Summer Roses Forever

Summer Roses Forever

Roses of Louisville - Band 4

Ilka Hauck

OBO e-Books

Inhalt

Summer Roses Forever

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

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Über den Autor

Summer Roses Forever

1

SUMMER

Gähnend rekele ich mich im Bett, bin noch nicht richtig wach. Alles schwebt im leichten Nebel der Müdigkeit. Ich habe etwas wirklich Schönes geträumt. Glaube ich. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, nur dieses wohlige Gefühl von Glück und Sorglosigkeit ist noch da. Merkwürdig, wie schnell man die Bilder eines Traumes vergisst, die Emotionen dagegen bleiben. Ich drehe den Kopf zur Seite, um Danny anzuschauen. Danny. Im trüben Dämmerlicht betrachte ich ihn. Seine dunklen Haare fallen ihm in die Stirn, sein Atem geht gleichmäßig. Er hat einen Arm über meinem Bauch liegen, sieht völlig relaxt aus. Ich schaue ihn an, muss lächeln. Er ist so wunderschön. Seit zwei Jahren sind wir nun zusammen und ich könnte ihn immer noch stundenlang einfach nur ansehen. Ich blinzele – und dann ist sie da … die Erinnerung. Wie aus dem Nichts schießt sie in meine Gedanken. Der Abend nach Saras Geburtstagsessen. Das Feuer. Ich öffne den Mund, merke, wie meine Augenlider zu flattern beginnen. Ich sehe Danny und Jake, die in das brennende Haus laufen. Spüre die Hilflosigkeit und die Todesangst, die ich in diesem Moment empfunden habe. Angst, auch Danny zu verlieren, so wie ich meine Eltern in einem Feuer verloren habe. Übelkeit steigt in meine Kehle. Nein. Oh, bitte, nicht. Panik presst mein Herz zusammen wie eine Eisenfaust. Mein Mund wird staubtrocken und ich spüre einen heftigen Würgereiz. Verdammt, nein! Warum? Ich hatte die Panikattacken so gut im Griff. Habe es endlich hinbekommen, ein normales Leben zu führen. Mit Danny. Dem ich so vertraue wie niemandem auf der Welt. Mein Blick saugt sich an ihm fest. Er tut alles, was er nur kann, um mir zu helfen. Er redet mit mir, wann immer ich darüber sprechen will. Versucht, mir begreiflich zu machen, dass nichts geschehen ist in dieser Nacht, in der er zusammen mit Jake in das brennende Haus gelaufen ist, um zwei Menschen zu retten. Dass wir unser Leben weiterleben können. Ich weiß das alles. Ich weiß es, dennoch gibt es Momente wie diesen, in denen ich meinen inneren Dämonen so hilflos ausgeliefert bin, dass ich es kaum aushalte.

Langsam schiebe ich Dannys Arm von mir, rutsche vorsichtig ein Stück zur Seite. Ich will ihn nicht wecken, ihm nicht schon wieder Grund zur Sorge geben. Er kann nichts daran ändern, dass es mir schlecht geht, und ich weiß, wie sehr ihm das zusetzt. Leise stehe ich auf, gehe die paar Schritte ins Bad, schließe die Tür hinter mir. Mit zitternden Händen drehe ich den Wasserhahn auf, spritze mir die kühle Flüssigkeit ins Gesicht, versuche, ruhig zu atmen. Ich will das nicht. Ich will nicht dieses Mädchen sein, das von seinen Ängsten kontrolliert wird. Will mich nicht ständig wie ein Versager fühlen, weil ich es nicht auf die Reihe bekomme, so zu sein wie die anderen. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, verdammt noch mal, warum nur kriege ich es nicht hin, mich besser im Griff zu halten?

„Reiß dich zusammen. Reiß dich doch endlich zusammen“, flüstere ich meinem blassen Spiegelbild zu.

Lautes Gekreische und Gelächter dringt über den Flur und ich verziehe das Gesicht. Sie werden Danny aufwecken, und dann wird er merken, dass mit mir etwas nicht stimmt. Schon wieder. Diese dünnen Wände in den Wohnheimen sind schrecklich. Der Lärm, der mich früher nicht gestört hat, geht mir mittlerweile auf die Nerven. Irgendwo knallt eine Tür, ein Mädchen kreischt schrill und lacht dabei. Es ist früher Samstagmorgen und die Partygänger kehren allmählich zurück. Es ist immer das gleiche Spiel. Müde streiche ich mir die Haare zurück, betrachte mich im Spiegel. Dunkle Schatten liegen unter meinen Augen, zeugen von vielen schlaflosen Stunden. Ich wende mich ab, betrete leise das Zimmer. Danny schläft noch und ich krabbele zurück ins Bett. Ich rutsche neben ihn, kuschele mich mit dem Rücken gegen seine Brust. Seine Nähe und Wärme sind das Einzige, das mich beruhigen kann, wenn die Panik nach mir greift. Im Halbschlaf zieht er mich an sich, ich spüre seinen Atem an meiner Haut.

„Morgen“, murmelt er und ich muss lächeln.

„Morgen. Schlaf weiter, es ist noch früh.“

Er schiebt eine Hand unter mein Top, streicht mit dem Daumen über meinen Bauchnabel.

„Mhm. Hast du geträumt?“

Er küsst mich auf den Hals und ich seufze lautlos. Er kennt mich zu gut.

„Nein. Es ist alles okay.“

„Gut.“

Er zieht mich näher zu sich, schlingt beide Arme um mich, drückt sein Gesicht in meinen Nacken. Und es ist, wie es immer ist - der Schmerz in mir wird leichter, filigraner, bis er verschwunden ist. Verflüchtigt wie Nebel im Sonnenlicht. Danny ist mein schützender Kokon, der alles Böse von mir fernhält. Wir bleiben noch eine Weile liegen, das Gejohle und Gelächter vom Flur wird manchmal leiser, dann wieder lauter. Ich konzentriere mich auf Danny, auf seine Wärme, seinen Atem an meiner Haut. Seine Hand liegt noch immer auf meinem Bauch, jetzt richtet er sich auf, dreht mich auf den Rücken und kniet gleich darauf über mir. Der Blick seiner dunklen Schokoladenaugen ist forschend und ich blinzele unsicher. Er beugt sich zu mir herunter, küsst mich sanft auf den Mund.

„Alles klar, Röschen? Du siehst echt scheiße aus.“

Ich muss grinsen. So ist mein Süßer eben, charmant wie eh und je.

„Danke“, brumme ich und er nickt.

„Komm schon, was ist los? Hattest du wieder einen schlechten Traum?“

„Nein.“

Ich weiche seinem Blick aus, doch natürlich lässt er das nicht zu. Er umfasst mein Kinn, sodass ich ihn ansehen muss.

