Wild Roses in the Wind

Wild Roses in the Wind

Roses of Louisville - Band 3

Ilka Hauck

OBO e-Books

Inhalt

Wild Roses in the Wind

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

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Über den Autor

Wild Roses in the Wind

1

Jake

Mit missmutiger Miene sitze ich auf einer Bank am See und starre auf die sich im Wind kräuselnde Wasseroberfläche. Meine Laune ist nicht die beste, und ich weiß, das sollte sich allmählich mal ändern. Summer ist nun bereits seit eineinhalb Jahren mit Moreno zusammen und selbst einem unglücklich verliebten Trottel wie mir müsste inzwischen klargeworden sein, dass sie mit ihm zusammenbleiben wird. Sie liebt ihn. Und er sie. Auch wenn ich das nie im Leben für möglich gehalten hätte, aber die beiden sind verdammt glücklich miteinander. Ich ziehe die Luft durch die Zähne und lehne mich zurück. Tja, Bloomfield, das war es. Endgültig. Du musst dieses Mädchen endlich loslassen, sonst gehst du kaputt.

Okay, das ist vielleicht ein bisschen dramatisch ausgedrückt, aber so in etwa kommt es hin. Das letzte Jahr war so ziemlich das beschissenste meines Lebens. Dabei hatte ich mich so gefreut, als Summer hier am Louisville-College angenommen wurde. Wir wollten Zeit miteinander verbringen, uns endlich wieder regelmäßig sehen, denn das war im Jahr davor kaum möglich gewesen, als sie noch zur Schule ging und ich mein erstes Studienjahr hatte. Dann die Erkenntnis, dass ich mich rettungslos in sie verliebt hatte … in Summer, die schon seit der Grundschule meine beste Freundin ist. Herzklopfen. Schmetterlinge im Bauch. Doch bevor ich überhaupt eine Chance hatte, mir über irgendetwas klar zu werden, geschweige denn, ihr meine Gefühle zu gestehen: Auftritt Danny Moreno. Und von da an ging alles schief. Summer und er waren von Anfang an voneinander fasziniert. Es hat mir das Herz gebrochen, mit ansehen zu müssen, wie sie sich verliebten. Und schließlich zueinanderfanden. Obwohl Moreno der größte Aufreißer am College war. Noch nie eine feste Beziehung hatte und keiner treu war. Doch er hat etwas fertiggebracht, was ich ihm nie zugetraut hätte. Er ist Summer treu ergeben. Mehr noch, er vergöttert sie, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sie ist seine Prinzessin. Und sie hat durch ihn gelernt, dem Leben zu vertrauen. Das sollte mich verdammt noch mal freuen, denn ich bin immer noch ihr bester Freund. Ich kicke einen Kiesel zur Seite und verziehe das Gesicht. Ja, ich freue mich. Toll. Total. Ich atme tief durch. Inzwischen bin ich so weit, dass ich mich wirklich darüber freuen kann, auch wenn ich noch nicht völlig über Summer hinweg bin. Ich Idiot. Aber ich liebe sie. Das tue ich. Ich liebte sie als Sechsjähriger und werde es auch mit sechzig noch tun. Sie ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ihr Glück liegt mir mehr am Herzen als alles andere. Auch wenn nicht ich es bin, der sie glücklich machen kann. Ach, Scheiße. Ich streiche mit beiden Händen durch meine Haare und sehe hoch, als sich jemand neben mich setzt.

„Hi.“

Jessica sieht mich lächelnd an. Ich muss zurücklächeln, ob ich will oder nicht. Jess ist einfach so, sie bewirkt, dass man sich wohlfühlt, wenn sie da ist. Sie ist einer dieser Sonnenschein-Menschen, die anderen guttun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich mag sie sehr und ahne, dass sie mehr für mich empfindet als Freundschaft.

„Hi. Na, fertig für heute?“

Sie nickt und lehnt sich ebenfalls zurück, während sie die Augen schließt und ihr Gesicht der Sonne entgegenhält.

