens gewesen.

Sammy blies nun kräftig in die Trillerpfeife, und es erklang ein hoher Pfeifton. »Ich bin so froh, dass ich das Ding habe!« Strahlend schaute er Alea an. Sie hatte ihm die Pfeife geschenkt, und zum Glück funktionierte sie auch bei ihm. Wie oft hatte Sammy schon »Diskrimisophierung!« geschrien, wenn die Meeresmagie ihn wieder einmal ausschloss, weil er ein Landgänger war. Anders bei der Trillerpfeife. Wenn er hineinblies, führte sie die Robbe geradewegs zu ihm.

Kaum eine Minute später tauchte Fussels pelziger Kopf mit den schwarzen Knopfaugen im Wasser direkt vor ihnen auf. Sie blökte ein Ziegenhallo in die ungefähre Richtung des Schiffs.

Sammy schrie »Huhu!« und wetzte zum Aufzug, einem alten Fischereikorb an einem Seil, der die Robbe herauf- und hinunterbeförderte. Sammy lotste Fussel mit seiner Stimme zum Korb und hievte sie dann mit kräftigen Zügen herauf.

Sobald die kleine Robbe oben war, zog er sie aus dem Korb in seine Arme und knutschte sie ab. »Oh, mein Fusselchen, mein Bestfussel, weltbeste Bestweltfusseline!« Zwischen den Liebesbekundungen drückte er ihr feuchte Schmatzer aufs Maul. Alea und die anderen hatten sich mittlerweile daran gewöhnt. Sammy war verliebt. »Versteht mich nicht falsch«, rief er da auch schon zu Alea und Lennox herüber. »Ich bin in euch alle verliebt! Aber in Fussel gerade am allermeisten.« Er herzte das pitschnasse Tier, das auf seinem Arm sehr zufrieden aussah.

Auch Alea war zufrieden. Laut der mythologischen Bedeutung des Bandennamens war Fussel der Glücksbringer der Alpha Cru. Alea fand es daher immer schön, wenn die Robbe an Bord kam. Gerade heute konnten sie ein bisschen Extraglück gebrauchen. Kaum hatte sie das gedacht, stieg erneut ein mulmiges Gefühl in ihr auf, und sie strich sich nervös eine Strähne ihres langen Haars hinters Ohr.

Lennox musterte sie. »Du bist wegen der Videokonferenz so hibbelig, oder?«

»Ja, ich … hab Schiss«, gestand sie und knibbelte an den Raffnarben zwischen ihren Fingern herum. »Was genau soll ich den Meerkindern sagen? Es gibt so vieles, was ich selbst nicht weiß …«

»Sag ihnen, was wir bisher herausgefunden haben. Und gib am besten ganz offen zu, dass es da riesige Lücken gibt …« Lennox dachte einen Augenblick lang nach und sah sie dann an, als hätte er eine Idee. »Wie wäre es, wenn wir vor der Konferenz einen Ausflug ins Meer machen? Wir könnten eine Finde-Finja rufen und sie bitten, uns zu jemandem zu führen, der uns Fragen über die Meerwelt beantworten kann.«

»Ja!« Alea war sofort hellauf begeistert. »Das ist eine Spitzenidee!« Ein Ausflug ins Wasser würde sie von ihrer Nervosität ablenken, und womöglich erfuhren sie tatsächlich etwas, was sie schon lange wissen wollten. Außerdem freute Alea sich darauf, beim Tauchen ein wenig mit Lennox allein sein zu können. Sie war gern mit ihm im Wasser, aber darüber hinaus brauchte sie dort auch seinen Schutz. Sie hatte nämlich noch immer nicht richtig gelernt, mit Walen zu wandern. Sobald sie einen Wal rufen hörte, fühlte sie sich magisch angezogen und konnte dem Drang, mit ihm zu schwimmen, nicht widerstehen. Dabei war sie bisher jedes Mal in einen Walrausch gefallen und hatte jede Selbstkontrolle verloren. Wenn sie nicht gerettet worden wäre, hätte sie auch sterben können. Daher konnte sie bis auf Weiteres nicht allein ins Wasser, aber zum Glück liebte Lennox es ebenso wie sie, sie zu begleiten.

»Ihr geht ins Meer?« Sammy kam mit der kleinen Robbe auf dem Arm heran, deren Hinterteil tief hinunterhing, da er sie offenbar kaum noch tragen konnte. »Kein Ausflug ohne mich!«

»Klar doch. Nicht. Klar, nicht ohne dich!« Alea musste lachen. Wie hatte sie auch annehmen können, Sammy ließe sich diese Gelegenheit entgehen?