„Verarsch mich nicht, okay? Dazu kenne ich dich zu gut.“

Ich verdrehe die Augen und versuche, ihn von mir runterzuschieben. Ja, er kennt mich wie kein anderer. Das ist einerseits wunderbar. Andererseits auch nicht. Jetzt zum Beispiel.

„Danny“, murre ich, doch keine Chance. Er umfasst meine Handgelenke, drückt sie nach oben, sein Gesicht ist nun direkt vor meinem. Ich schaue ihn an, schlucke. Gott, wie kann man nur so verdammt hübsch sein? Noch nach zwei Jahren schlägt mein Herz Trommelwirbel, wenn er mir so nah ist. Sein Blick ist warm und zärtlich und doch auf Danny-Art herausfordernd. Er hat es mir noch nie leicht gemacht und wird es vermutlich nie tun. Durch ihn habe ich Seiten an mir entdeckt, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie habe. Er macht mich stärker und selbstbewusster, als ich je war, und gleichzeitig so unendlich schwach und angreifbar. Weil er alles für mich ist. Weil er mein Leben ist und ich seit dem Abend nach Saras Geburtstagsfeier erneut mit Wucht in meine alten Verlustängste gestürzt bin und die Angst, ihn zu verlieren, mir den Atem raubt.

Danny senkt den Kopf, legt seine Lippen auf meine, einfach nur so, ohne mich zu küssen. Es ist eine sanfte, zärtliche Geste, die mein aufgewühltes Innerstes beruhigt.

„Du weißt, du kannst mir alles sagen, nicht wahr? Ich verkrafte eine ganze Menge. Aber lass mich nicht im Regen stehen, Summer. Nicht dieses Mal.“

Er lässt meine Handgelenke los und ich schlinge meine Arme um seinen Nacken. Wir sehen uns in die Augen und sie ist da – diese ganz besondere Verbindung, die ich von Anfang an zu ihm hatte. Dieses Gefühl von tausendprozentiger Geborgenheit, das nur Danny mir geben kann. Trotz seiner großen Klappe, seiner lässigen Art, mit der er mich oft genug herausfordert, weiß ich, er ist immer für mich da. Danny würde mich nie hängen lassen, mich nie verletzen. Dieses Gefühl endlosen Vertrauens, das ich nur bei ihm so empfinde, flutet mein Herz mit solcher Wucht, dass es schmerzt. Nein, ich will ihn nicht ausschließen. Ihm nicht wehtun. Und doch tue ich es. Weil da etwas in mir ist, das ich nicht kontrollieren kann. Panik. Angst. Die Furcht, ihn zu verlieren. Zu versagen. Er würde mir gehörig den Kopf waschen, würde ich ihm erzählen, wie klein und wertlos ich mich oft fühle.

„Das tu ich nicht. Ehrlich nicht“, flüstere ich, fühle mich elend dabei. Denn es ist nicht wahr. Ich schließe ihn aus und wir wissen es beide. Sein Blick ist jetzt ernst, da ist nichts zu sehen von Belustigung oder dem liebevollen Spott, der sich manchmal in dem tiefen Braun seiner Augen verbirgt. Wenn er mich mal wieder aufzieht und mir auf charmante, jedoch glasklare Weise eine Ansage macht.

„Okay. Ich vertraue dir, das weißt du. Ich hoffe, du mir auch.“

Meine Unterlippe zittert, ich ziehe seinen Kopf zu mir, drücke ihm lauter kleine Küsse auf den Mund.

„Natürlich. Natürlich tu ich das.“

Er mustert mich noch einen Moment, dann hebt sich sein linker Mundwinkel zu seinem sexy Danny-Herzschmelzlächeln und mir wird ganz warm vor lauter Liebe zu ihm.

„Glück gehabt, Röschen. Alles andere würde ich nie akzeptieren.“

Seine Augen funkeln und ich lache leise.

„Weiß ich. Ich kenne dich auch, schon vergessen?“

Er grinst und murmelt: „Lust, mir zu zeigen, wie gut du mich kennst?“

„Mhm, ja, warum nicht? Man kann bei dem Krach ja sowieso nichts Besseres anfangen.“

Danny lacht und gleich darauf sind seine Lippen fordernd und zärtlich auf meinen.

„Ich glaube, ich zeige dir mal, dass du im Leben nichts Besseres als das hier finden wirst.“

Ich kichere, winde mich unter ihm.

„Im Leben nicht? Da musst du dich aber anstrengen, mein Schatz.“

Ich schiebe meine Hände in seine Boxershorts, umfasse seinen heißen Knackarsch und presse mein Becken gegen seines. Dannys Augen werden einen Tick dunkler, er murmelt: „Du willst es wissen, was? Dann pass mal auf.“

Er sieht mich noch einen Moment an, dann küsst er mich wieder und wir lassen los … fallen in das, was uns beiden am wichtigsten auf der Welt ist. Die Liebe, die wir füreinander empfinden. Tiefes Vertrauen. Wir …

2

DANNY

Summer liegt weich und mit verschwitzter Haut in meinem Arm, der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist entspannt und ein bisschen verträumt. Ich betrachte sie, hebe die Hand und streiche ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie lächelt, sieht mich an.

„Das war schön“, flüstert sie und kuschelt sich näher an mich. Ja, das war es. Es war verdammt schön, dass sie ganz bei mir war. Das ist sie nämlich in letzter Zeit nicht immer. Wenn sie glaubt, ich merke das nicht, dann liegt sie falsch. Seit diesem verschissenen Abend, an dem ich mit Jake in dieses brennende Haus gelaufen bin, um einen Vater mit seinem Sohn rauszuholen, läuft das so. Zu Beginn habe ich Summers Albträume und ihre Panikattacken vollkommen verstanden. Jeder Mensch mit ihrer Vergangenheit hätte vermutlich ähnlich reagiert. Sie ist voll in ihre Ängste hineingestürzt, ist fast jede Nacht schreiend erwacht. Ihre Träume vermischten sich, sie sah Jake und mich in dem brennenden Haus. Ihre Eltern. Erinnerungen aus ihrer Kindheit mit einem prügelnden Vater und einer völlig von ihm abhängigen Mutter kamen hinzu. Summers Streit mit ihm, kurz bevor ihre Eltern den Autounfall hatten, bei dem sie ums Leben kamen. Alles kam wieder hoch, und es war furchtbar für mich, zu sehen, wie sie sich quälte. Ich habe versucht, mit ihr zu reden. Immer wieder. Weil es in meinen Augen nicht gut sein kann, niemals über Dinge, die einem den Schlaf rauben, zu sprechen. Meistens wollte sie nicht, und ich habe versucht, das zu akzeptieren. Jeder geht nun mal anders mit Problemen um. Mittlerweile ist Saras Geburtstagsfeier allerdings drei Monate her und es hat sich nichts verändert. Summer redet nur ungern mit mir über ihre Ängste, spielt alles herunter, und ich muss zugeben, es verletzt mich, wenn sie mich anlügt, mir sagt, es sei alles in Ordnung, obwohl es das nicht ist. Ich kenne sie so gut wie vermutlich niemand sonst, und ich weiß genau, wenn sie mich verarschen will. Und das Schlimmste ist, sie weiß es auch. Sie weiß, dass ich ihr nicht glaube, dennoch schafft sie es nicht, mit mir zusammen einen Weg aus ihrem Kummer zu suchen. Und ehrlich, das kotzt mich so dermaßen an, dass ich keine Worte dafür finde. Ich kapiere nicht, warum sie es nach zwei Jahren, in denen wir so eng zusammengewachsen sind, wie zwei Menschen nur zusammen sein können, noch immer nicht verstanden hat, dass ich alles für sie tun würde. Einfach alles. Dass sie alles für mich ist. Und dann frage ich mich, was bin ich für sie? Wenn ich es nicht schaffe, in Zeiten, in denen sie mich braucht, zu ihr durchzudringen. Wenn sie mich immer wieder ausschließt.