„Yep. Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich müsste schreiend rausrennen. So nett der Lindenbaum auch ist, manchmal hat er eine echt einschläfernde Wirkung. Alles ist immer so langsam bei ihm, so gemächlich. Er war sicher in seinem früheren Leben eine Schlaftablette.“

Sie grinst, während sich in ihrer linken Wange ein kleines Grübchen bildet. Ich betrachte sie. Sie ist hübsch. Sehr sogar. Lange, rotbraune Haare, die mich ein wenig an Indian Summer erinnern. Goldene Sommersprossen auf der Nase. Ihre Augen schimmern in einem dunklen Grün wie feuchtes Moos. Sie hat einen süßen Mund mit hübsch geschwungenen Lippen. Eine schöne, weibliche Figur. Ja, sie ist hübsch. Niedlich. Ich mag sie. Ich schließe ebenfalls die Augen und sehe Summer vor mir. Ihre langen hellbraunen Haare, die im Wind flattern. Ihr Lächeln. Es verpasst mir einen schmerzhaften Stich im Herzen. Ohne die Augen zu öffnen, weiß ich, dass Jess mich lächelnd betrachtet. Ich muss schmunzeln, wende ihr den Kopf zu und schaue sie an.

„Yeah, der Kandidat hat hundert Punkte.“

Sie hebt fragend eine Augenbraue und ich erkläre: „Ich wusste, dass du mich ansiehst und lächelst.“

Sie wird ein klein wenig rot.

„Echt? Ja, ich starre dich an und grinse dabei wie die Katze vorm Milchtopf. Zufrieden?“

„Yep. Ich lasse mich gerne von hübschen Mädchen anstarren, während ich gedankenverloren in den Himmel schaue.“

Sie schneidet eine Grimasse und blickt auf den See.

„Du warst nicht gedankenverloren. Du warst bei Summer.“

Sie sagt das ganz trocken, ohne Vorwurf, und ich muss schlucken. Zuerst will ich widersprechen, doch dann sage ich leise: „Du hast recht. Ich weiß auch nicht … was ein Scheiß, oder?“

Sie zuckt mit den Schultern.

„Du liebst sie halt.“

„Nein. Nein, tu ich nicht. Nicht mehr. Also, schon, aber wie eine gute Freundin eben.“

Ich atme tief durch, füge hinzu: „Okay, nicht ganz. Aber ich arbeite daran.“

Sie nickt.

„Ich weiß. Es ist eben nicht einfach, wenn Liebe nicht erwidert wird, und man kann Gefühle nicht einfach an- und ausknipsen wie eine Lampe.“

Sie klingt traurig, und ich bin mir nicht sicher, ob sie noch von mir spricht. Mit einem schlechten Gewissen sehe ich aufs Wasser. Ich habe Jess hier am College kennengelernt, wo sie gemeinsam mit Summer Musik und Geschichte studiert. Seitdem hat sich eine tolle Freundschaft zwischen uns entwickelt. Sie ist mir wichtig. Und das Letzte, was ich will, ist, ihr wehzutun. Warum zur Hölle schaffe ich es nicht, Summer endgültig loszulassen? Ich weiß, dass es mit ihr und mir nichts werden wird. Nicht mal, wenn sie sich von Danny trennen würde, würde sie zu mir kommen. Ich bin ihr bester Freund und sie liebt mich. Eben als diesen. Mehr nicht. Warum kann ich das nicht akzeptieren? Hänge immer noch so an ihr? Warum tut es immer noch weh, wenn ich sie mit Moreno sehe? Ach Scheiße, Mann. Ich kotze mich manchmal selbst an mit dieser Selbstmitleidsnummer. So bin ich nicht. Außer, wenn es um Summer geht.

Meine Handymelodie ertönt und nach einem Blick aufs Display sage ich entschuldigend: „Sorry, das ist mein Bruder, ich muss da mal rangehen.“

Jessica nickt und ich melde mich.

„Dwayne, hey. Na, wie geht’s? Hast du die ersten Wochen an der Northdale überlebt, ohne Hunderte von Herzen zu brechen? Und wie sieht’s aus mit der heißen Nachbarin?“

Ich lausche und muss grinsen.

„Ach, das tut mir aber leid, Brüderchen“, sage ich schadenfroh und lache dann.

„Ja, alles klar. Nein, kein Ding. Okay, wir sehen uns dort. Bye.“

Ich lege auf und Jessica sieht mich neugierig an.

„Das war mein Bruder Dwayne. Er ist seit ein paar Wochen in Louisville, hat hier seine erste Lehrerstelle angetreten. An der Northdale High.“

Ich stecke das Handy ein und füge hinzu: „Er hat ein Appartement in der Stadt gemietet, seine Nachbarin ist um die siebzig und schwerhörig. Dabei hatte der Gute auf was Jüngeres, Knackigeres gehofft. Tja, Wette gewonnen.“

Jess lacht leise.