»Fussel kommt auch mit!«, ergänzte Sammy mit Nachdruck. »Falls sie Sauerstoff braucht, gebe ich ihr welchen aus meiner Tauchflasche.«

Lennox schnalzte mit der Zunge. »Das ist wahre Liebe.«

»Genau. Bestliebe!«, bestätigte Sammy, und Alea glaubte fast, Herzchen in seinen Augen sehen zu können.

»Abgemacht«, sagte Alea. »In zehn Minuten!«

Im Eilschritt stürmte sie unter Deck, an der Küchennische vorbei, durch den gemütlichen Salon und in die Mädchenkajüte, die sie sich mit Tess teilte. Dort zog sie sich schnell die Landgängersachen aus und schlüpfte in ihren türkisfarbenen Flex – einen magischen Badeanzug, der sie bei Kälte wärmte und bei Hitze kühlte.

Tess kam durch die Tür. »Ich … äh, also, ich wäre auch gern bei dem Ausflug dabei«, sagte sie und versuchte offenbar, cool, gleichzeitig aber auch nicht zu forsch zu wirken. »Wenn ihr Draco mitnehmt …«

»… können wir dich natürlich auch gern mitnehmen«, erwiderte Alea und war sofort einverstanden.

Ben würde allerdings an Bord bleiben. Im viel befahrenen Ärmelkanal musste trotz Windstille immer jemand am Steuer stehen, um anderen Schiffen notfalls mit Motorkraft auszuweichen. Außerdem hatten sie nur drei Tauchflaschen, und Lennox brauchte ebenfalls eine. Er konnte zwar viel länger als normale Landgänger die Luft anhalten, aber für einen richtigen Streifzug reichte das nicht.

Kurz darauf war es so weit. Lennox, Tess und Sammy saßen in ihren Tauchmonturen startklar auf der Reling. Alea gab das Signal, und die drei ließen sich rückwärts kopfüber hinunterfallen. Fussel war bereits wieder im Wasser und grölte aufgeregt.

Rasch bat Alea noch Ben, später ihr Beiboot zu Wasser zu lassen. Dieses wurde nämlich trotz der Tarnung der Crucis sichtbar, sobald es nur noch durch ein Seil mit ihr verbunden war, und so würden die vier ihr Schiff wiederfinden können.

Natürlich hatte Ben das sowieso schon vorgehabt. Zwar wirkte er in letzter Zeit aus einem ganz bestimmten Grund oft etwas traurig und abwesend, aber er tat nach wie vor alles, was Skipper eben so taten, und das mit absoluter Verlässlichkeit.

Alea lächelte Ben an, dann sprang sie den anderen hinterher.

Die Verwandlung geschah schnell, viel schneller als bei den ersten Malen. Damals hatte sich zuerst Aleas Hautfarbe ins Grünschimmernde verändert, und ihre Augen waren in den Katzenmodus gewechselt, der es Alea erlaubte, auch am düstersten Meeresgrund sehen zu können, als wäre es taghell. Erst danach hatten sich ihre Ohrknubbel in Kiemen und ihre Finger- und Zehenraffnarben in Schwimmhäute verwandelt. Inzwischen passierte all dies innerhalb eines Wimpernschlags, und der Prozess war keine Herausforderung mehr für ihren Körper. Im Gegenteil, er liebte es, vollkommen von Wasser umgeben und ganz in seinem Element zu sein. Hier unten war es für Alea normalerweise möglich, richtig zu atmen.

Das Wasser war allerdings trüb und fühlte sich in ihren Kiemen alt und verbraucht an. Alea rümpfte die Nase. Der Ärmelkanal war schon vor der Ölpest kein gesundes Gewässer gewesen, aber nun waren die Zustände schlimmer denn je.

Davon wollte Alea sich allerdings nicht abhalten lassen. Es würde schon gehen. Lennox, Tess, Sammy und Fussel hatten sich um sie herum versammelt und blickten sie erwartungsvoll an.

Mit lauter Stimme rief Alea nun auf Hajara in die Weiten des Meeres hinein: »Finde-Finja, komm herbei, hilf uns schnell mit Zauberei!« Diesen Spruch hatten sie in einer Sachbuchmuschel über das Volk der Finde-Finjas gelesen. Darin hatten noch viele andere Dinge gestanden, die sie zuvor falsch gemacht hatte, woraufhin die Finjas oft etwas verstimmt gewesen waren. Heute wollte Alea aber alles richtig machen. Sie wiederholte den Spruch in alle Richtungen.

Schon wenige Augenblicke später entdeckten sie eine Finde-Finja, die zielstrebig auf sie zusteuerte – ein schneeweißes, zartlila gepunktetes Korallenbäumchen mit dünnen Zweigen, die wie die Arme eines Kraken durchs Wasser ruderten und auf denen Hunderte von Augen saßen, denen kein noch so kleines Detail der Wasserwelt entging. »Ich bin gekommen«, säuselte die Finja mit hohem Stimmchen, als sie die Gruppe erreichte. Dann blickte sie Alea abwartend an.