Ich betrachte ihr hübsches Gesicht und tief in mir zieht sich etwas schmerzhaft zusammen. Ich liebe Summer. Nie hätte ich geglaubt, zu solch einem tiefen Gefühl fähig zu sein. Aber vielleicht reicht ihr meine Liebe nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich werde immer für sie da sein. Egal, wie schwierig es sein mag. Ich kann gar nicht anders. Sie ist mein Mädchen und wir werden das schaffen. Irgendwie werden wir das.


Von draußen ertönt lautes Gepolter und Gelächter. Zwei Mädchen lachen laut und gleich darauf knallt eine Tür. Summer drückt ihr Gesicht an meine Schulter und seufzt leise.

„Boah, hoffentlich sind bald alle zurück und geben endlich Ruhe. Es nervt, oder?“

Ich küsse ihre Stirn, kitzele sie an der Taille und sie quietscht.

„Weißt du, Röschen, wie das klingt? Als seien wir zwei so richtig alt und langweilig geworden. Während das dynamische Jungvolk von wilden Partynächten zurückkehrt, liegen wir gemütlich im Bett und beschweren uns über den Krach.“

Sie kichert und hebt den Kopf. Ihre langen Haare fallen zerzaust um ihr süßes Gesicht und meine Laune hebt sich sofort. Ich werde nie genug von ihr bekommen, nie aufhören, sie zu wollen, zu lieben und zu begehren. Das wird in hundert Jahren noch so sein.

„Tja, ich war ja schon immer irgendwie langweilig. Du natürlich nicht.“

Sie hebt die Hand und zaust mir durch die Haare.

„Vermisst du es, Danny? Das ewige Partymachen? Die langen Nächte? Das Um-die-Häuser-ziehen-bis-der-Morgen-graut?“

Sie rollt sich auf mich, ich fahre mit beiden Händen in ihre seidige Mähne, tue so, als müsste ich nachdenken.

„Ja, also, wenn du mich so fragst …“

Ihre schönen grünbraunen Augen blitzen und ich muss grinsen. Ich ziehe ihren Kopf zu mir herunter und küsse sie zärtlich auf den Mund.

„Sehe ich so aus, als ob ich was vermissen würde? Denkst du ernsthaft, ich würde unseren fantastischen Morgensex gegen eine verrauchte Kneipe oder einen Club voller Besoffener eintauschen wollen?“

Sie lacht und küsst mich zurück.

„Ach so, es ist wegen dem Sex. Hätte ich mir ja denken können. Du bist eben mein Mr. Unersättlich.“

„Mr. Unersättlich? Nach einem Mal? Ich bitte dich. Da muss aber noch was kommen.“

Sie hebt eine Augenbraue.

„Noch was kommen? Du meinst wohl, du willst noch mal kommen?“

„Oder so.“

Wir müssen beide grinsen, dann küsse ich sie stürmisch auf den Mund, fühle, wie meine Erregung sofort wieder hochfährt und Summer alles ist, was ich will und brauche. So wie es immer sein wird.


Ich stehe in der kleinen Gemeinschaftsküche des Stockwerkes und wühle missmutig im Schrank. Jedes Zimmer hat sein eigenes Fach, in dem man die Dinge aufbewahren kann, die man eben so benötigt, wenn man ab und zu mal was essen will. Eigentlich. Die Wirklichkeit sieht jedoch so aus, dass jeder sich einfach dort bedient, wo es was zu holen gibt. Was dazu führt, dass man fast nie das findet, was man gerade sucht. Ich knalle die Schranktür zu, als zwei Mädchen die Küche betreten. Ich fühle, wie sie mich anstarren, und wende mich zu ihnen um. Es sind Erstsemester und jetzt werden sie knallrot. Irgendwie ist es einerseits beruhigend, dass ich meine Wirkung auf Frauen nicht verloren habe, andererseits geht es mir auf den Sack. Mein früherer Ruf als College-Player ist mir noch ziemlich erhalten geblieben, obwohl ich seit zwei Jahren das treueste männliche Wesen auf diesem Planeten bin. Nicht mal in Gedanken treibe ich mich in fremden Betten herum, ich schwöre es. Ich muss grinsen, als die beiden mich fast ängstlich anstarren und ich doch genau weiß, sie würden sich für ein Date mit mir sofort gegenseitig umbringen. Es ist immer das gleiche Spiel, und ich bin heilfroh, dass ich diese Zeiten hinter mir gelassen habe. Dennoch kann ich es nicht lassen, die beiden ein bisschen aufzuziehen. Alte Player-Gewohnheit.

„Hi, Girls. Na, was geht?“

Ich lehne mich lässig gegen die Spüle und sehe der kleinen Blonden tief in die Augen. Sie blinzelt nervös und fährt sich mit einer Hand durch die Haare.

„Äh, alles gut. Und bei dir?“

„Alles cool. Ich habe euch zwei Hübschen noch nicht oft hier gesehen. Ich bin Danny.“

Ich zwinkere ihnen zu, weiß genau, sie kennen meinen Namen, vermutlich wissen sie mehr über mich als ich selbst.