„Ihr habt gewettet? Um was?“

„Ach, bloß um ein Sixpack und eine Pizza. Ich hab ihm ja gleich gesagt, so was gibt es nur im Film, man zieht in ein Haus ein und nebenan wohnt die große Liebe. Oder wenigstens eine heiße junge Lady. Aber er wollte nicht hören.“

Ich muss lachen.

„Mein Bruder ist ein Romantiker, musst du wissen. Er sieht zwar aus wie ein cooler Typ, ist aber ein Softie, wie er im Buche steht. Na ja, er wird sowieso genug damit zu tun haben, die sechzehnjährigen Mädels auf Abstand zu halten.“

Ich schnalze leicht mit der Zunge und grinse.

„Okay, jetzt machst du mich neugierig. Dein Bruder sieht also aus wie ein cooler Typ, ist aber ein Softie? Und auf der Suche nach der großen Liebe, gleichzeitig aber so heiß, dass ihm seine Schülerinnen die Bude einrennen und alle für ihn schwärmen? Verstehe ich das richtig?“, fragt Jess schmunzelnd und ich nicke.

„So in etwa. Weißt du was? Komm doch einfach mit heute Abend. Da treffe ich Dwayne, der seine Wettschulden bei mir einlöst. Dann kannst du ihn kennenlernen. Was meinst du?“

„Ja, gern. Wenn ich nicht störe.“

„Blödsinn. Ich freue mich.“

Und das stimmt. Ich verbringe gerne Zeit mit Jessica. Dass es dabei in meinem Bauch nicht sonderlich kribbelt, ignoriere ich.

2

Jessica

Nachdenklich laufe ich über den Campus zu meinem Wohnheim. Nachdem ich mich von Jake verabschiedet habe, hängt meine Laune ziemlich durch. Er sagt zwar nichts, aber ich spüre es mehr als deutlich, wenn er körperlich anwesend ist, in Gedanken aber so weit von mir entfernt wie der Himalaya. Er leugnet es, aber ich fürchte, dass er immer noch mehr für Summer empfindet, als gut für ihn ist. Von meinen Gefühlen will ich gar nicht erst anfangen. Vom ersten Moment an war ich fasziniert von Jake. Ich erinnere mich, wie ich mit Summer in der Bibliothek saß und er hereinkam. Ich sah diesen wunderschönen jungen Mann mit den strahlend blauen Augen. Den verwuschelten, blonden Haaren. Groß, schlank, durchtrainiert. Er sah aus wie ein junger Gott. Zum Niederknien. Und dann schaute ich in seine Augen und mir wurde ganz weh ums Herz. So viel Schmerz lag in seinem Blick. Wut. Sehnsucht. Er sah nur Summer, es war so offensichtlich, dass er sie liebte. Es hat mir eine Gänsehaut über den Rücken getrieben. Er hat sich zu uns gesetzt und locker mit uns geplaudert. Doch seine Coolness war so zerbrechlich. Und im Grunde ist das bis heute so geblieben. Okay, ich will ihm nicht unrecht tun. Es ist, wie er sagt: Er arbeitet daran. Er hat kapiert, dass Summer ihn nicht liebt. Nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Nicht so, wie ich ihn lieben würde. Ich seufze. Ach, Jess, ganz super. Da machst du dir Gedanken über den unglücklich verliebten Jake und schließt dich ihm direkt an. Ich weiß nicht, was er für mich empfindet, aber tief in mir ahne ich, dass ich in dieser Geschichte Jake sein werde. Der Kumpel, den man gernhat, aber nicht liebt. Missmutig schüttele ich den Kopf. Grübeln hilft nicht weiter. Jetzt freue ich mich erst einmal auf das Treffen heute Abend. Und ich bin neugierig auf Jakes Bruder.


Ich renne die Treppen im Wohnheim nach oben und klopfe gleich darauf an Summers Tür. Sie öffnet, und ich quetsche mich an ihr vorbei, lasse mich auf ihr Bett fallen.

„Hi. Komm doch rein“, sagt sie grinsend und wirft die Tür zu.

„Oh, ja. Hi.“

Ich schnaufe und puste mir eine Haarsträhne aus der Stirn. Summer setzt sich neben mich und sieht mich neugierig an.