Alea wusste inzwischen, worauf die Finjas an dieser Stelle warteten. »Ich bin Alea Aquarius«, stellte sie sich ordnungsgemäß vor. »Und wie heißt du?«

»Mein Name ist Finni Fonfjonfituti«, erklärte die Magische. »Du kannst mich Finni nennen«, fügte sie glücklicherweise hinzu.

Alea neigte höflich den Kopf. »Dies ist meine Bitte, Finni: Finde für uns etwas oder jemanden, der uns Fragen zur untergegangenen Zivilisation der Meermenschen beantworten kann.«

Ohne Umschweife ging die Finja in ihre Übermittlungsstarre – ihre Ärmchen wedelten langsam und bedächtig vor sich hin, während die Magische sich mit dem aquarischen Netz ihrer Schwestern verband und deren riesigen Informationsschatz abrief.

Alea wusste, dass die Finja in einem Mordstempo loszischen würde, sobald sie einen Findungsplan entwickelt hatte. Also bedeutete sie Tess und Sammy, sich an ihr und Lennox festzuhalten, da sie beide am schnellsten schwimmen konnten.

Wenig später hatte die Finja fertig gebrütet. »Folgt mir!«, piepste sie und zog ihre Zweigärmchen über sich zusammen. Wie Hubschrauber-Rotoren begannen diese sich zu drehen, und gleich darauf düste die Magische los.

Alea und Lennox zogen Tess und Sammy mit, und Fussel schwamm geschwind hinter ihnen her. Die Finde-Finja strebte eilig in die Tiefe, und Alea und die anderen strengten sich an, hinterherzukommen.

Auf ihrem Weg mussten sie immer wieder Abfall ausweichen – Plastikbechern, Tüten und unzähligen anderen Gegenständen der Landgängerwelt, die durch das Wasser trieben und das Vorankommen erschwerten. Doch nach einiger Zeit erreichten sie schließlich den Meeresgrund. Hier glitt die Finja suchend über den Bodensand.

Sammy schien ebenfalls nach etwas zu suchen, buddelte hier und da im Schlick und zog schließlich eine kleine Muschel hervor.

»Gute Idee!«, rief Alea und hielt selbst nach Muscheln Ausschau. Schließlich konnte sich in jeder ein Buch verstecken! Gleich darauf stach ihr eine schöne große ins Auge. Sie griff danach und steckte sie in Lennox’ Hosentasche, denn leider hatte ihr Flex ja keine Taschen.

Sammy nahm gerade einen neonroten Schnürsenkel an sich. Wenig später einen schönen flachen Stein. Sammy war ein leidenschaftlicher Sammler, und für Schnürsenkel und Schönsteine schlug sein Herz ebenso wie für Flusen, Fusseln, Fädchen, Flöckchen und Möppchen.

Die Finja schwamm noch immer geschäftig vor ihnen her. Dann hielt sie abrupt an. Schweigend wedelte sie noch einmal mit den Ärmchen, als wollte sie ihre Informationen überprüfen. Dann flötete sie: »Ich habe gefunden, was ihr gesucht habt.«

»Tatsächlich?« Alea blickte sich um. Außer Sand und Müll gab es nichts zu sehen. War es möglich, dass sich hier etwas Getarntes versteckte?

»Ich bin eine Finde-Finja«, säuselte die Magische. »Ich finde.«

Alea besann sich auf den rituellen Satz, den man zum Abschluss einer Findung sagen sollte. »Ich bin eine Walwanderin. Ich habe gesucht, und du hast gefunden.«

Sichtlich zufrieden verneigte sich die Finja und schoss davon.

»Danke!«, rief Alea ihr nach, aber die Magische war bereits im milchig-farblosen Wasser verschwunden.

Lennox drehte sich suchend um die eigene Achse. Dann zog er sich die Tauchmaske vom Gesicht und rief auf Hajara: »Diese beiden Landgänger sind unsere Freunde. Erhebt euch, ihr Meister der Tarnung!« Lennox hatte erst vor Kurzem herausgefunden, dass er unter Wasser sprechen konnte. Zwar nicht gut und auch nicht viel, da es ihn eine Menge Sauerstoff kostete, aber ein paar Sätze waren möglich. Und diese verfehlten nun ihre Wirkung nicht.

Vor ihren Augen erhoben sich Hunderte von Skorpionfischen. Tausende. Wie ein Vogelschwarm stoben sie auf und enthüllten das, was sie zuvor getarnt hatten.

Aleas Herz begann in ihrer Brust so schnell zu schlagen, dass sie nach Luft schnappen musste.