„Äh, ich bin Kylie. Das ist Mona.“

„Kylie und Mona, nett, euch kennenzulernen.“

Ich setze dieses Lächeln auf, von dem ich weiß, dass es den Mädchen feuchte Träume beschert. Okay, vielleicht ist es ein bisschen gemein, den beiden irgendwelche Hoffnungen zu machen, die sich in tausend Jahren nicht erfüllen werden, aber selbst schuld. Ich kann es kaum noch glauben, dass ich mich früher tatsächlich auf solche Mädchen eingelassen habe, die mich mit nichts herausgefordert haben. Mir einfach alles vor die Füße schmissen. Nie musste ich um eine kämpfen, immer hat es gereicht, wenn ich ihnen ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit geschenkt habe. Nur bei Summer nicht. Scheiße, hat die kleine Sommerrose mich zappeln lassen. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie sich das anfühlt, jemanden mehr zu wollen als alles andere, ihn aber nicht zu bekommen. Es war eine heilsame Lektion. Und eine, die mir das größte Glück meines Lebens gebracht hat. Ich mustere die beiden Mädchen vor mir und seufze leise. Okay, ich kann es nicht. Früher hätte ich sie eiskalt auflaufen lassen, aber das bin nicht mehr ich. Ich war schon ein ziemliches Arschloch, wenn ich so darüber nachdenke. Vermutlich bin ich das bis zu einem gewissen Grad immer noch, das will ich nicht abstreiten. Aber ich möchte nicht mit den Gefühlen anderer Menschen spielen. Diese beiden sind jünger als meine kleine Schwester und träumen sicher genauso wie die meisten Mädchen von dem Prinzen auf dem Schimmel, der sie auf sein Schloss holen und alle ihre Träume erfüllen wird. Tja, das werde zwar nicht ich sein, aber das muss ich ihnen ja nicht so krass unter die Nase reiben. Mein Lächeln wird herzlicher und ich sage: „Okay, ich muss los, man sieht sich.“

Die Mienen der beiden drücken Enttäuschung aus, doch sie lächeln zurück. Ich nicke ihnen zu, in dem Moment taucht Summer auf und in meinem Bauch breitet sich ein warmes Gefühl aus.

„Hey, da bist du ja noch. Hast du die Marmelade nicht gefunden?“

Sie tritt zu mir, legt ihre Arme um meine Taille, was Kylie und Mona sofort registrieren. Wobei ich einen Besen fressen würde, wenn sie nicht sowieso wussten, dass ich eine Freundin habe.

„Hi“, sagt Summer mit einem offenen Lächeln zu den beiden.

„Hi“, kommt es etwas lahm zurück. Komisch, bei mir war die Euphorie größer. Ich grinse in mich hinein und drücke Summer an mich.

„Nein, die hat sich verdünnisiert. Keine Marmelade.“

Summer guckt enttäuscht.

„Na toll, hier kann man echt nichts aufbewahren.“

„Wir haben ein neues Glas im Schrank. Könnt ihr haben“, sagt Kylie mit einem schüchternen Lächeln.

„Echt? Das wäre ja super. Ich würde gerade sterben für ein Marmeladenbrot. Ich kaufe euch gleich nachher ein neues.“

Summer strahlt und Kylie holt ein Glas Himbeermarmelade aus dem Schrank.

„Danke, das ist echt lieb von dir.“

Summer legt ihr die Hand auf den Arm und lächelt glücklich. Und ich bin froh, dass ich nett zu Kylie und Mona war. Manchmal ist es einfach besser, kein Arschloch zu sein.


Für den Rest des Vormittages ist Summer entspannt und locker, was mich freut. Wir frühstücken, gehen einkaufen, vergessen dabei auch die Himbeermarmelade nicht und treffen uns mit Rob und Lucy auf einen Kaffee im „Fantastico“. Rob hat nicht viel Zeit, seine Band hat am Abend einen Auftritt außerhalb der Stadt, weshalb sie früh losfahren müssen.

„Warum kommt ihr nicht hin? Wird eine geile Nummer.“

Er beobachtet Summer und mich aufmerksam und ich zucke mit den Schultern.

„Von mir aus. Was meinst du?“

Ich fasse nach Summers Hand, drücke sie zärtlich. Sie sieht nicht allzu begeistert aus, nickt aber zögernd.

„Klar, warum nicht?“

Seit Saras Geburtstag meidet sie Unternehmungen, die uns weiter vom Campus wegführen. Als hätte sie Angst, es könne unterwegs wieder etwas passieren, was uns - oder besser mich -

in Gefahr bringen könnte. Auch unseren Freunden ist dies natürlich aufgefallen, und ich weiß, sie sorgen sich um Summer. Aber sie lässt auch sie nicht an sich heran. Nicht einmal ihre beste Freundin Jessica oder meine Schwester Sara, zu denen sie ein sehr enges Verhältnis hat.

„Super, die anderen kommen auch alle. Dann sind wir endlich mal wieder komplett.“

Robs Blick ruht forschend auf mir. Ich weiß, er sorgt sich nicht nur um Summer. Er ist seit Jahren mein bester Freund und spürt immer, wenn es mir nicht wirklich gut geht.

„Cool. Wird sicher toll“, murmele ich und betrachte Summer, die nervös in ihrer Tasse rührt. Sie lächelt mir zu, doch ich merke, wie gezwungen es aussieht. Ich beuge mich zu ihr, küsse sie sanft auf die Wange. Vielleicht sollte ich sagen, dass wir nicht gehen müssen, aber ich glaube, es ist nicht der richtige Weg, sie ständig in Watte zu packen. Sie muss sich ihren Ängsten stellen, denn früher oder später werden diese sie ansonsten überrollen, und das möchte ich nicht mit ansehen müssen.


Am Nachmittag verschlechtert sich das Wetter, es wird trüb und windig, und Summer und ich igeln uns auf unserer Bude ein. Wir kuscheln im Bett und lesen ein bisschen.

„Willst du dich nicht fertig machen?“

Es ist Zeit und ich sehe Summer fragend an.

„Klar.“

Sie klingt lustlos und ich atme tief durch.

„Babe, es ist alles okay, das weißt du, nicht wahr? Wir fahren ganz gechillt zu Robs Gig und nichts wird passieren.“

Ich stupse sie leicht mit dem Ellenbogen an und sie grinst schief.

„Weiß ich doch. Ich zieh mich um.“

Zwanzig Minuten später sind wir abmarschbereit und sitzen gleich darauf im Wagen. Summer ist blass, nestelt nervös an ihrer Jacke herum und starrt aus dem Fenster. Ich starte den Motor und wir schweigen fast die gesamte Fahrt über.