„Vor wem bist du denn geflüchtet? Wollte das Bäumchen dich noch mal einfangen nach der Vorlesung?“

Ich lache leise.

„Nein, das nicht. Ich war am See, hab Jake dort getroffen.“

Ein leichter Schatten legt sich auf Summers hübsches Gesicht.

„Ah, Jake. Wie geht es ihm? Ich habe schon wieder eine ganze Weile nichts von ihm gehört.“

Sie sieht bekümmert aus. Ich weiß, sie leiden beide darunter, dass ihre einst so enge Freundschaft seit Monaten eher auf Sparflamme vor sich hinköchelt.

„Ich glaube, ihm geht’s gut. Mach dir keinen Kopf.“

Ich lächele sie beruhigend an und sie seufzt.

„Das ist nicht so einfach. Jake ist ein wichtiger Teil meines Lebens und er fehlt mir, weißt du?“

Ich rutsche neben sie und lege meinen Arm um ihre Schultern.

„Ich weiß. Du fehlst ihm auch. Er sagt es nicht, aber ich sehe es ihm an. Er braucht noch ein bisschen Zeit, aber dann wird wieder alles gut zwischen euch.“

Sie zuckt mit den Schultern.

„Ich hoffe es. Aber ich habe ihm verdammt wehgetan.“

Sie blinzelt und sieht aus dem Fenster. Ich schüttele sie leicht.

„Hey, hör auf damit, okay? Du hast ihn nicht mit Absicht verletzt, man kann eben nichts für seine Gefühle. Du liebst Danny und Jake hat das kapiert. Komm schon, er ist ein großer Junge, er kommt drüber weg.“

Sie lächelt und lehnt ihre Stirn an meine.

„Ich weiß.“

„Na klar. Heute Abend nimmt er mich übrigens mit zu einem Treffen mit seinem Bruder. Kennst du ihn?“

„Dwayne? Oh ja, sicher. Er ist cool. Jake nimmt dich mit? Aha, aha.“

Ich lasse mich aufs Bett zurückfallen.

„Was heißt hier ‚Aha, aha‘?“

Summer grinst und legt sich neben mich.

„Na ja, ihr verbringt ziemlich viel Zeit zusammen. Und jetzt stellt er dir Dwayne vor.“

Sie klimpert mit den Wimpern und ich schnaube leise.

„Na und? Du kennst ihn ja auch, oder?“

„Das ist doch was ganz anderes, ich kenne ihn schon, seit wir Kinder waren.“

Sie stützt sich auf den Ellenbogen und sieht mich an.

„Dwayne ist der Hammer, du wirst ihn mögen. Er ist vier Jahre älter als Jake. Ich war immer fasziniert von ihm.“

Ich muss grinsen.

„Ah, verknallt in den großen Bruder des besten Freundes, oder was? Lass das mal nicht deinen Danny hören.“

Sie sieht versonnen auf einen imaginären Punkt an der Wand.

„Mit vierzehn bin ich total auf ihn abgefahren. Na ja, er war achtzehn, da kannst du dir sicher vorstellen, wie sehr er auf mich abgefahren ist.“

„Oh ja, total“, sage ich schmunzelnd. Sie lächelt.

„Er ist echt toll, das wirst du ja später sehen.“

„Jake sagte, er würde aussehen wie ein cooler Junge, wäre aber eigentlich ein ziemlicher Softie.“

Summer lacht.

„Also, wie soft er ist, kann ich nicht beurteilen, aber das mit dem Aussehen … sagen wir so, er hat einen verflixt heißen Bad-Boy-Touch. Gott, ich wünschte, ich hätte auch so einen Lehrer gehabt. Die Mädchen heutzutage haben vielleicht ein Glück.“

Nun bin ich neugierig.

„Was verstehst du unter Bad-Boy-Touch?“

„Ich weiß nicht, er hat so eine Ausstrahlung. Lässig. Einfach total cool. Dann sieht er sehr gut aus. Schulterlange, blonde Locken. Grüngraue Augen. Groß, muskulös. Ein total schönes Gesicht. Ehrlich, er wird dich umhauen.“

Ich muss grinsen.

„Na, fragt sich, wen der tolle Dwayne gerade umhaut.“

Sie lacht.