Vor dem Club, in dem Blue Rose ihren Gig haben werden, herrscht bereits reger Andrang. Die Leute stehen Schlange vor dem Eingang und der Parkplatz ist voll. Summer und ich schlendern Hand in Hand über den Vorplatz, wo der Rest der Clique auf uns wartet. Wir begrüßen die anderen und Jessica und Sara nehmen Summer direkt in Beschlag. Rob hat uns Karten besorgt und wir können durch einen kleineren Seiteneingang hineingehen. Drinnen herrscht Gedränge und die Leute scheinen gut drauf zu sein. Blue Rose sind hier in der Gegend eine ziemliche Lokalgröße und ihre Gigs immer restlos ausverkauft. Was wohl auch an ihrem sexy Frontmann Rob Heller liegt, der sich mein bester Freund nennt. Robs Bühnenpräsenz ist der Hammer, seine Stimme der Wahnsinn und ich kann all die kreischenden Girls vor der Bühne gut verstehen.

„Was willst du trinken?“

Ich lege meinen Arm um Summers Taille und drücke sie an mich. In Momenten wie diesem habe ich neuerdings verstärkt das Bedürfnis, sie vor allem zu beschützen und abzuschirmen, auch wenn das Blödsinn ist. Aber ich kann mich ihrer Verletzlichkeit nicht entziehen, auch wenn mir klar ist, dass ich ihr ihre Angst nicht abnehmen kann. Ich liebe sie eben, das ist die einzige Entschuldigung, die ich habe.

„Ich weiß nicht. Einen Pfirsicheistee, bitte.“

Sie lehnt ihren Kopf an meine Brust und ich sehe den unterschwelligen Kummer in ihren schönen Bambiaugen. Ich weiß, dass sie unter der Situation leidet und sich schämt, weil sie ihre Ängste nicht im Griff hat. Dabei ist das wirklich das Letzte, was sie muss. Sie muss sich für gar nichts schämen, ich wünsche mir nur, dass sie meine Hand nicht ausschlägt, sondern sie ergreift und sich helfen lässt.

„Okay. Lauf mir nicht weg.“

Ich lege beide Hände um ihr Gesicht, küsse sie zärtlich auf den Mund, bevor ich mich von ihr löse und zusammen mit Jake und Dwayne zur Theke gehe.

„Wie läuft’s?“

Jake sieht mich fragend an.

„Nicht gut, kannst du dir ja vorstellen.“

Er nickt bekümmert. Jake ist neben mir wohl der Mensch, der Summer am besten kennt. Er ist seit ihrer Kindheit ihr bester Freund und lange Jahre war er ihr einziger Halt.

„Soll ich noch mal mit ihr reden?“

„Glaub nicht, dass das was bringt, aber du kannst es versuchen. Vermutlich fällst du damit aber genauso auf die Fresse wie ich.“

Er scheint zu merken, wie sehr mich das alles frustriert, denn er legt mir aufmunternd die Hand auf die Schulter.

„Komm schon, Mann, du wirst doch nicht aufgeben, oder?“

Ich sehe ihn mit einem spöttischen Grinsen an.

„Ich? Vergiss es, Bloomie, da musst du aber früher aufstehen.“

„Alles andere würde ich dir auch verdammt übel nehmen. Sie braucht dich, das weißt du.“

Ich nicke. Ja, das tut sie. Auch wenn sie es im Moment nicht wirklich zulassen kann.


Mit den Getränken gehen wir zu den anderen zurück und suchen uns einen guten Platz vor der Bühne. Summer steht vor mir, ich lege einen Arm locker um ihre Taille und sie lehnt sich an mich. Ich merke, dass sie sich nicht sonderlich wohlfühlt, aber immerhin ist sie hier. Vielleicht schaffen wir es, mit kleinen Schritten zurück zu unserer Normalität zu gelangen. Ich beuge mich hinunter und küsse sie auf die Schläfe. Sie dreht mir das Gesicht zu und lächelt.

„Alles okay?“

„Mhm. Ja.“

Ich merke, wie ich mich entspanne. Vielleicht wird es doch ein guter Abend.

3

SUMMER

Ich lausche an Danny gelehnt der Musik und beobachte dabei die Leute um uns herum. Die Stimmung ist super, wie immer bei einem Blue Rose-Gig. Rob und seine Jungs haben es einfach drauf, die Zuhörer mitzunehmen. Normalerweise liebe ich ihre Auftritte, wie alles, was mit Musik zu tun hat. Heute dagegen kann ich nur an den bevorstehenden Heimweg denken. Es wird dunkel sein. Spät. Wir werden fast die gleiche Strecke fahren wie nach Saras Geburtstagsessen. Was, wenn …

Nein! Stopp! Ich muss aufhören damit, ich weiß es. Aber ich kann nicht verhindern, dass mir die Angst im Nacken sitzt. Ich fasse nach Dannys Hand, die auf meinem Bauch liegt, verschränke meine Finger mit seinen. Mein Herz klopft nervös, doch ich ignoriere es. Ich will diesen Abend nicht verderben.

Danny senkt den Kopf, küsst zärtlich meinen Hals. Ein wohliger Schauer durchläuft mich, vermischt sich mit diesem Gefühl, keine Luft zu bekommen. Die Enge, die Geräusche, die Musik, alles zerrt an meinen Nerven. Riecht es nach Rauch? Nein, unmöglich. Gott, bitte nicht jetzt. Sara steht neben mir, wippt im Takt des Songs. Sie lehnt sich an Jake, der sie in den Armen hält, sein Kinn auf ihren Kopf gelegt hat. Die beiden sind so glücklich. Wie Danny und ich. Sind wir noch glücklich? Oder mache ich gerade alles kaputt? Ich versuche, ruhig zu atmen, mich auf Dannys Nähe zu konzentrieren. Auf Robs einzigartige Stimme. Und zum Glück merke ich, wie ich ruhiger werde. Erschöpft schließe ich die Augen, lasse mich von Danny halten. Er ist mein Hafen. Mein Herz. Einfach alles. Wenn ich ihn verlieren würde …

Ich drehe mich um, schlinge beide Arme um Dannys Taille und lehne meinen Kopf an seine Brust. Er umfängt mich, streichelt meine Haare, ich atme tief seinen ganz eigenen hinreißenden Geruch ein. Wie sehr ich diesen Duft liebe. Von Anfang an hatte er mich damit am Haken. Rob singt die ersten Takte einer Ballade. One of these Days von Olly Murs. Seine leicht raue, sexy Samtstimme erfüllt den Raum, und ich schließe die Augen, fühle nur Danny, die Wärme seines Körpers ganz nah an meinem. Gerade als ich beginne, das hier zu genießen, beugt er sich zu mir herunter und sagt: „Röschen, ich gehe kurz zur Toilette. Dann hole ich mir noch was zu trinken. Willst du auch was?“

Ich sehe ihn fast entsetzt an, beherrsche mich aber gerade noch rechtzeitig, bevor ich etwas Dummes sagen kann. Wie peinlich kann es noch werden? Jetzt kriege ich schon die Krise, wenn mein Freund zur Toilette geht? Ohne mich? Ich könnte ihn fragen, ob er mich mitnimmt. Genau. Ich atme tief durch, ringe mir ein Lächeln ab.

„Okay. Und nein, ich möchte nichts, danke.“

Er küsst mich auf den Mund, und ich sehe ihm nach, wie er zwischen den Leuten verschwindet. Schlagartig fühle ich mich elend, merke, wie meine Hände zu zittern beginnen. Die Bilder von dem brennenden Haus drängen sich in mein Bewusstsein und ich schüttele frustriert den Kopf. Jake steht hier neben mir, ihm ist nichts passiert. Danny ist nichts passiert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir je wieder in solch eine Situation geraten, ist verdammt gering.

Ich schaue zur Bühne, wo Rob am Rand kniet und mit den Zuschauerinnen in der ersten Reihe flirtet. Die Mädchen sind hin und weg von ihm, er singt eine hübsche Rothaarige an, die aussieht, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Genau wie ich. Aber das liegt nicht an Rob, ganz egal, wie heiß und sexy er sein mag. Nervös sehe ich mich um. Waren vorhin auch schon so viele Menschen in diesem Raum? Ob es genügend Notausgänge gibt? Was, wenn ein Feuer ausbrechen würde? Würden dann alle panisch losrennen und es gäbe das totale Chaos? Ich habe von solchen Vorfällen gelesen und auch, dass es dabei zu echten Tragödien kommen kann. Mir bricht der Schweiß aus. Wo bleibt Danny? Wie lange dauert es, zur Toilette zu gehen und sich was zu trinken zu holen? Ich merke, wie Jake mich von der Seite mustert. Der soll mich bloß in Ruhe lassen. Wo ist Danny?

„Summer?“

Nein, mein bester Freund muss mich natürlich nerven.

„Was?“, frage ich unwirsch. Mein Herz rast inzwischen wie ein D-Zug.

„Was ist los? Du bist kreidebleich. Ist dir schlecht?“

Auch Sara sieht mich jetzt besorgt an. Können die sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern?

„Mir geht’s gut. Seht ihr Danny irgendwo?“

Jake lässt seinen Blick über die Zuschauer schweifen.

„Nein. Wo ist er denn hin?“

„Aufs Klo. Und an die Bar.“

„Ah, okay. Und?“

Was, und? Das ist ja wohl offensichtlich. Ich kaue auf meiner Unterlippe, merke, wie meine Kehle eng wird.

„Er kommt nicht zurück.“

Ich merke selbst, wie kläglich ich klinge, und würde am liebsten im Erdboden versinken. Und kann es doch nicht ändern, dass ich kurz davor bin, vor Panik durchzudrehen. Was, wenn ihm etwas zugestoßen ist? Wenn ich ihn nie wiedersehen werde? Was dann?

„Summer! Hey, sieh mich an.“

Jakes Stimme klingt bestimmt, er zwängt sich neben mich und packt mich an den Oberarmen.

„Ganz ruhig, okay? Er kommt sicher gleich. An der Bar ist immer viel los, das dauert eben ein bisschen.“

Ich nicke, weiß, dass er recht hat. Mein Gott, natürlich hat er recht. Die Panik in meinem Kopf und in meinem Herzen interessiert das jedoch einen Scheiß.

„Was, wenn ihm was passiert ist?“

Mein Atem geht immer schneller, Sara und Jake wechseln einen alarmierten Blick.

„Was soll ihm denn hier passiert sein? Summer, was soll ihm hier passiert sein? Denkst du, er wurde von den grünen Toilettenmonstern entführt? Denk mal logisch nach.“

Jake beugt sich zu mir herunter, seine blauen Augen sehen mich durchdringend an.

„Was ist denn los?“

Jetzt taucht auch noch Jessica auf und schaut besorgt. Ich muss hier raus. Brauche Luft. Und Danny. Verdammt, kapieren die das nicht?

„Ich gehe ihn suchen.“

Ich befreie mich aus Jakes Griff und er sieht mich missmutig an.

„Ich komme mit.“

„Nein, tust du nicht. Ich … ich bin doch kein Baby. Es ist okay, lasst mich einfach in Ruhe, ja?“

Ich sehe in die Gesichter meiner Freunde, sehe Sorge, aber auch Unverständnis. Natürlich. Sie halten mich für eine hysterische Kuh. Und genau das bin ich ja auch. Ich merke, wie mir die Tränen kommen. Ich fühle mich diesen Gefühlen so hilflos ausgesetzt, ich kann es nicht beschreiben. So will ich nicht sein.

„Bin gleich wieder da“, murmele ich, wende mich ab und quetsche mich durch die Menge. So viele Menschen. Es scheint gar nicht mehr aufzuhören. Schweiß steht auf meiner Stirn, mein Sichtfeld ist eingerahmt von schwarzen Schatten. Tränen brennen in meinen Augen, teils vor panischer, irrationaler Angst um Danny, teils vor Scham über mich selbst. Endlich habe ich mich zur Bar vorgekämpft, dort ist es zum Glück ruhiger. Hektisch blicke ich mich um und dann entdecke ich ihn. Er steht etwas abseits der Theke und redet mit einem jungen Mann. Die beiden sind in ihre Unterhaltung vertieft und bemerken mich nicht. Ich starre auf Danny, fühle, wie Panik, Hilflosigkeit und Wut sich in meinem Bauch zu einem harten Knoten zusammenballen. Ich schaue noch einen Moment hin, dann wende ich mich schwer atmend ab, weiß nicht, wohin. In mir dreht sich alles und ich will nur hier weg. Ohne nachzudenken, stolpere ich in Richtung Ausgang, verlasse den Club.


Draußen schlägt mir kalte Luft entgegen, es ist erst Anfang März. Dass ich nicht mal eine Jacke dabeihabe, registriere ich kaum. Ich laufe über den Parkplatz, der an den Ohio River grenzt. Am Rande des Platzes führen ein paar Stufen hinunter zu einem Fußweg am Fluss. Dort setze ich mich hin, verberge mein Gesicht in den Händen und lasse den Tränen freien Lauf. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Es hört nicht auf. „Danny“, schluchze ich. Ich brauche ihn so und gleichzeitig bin ich stinksauer auf ihn. Wieso hat er mich einfach stehen lassen? Unterhält sich stundenlang mit irgend so einem Typen, während ich mir die schlimmsten Sorgen mache. Mir ist klar, wie absurd und ungerecht diese Gedanken sind, aber sie sind wie Gift, lassen sich nicht abschütteln. Eisiger Wind weht, und ich zittere vor Kälte, doch es ist mir egal. Das Gefühlschaos in meinem Inneren ist schlimmer und ich will auf keinen Fall zurück in diesen Club mit all den feiernden Menschen. Ich schlinge beide Arme um meinen Oberkörper und schaukele leicht vor und zurück. Tränen rollen über meine Wangen, während ich blicklos auf den Fluss starre. Mir graut vor der Heimfahrt, vor der Dunkelheit und der Panik, die mich die ganze Zeit im Griff halten wird. Vor der Angst, irgendwo einen Feuerschein zu entdecken.