„Mich nicht. Ich habe ja schon den tollsten Typen der Welt. Aber du kannst ihn dir schnappen. Er ist Single, soviel ich weiß.“

„Hm“, murmele ich, starre aus dem Fenster. Summer streicht mir mit der Hand über die Haare und ich sehe sie an. Ihr Blick ist weich.

„Ich weiß … Jake.“

Ich werde rot. Doch sie ist meine beste Freundin, und es wäre albern, sie anlügen zu wollen.

„Ja. Aber ich glaube nicht, dass er mich will.“

Summer schnaubt empört.

„Warum denn nicht? Denkst du, der hat keine Augen im Kopf oder ist dämlich? Du bist bezaubernd, und wenn er das nicht sieht, dann kann ihm echt keiner helfen.“

Ich lege den Kopf schief und mustere sie.

„Ach so? Jake ist auch bezaubernd und wolltest du ihn?“

Jetzt wird sie rot und senkt den Kopf.

„Nein. Ach, Mensch.“

Sie lässt sich wieder auf den Rücken fallen und wir starren gemeinsam an die Decke.

„Was macht ihr heute Abend?“, fragt sie nach einer Weile.

„Weiß nicht genau. Ich glaube, wir setzen uns irgendwo an den Fluss, trinken ein Bier und essen Pizza. Das sind Dwaynes Wettschulden bei Jake.“

Ich erzähle Summer von der Wette der Brüder und sie lacht.

„Armer Dwayne, da war wohl nichts mit der heißen Nachbarin.“


Wir unterhalten uns noch eine Weile, dann verabschiede ich mich, um mich für meine Verabredung fertig zu machen. Ich gebe es ungern zu, aber ich bin aufgeregt. Jake allein macht mich schon nervös, aber nun auch noch sein angeblich so heißer großer Bruder? Ich bin kein Mädchen, das mit solch geballter Männlichkeit locker umgehen kann. Eigentlich bin ich wie Summer, eher schüchtern und zurückhaltend. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Jake mich mag. Ich erinnere ihn an seine große Liebe. Wie toll.

Ich trete vor meinen Kleiderschrank und ziehe ein Stück nach dem anderen hervor, um es gleich darauf wieder wegzuhängen. Gott, man könnte meinen, ich würde zum Schulball gehen oder so was in der Art. Dabei setzen wir uns nur ans Flussufer und chillen. Ich entscheide mich schließlich für eine Jeans mit Shirt und Strickjacke und binde meine lange Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen. Basta. Wem es nicht gefällt, der hat schon.

Der Blick zur Uhr zeigt mir, dass ich mich sputen sollte. Auf dem Weg nach unten kommt mir ein Mädchen entgegen, das mir irgendwie bekannt vorkommt, aber ich kann sie nicht einordnen. Sie ist irre hübsch, lächelt mir im Vorbeigehen freundlich zu und grüßt.

Jake wartet vor seinem Wohnheim auf mich, und mein Herz klopft heftig, als ich ihn von Weitem sehe. Er sieht so unglaublich gut aus. Und er weiß es nicht mal. Jake ist einer dieser Typen, denen das scheißegal ist. Er ist heiß auf eine total süße, zurückhaltende Art sexy und er hat keine Ahnung davon. Ich bin mir sicher, er kriegt nicht mal mit, wie viele der Mädchen auf dem Campus ihn anhimmeln. Jake ist einfach so. Er vergräbt seine Nase lieber in einem Buch, anstatt zu flirten. Außerdem hatte er die ganze Zeit über sowieso nur Augen für Summer. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Ich denke nicht gern darüber nach, denn es verletzt mich. Doch es gibt noch eine junge Frau, der Jake nahesteht. Lexi Burkhardt. Ich weiß nicht genau, was da zwischen den beiden abgeht, denn logischerweise frage ich Jake nicht danach. Aber ich glaube, sie haben so eine Art Freundschaft mit gewissen Vorzügen. Sie hängen öfter zusammen ab, und ich glaube, da läuft mehr als nur reden. Es geht mich nichts an, aber der Gedanke tut weh. Und er zeigt mir, dass Jake offensichtlich nicht das Gleiche für mich empfindet wie ich für ihn. Denn sonst würde er das mit Lexi doch beenden, oder nicht? Ich erreiche ihn und er zieht mich in eine kurze Umarmung. Warm und sicher. Ich drücke meine Nase in seinen Pulli, versuche, seinen Duft einzuatmen. Er riecht so gut.