„Gott, Scheiße. Scheiße, scheiße, scheiße.“

Ich senke den Kopf, schluchze leise vor mich hin. Wann ist mir alles so dermaßen entglitten? Was zur Hölle stimmt nicht mit mir? Der Unfall meiner Eltern liegt schon ein paar Jahre zurück und ich bin damit klargekommen. Wegen Danny. Mit Danny. Warum nur muss jetzt wieder alles so furchtbar sein? Ich will nicht darüber nachdenken, nicht darüber reden, ich will nur endlich vergessen und meine Ruhe haben. Normal leben können. Wie alle anderen auch. Ist das zu viel verlangt? Ich kann mich selbst kaum noch ertragen mit all diesen Gedanken und dem Gejammer. Wie lange wird Danny es noch ertragen können?


Stimmen. Gelächter. Autotüren, die zuschlagen. Menschen, die einfach in einen Wagen einsteigen und in die Nacht hineinfahren können, ohne dabei vor Panik zu sterben. Mit zitternden Fingern wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Hey, alles in Ordnung?“

Erschrocken sehe ich hoch, erblicke einen jungen Mann, der neben mir steht, mich forschend mustert.

„Ja, alles okay“, murmele ich. Er nickt, sieht aber nicht überzeugt aus.

„Vielleicht solltest du reingehen, es ist arschkalt. Soll ich dich bringen?“

Ich schüttele den Kopf, hoffe, dass er weitergeht.

„Summer.“

Danny taucht neben dem Typen auf und wirft ihm einen misstrauischen Blick zu.

„Scheiße, Mann, was machst du hier? Alles okay?“

Er läuft an mir vorbei, geht auf der Stufe vor mir in die Hocke, fasst nach meinen zitternden Händen. Der junge Mann, der mich angesprochen hat, steht noch einen Moment da, bis Danny zu ihm sagt: „Es ist alles gut, danke. Ich mach das.“

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie der Typ nickt, sich abwendet und weitergeht. Vermutlich ist er heilfroh, sich nicht um die Verrückte kümmern zu müssen. Tränen tropfen auf Dannys Hände, mit denen er meine hält.

„Summer, was machst du hier? Du kannst doch nicht in dieser Arschkälte hier draußen sitzen. Komm, lass uns reingehen.“

Ich schüttele den Kopf.

„Ich geh da nicht wieder rein.“

„Warum nicht? Ich dachte, es gefällt dir.“

Er löst eine Hand von meiner, streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn, sieht mich forschend an. Mit diesen wunderschönen Schokoaugen, vor denen ich nichts verbergen kann.

„Das war ja auch so. Bis du … ach, vergiss es. Ich geh nicht rein.“

Ich zittere und meine Zähne klappern leicht aufeinander, teils vor innerer Aufregung, teils vor Kälte.

„Bis ich was?“

Danny klingt ratlos, und ich hebe den Kopf, sehe ihn an.

„Du wolltest zur Toilette gehen und dir was zu trinken holen. Und dann kommst du nicht mehr wieder. Ich hab dich gesucht und mit diesem Typen reden sehen. Mich hast du völlig vergessen. Ich … ich hab mir Sorgen gemacht und du … Warum machst du so was?“

Danny runzelt die Stirn, schweigt einen Moment.

„Was? Du flippst aus, weil ich mich kurz mit jemandem unterhalte? Das war ein alter Schulkollege, wir haben uns schon eine Weile nicht mehr gesehen und kurz geredet. Vielleicht fünf Minuten lang.“

Er klingt jetzt angepisst und schüttelt den Kopf. Die Tränen fließen wieder stärker und ich fühle mich furchtbar. Ich bin furchtbar. Danny hat recht, sauer auf mich zu sein. Das weiß ich.

„Dann hau doch ab und geh zu deinem alten Kumpel“, schluchze ich und ziehe meine Hand aus seiner.

„Ja, ganz bestimmt. Gott, Summer, was mach ich bloß mit dir?“

Danny streicht sich durch die Haare und seufzt.

„Lass uns reingehen, bitte“, sagt er leise, doch ich schüttele den Kopf.

„Ich geh nicht wieder rein.“

„Dann lass uns nach Hause fahren.“

Ich zittere so sehr, dass ich kaum sprechen kann.

„Ich will nicht ins Auto und diese scheißverdammte Strecke im Dunkeln fahren. Ich kann nicht.“

Ich senke den Kopf, verberge mein Gesicht in den Händen.

„Geh einfach weg und lass mich in Ruhe“, schluchze ich erstickt. Ich fühle Dannys Blick auf mir ruhen, sehe, wie er mit schnellen Griffen die Knöpfe seines Hemdes öffnet und es auszieht.

„Zieh das an.“

Sein Ton lässt keinen Widerspruch zu, als er mir das Hemd hinhält und ich zitternd hineinschlüpfe. Dann steht er auf, geht an mir vorbei und setzt sich auf die Stufe hinter mir. Er zieht mich zwischen seine Schenkel und umschlingt mich ganz fest mit beiden Armen. Ich drücke mein Gesicht gegen seinen Hals und weine.

„Es tut mir leid“, flüstere ich.

„Muss es nicht, es ist alles gut. Wir schaffen das, Röschen, okay?“

Ich nicke, halte mich an ihm fest. An seinem einzigartigen Danny-Duft. An seiner Liebe zu mir. Daran, dass ich immer auf ihn zählen kann, egal, wie beschissen alles ist.

„Ich kann nicht reingehen, tut mir leid. Ich glaube, ich würde ersticken da drin.“

Meine Stimme klingt so klein und hilflos, wie ich mich fühle. Danny streichelt meine Haare, meinen Rücken, sein Mund liegt an meiner Schläfe, ich spüre seinen warmen Atem, der über meine kalte Haut streift.

„Schon klar. Dann bleib ich eben auch hier. Kein Problem, ich wollte schon immer mal Anfang März spätabends im T-Shirt am Flussufer sitzen und in den Himmel schauen.“

Ich fühle sein Lächeln und muss trotz meiner Tränen schmunzeln. Der Druck in meiner Brust lässt nach, wie immer, wenn Danny bei mir ist.

„Wolltest du, ja?“

„Absolut.“

Er lacht leise, küsst mich auf die Haare. Ich hebe den Kopf, sehe ihn an. Er wischt mir die Tränen von den Wangen, lächelt dabei ein wenig.

„Danke. Ich bin furchtbar. Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich meine, ich hatte alles so gut im Griff und jetzt … es hört einfach nicht auf“, sage ich leise und Danny zieht mich noch näher zu sich. Seine Miene ist nun ernst.

„Summer, ich weiß, du willst das nicht hören, aber vielleicht solltest du über eine Gesprächstherapie nachdenken. Es würde dir sicher helfen.“

Ich schlucke. Allein der Gedanke, mit einer fremden Person über meine innersten, tiefsten Ängste zu sprechen, macht mich nervös. Über die Jahre mit meinem prügelnden Vater und meiner von ihm abhängigen Mutter. Von der angespannten Atmosphäre bei uns daheim. Von ihrem Tod, an dem ich mir lange die Schuld gab. Von meinen Schwierigkeiten, jemandem zu vertrauen. Von Danny und meiner alles zerstörenden Panik, ihn zu verlieren. Aber vielleicht werde ich ihn gerade verlieren, wenn ich nichts unternehme. Wie lange hält er noch durch mit mir? Wenn ich mich in einer Minute wie eine Bescheuerte an ihn klammere und durchdrehe, wenn er sich nur kurz verspätet? Und mich dann wieder zurückziehe und ihn ausschließe von dem, was mich so quält.

„Ich denk drüber nach“, murmele ich.

„Okay.“

Danny kämmt mit den Fingern durch meine langen Haare, ich schmiege mich an seine Brust, fühle die Wärme seines Körpers. Lange werden wir hier nicht mehr sitzen können, ohne zu erfrieren. Danny zieht sein Handy aus der Tasche seiner Jeans, tippt eine Nachricht.

„Wem schreibst du?“, frage ich leise.

„Jake. Er soll sich mal nützlich machen und unsere Jacken rausbringen.“

Ich nicke, sehe verlegen zu Boden. Jake wird sich seinen Teil denken, er kennt mich gut genug. Er hat alles miterlebt, das ganze Drama meiner Kindheit. Er ist neben Danny der Mensch, dem ich am meisten vertraue.

Es dauert nicht lange, bis mein bester Freund auftaucht. Er sieht besorgt aus, als er uns die Jacken reicht und sich neben uns kniet.

„Geht’s wieder? Warum hast du mir nicht gesagt, dass es dir so schlecht geht? Ich wäre mitgekommen.“

Ich zucke mit den Schultern, weiche seinem Blick aus.

„Weiß nicht. Es ist einfach … es ist so erbärmlich.“

Mir kommen wieder die Tränen und Jake schüttelt ungeduldig den Kopf.

„Spinnst du? Wie lange kennen wir uns? Du musst dich vor mir nicht schämen. Du musst dich überhaupt nicht schämen, klar?“

Ich nicke, während Danny und Jake einen Blick tauschen.

„Was macht ihr jetzt? Ins Wohnheim fahren?“

Ich blinzele, zucke mit den Schultern, doch Danny sagt: „Wir sehen, was wir machen. Danke für die Jacken.“

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Ich muss unter Tränen lachen. Er ist so süß.

„Dein Ego wird mit jedem Jahr größer, Moreno. Wenn ich bloß wüsste, wie du das machst.“

Er küsst mich auf die eiskalte Nasenspitze.

„Ich gebe dir gern ein wenig davon ab und fülle dein Egoguthaben ein bisschen auf.“

Ich muss lächeln.

„Das wäre schön, wenn das ginge.“

„Das geht, Röschen. Vertrau mir einfach und vor allem, vertrau auf uns und unser gemeinsames Leben. Du wirst merken, wie du dich dann wieder besser fühlst.“

Ich kuschele mich in seine Arme, schaue ihm in die Augen.

„Ich will es versuchen.“

Er lächelt, dann küssen wir uns. Meine Hand streicht über seinen Nacken, vergräbt sich in seinen weichen, soften Locken.

„Ich liebe dich. So sehr, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Auch wenn ich im Moment so eine blöde Kuh bin“, flüstere ich und er zuckt mit den Schultern.

„Ach, na ja. Ich mag Kühe. Die sind doch niedlich.“

Wir grinsen beide, dann löst Danny sich von mir, erhebt sich und zieht mich auf die Füße.

„So, Schluss jetzt mit dem Geheule. Ich friere mir den Arsch ab. Lass uns hier verschwinden. Denkst du, wir können fahren? Wenn nicht werden wir wohl laufen müssen. Oder wir suchen uns ein Zimmer und fahren morgen im Hellen zurück.“

Er sieht mich abwartend an und ich atme tief durch. Laufen? Tja, so ein netter nächtlicher Vier-Stunden-Spaziergang in der Kälte wäre sicher super. Ein Zimmer mit meinem Süßen klingt schon besser, aber das wäre das totale Eingeständnis meines Versagens. Nein, so einfach will ich es diesen verschissenen Ängsten nicht machen.

„Es geht schon. Fahren wir.“

„Okay. Das ist mein tapferes Mädchen.“

Danny schenkt mir sein sexy Killerlächeln, und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. Er hat es einfach drauf, mich aus den dunkelsten Löchern wieder an die Oberfläche des Lebens zu verfrachten.

An Dannys Hand laufe ich zwischen den geparkten Autos hindurch zu seinem Wagen und versuche dabei, mein nervös klopfendes Herz zu ignorieren. Es ist nur eine halbstündige Fahrt zurück zum College. Wir fahren nicht zu unserer eigenen Beerdigung. Verdammt, Hirn, kapier es endlich!

Wir erreichen den schwarzen Mustang, Danny öffnet mir die Tür und hält mich am Arm fest, bevor ich einsteige. Er küsst mich zärtlich auf den Mund, sagt: „Es ist alles gut, Kleines. Wenn du nicht mehr kannst, sag mir Bescheid, dann halte ich an, und wir drehen eine Runde zu Fuß, bis es wieder geht.“

Ich streiche ihm über die Wange, küsse ihn zurück.

„Es geht schon. Lass uns fahren.“

Und Danny hat recht, es ist alles gut. Die Fahrt verläuft besser, als ich gedacht hätte, obwohl es fast die gleiche Strecke ist wie damals in der Nacht des Feuers. Dennoch atme ich auf, als wir den Collegeparkplatz erreichen.

Später im Bett kuschele ich mich erleichtert in Dannys Arme, schließe erschöpft die Augen. Er hat recht, wir werden das schaffen. Ganz sicher.