„Hi, schön, dass du da bist.“

Seine Stimme klingt ein wenig rau. Ich lächele und sehe ihn an.

„Ich freu mich auch.“


Wir schlendern nebeneinander zur Bushaltestelle und nach ungefähr zwanzig Minuten Fahrt steigen wir aus.

„Wir treffen Dwayne unten an der Promenade.“

Jakes Bruder ist bereits da und ehrlich gesagt, sein Anblick verschlägt mir die Sprache. Wow! Der junge Mann, der sich von der mitgebrachten Decke erhebt und uns lächelnd entgegensieht, ist einfach atemberaubend. Er sieht genauso aus, wie Summer ihn beschrieben hat. Lange, lockige Haare, die ihm bis auf die Schulter fallen. Strahlende grüngraue Augen in einem attraktiven Gesicht. Er ist riesig, sicher über einen Meter neunzig, trägt lässige ausgewaschene Jeans, dazu ein kariertes Hemd. Ein sexy Dreitagebart. Seine ganze Ausstrahlung fegt mich geradezu weg und mir steht im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen. Ich mag eigentlich keine Männer mit langen Haaren, aber bei ihm sieht es toll aus. Es passt zu ihm, unterstreicht seinen Typ. Ich kann mir nur allzu gut vorstellen, wie er auf seine pubertierenden Schülerinnen wirkt. Oh Gott, Hilfe.

„Jess, das ist Dwayne. Dwayne, das ist Jessica, ich hoffe, es ist okay, dass ich Verstärkung mitgebracht habe?“

Jake begrüßt seinen Bruder mit einem lockeren Handschlag und dieser lächelt mich an. Mein Herz klopft ein bisschen schneller, als er meine Hand umfasst und mich ansieht. Meine Güte, was für ein Lächeln. Was für Augen. Beinahe hätte ich geseufzt, reiße mich aber zum Glück noch rechtzeitig zusammen.

„Klar, kein Problem. Hi, Jessica.“

„Hi.“

Wir setzen uns auf die Decke, und es dauert keine fünf Minuten und wir sind in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Ich habe das Gefühl, Dwayne schon ewig zu kennen, so locker geht er mit mir um. Er ist dieser lässige Typ, mit dem man sich auf den ersten Blick wohlfühlt. Er erzählt mir, dass er Mathe und Sport unterrichtet und dies seine erste Stelle sei. Er gibt ein paar lustige Anekdoten aus dem Schulalltag zum Besten, während wir Pizza futtern und Bier dazu trinken. Es ist ein entspannter, lustiger Abend und ich genieße die Gesellschaft dieser beiden tollen jungen Männer sehr. Dwayne ist absolut hinreißend, dennoch ist es Jake, der mein Herz schneller schlagen lässt, wenn ich ihn nur ansehe. Er ist ernster, zurückhaltender als sein charmanter Bruder. Und ich bin verliebt in ihn. Ich betrachte ihn im warmen Licht des Sonnenuntergangs. Ja, ich bin verliebt in Jake. Zum ersten Mal gestehe ich es mir offen ein. Und tief in mir beginnt etwas zu schmerzen, weil ich merke, dass er mich ansieht und lächelt, sein Herz jedoch nicht dabei ist.

3

Sara

Ich klopfe an Summers Zimmertür und sie öffnet gleich darauf. Schnell stopft sie sich den letzten Bissen Toastbrot in den Mund und lächelt mich an.

„Sara, hi. Komm rein.“

„Hi.“

Ich quetsche mich an ihr vorbei und sprudele direkt mit meinem Bericht los.

„Du glaubst nicht, was heute in der Vorlesung los war.“

Summer setzt sich aufs Bett und klopft neben sich. Ich lasse mich neben sie fallen und rede ungebremst weiter. Erst als sie grinst, mustere ich sie mit zusammengezogenen Augenbrauen.

„Was?“

„Holst du auch mal Luft zwischendurch?“

„Na klar“, sage ich beleidigt und knuffe sie an die Schulter. Wir lachen beide und ich atme tief durch. Luftholen, ja. Summer streicht mir lächelnd eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Ich bin froh, dass es dir besser geht. Wir haben uns Sorgen gemacht.“

Ich verziehe das Gesicht.

„Ich weiß.“

Nach der Trennung von meinem Freund Deacon habe ich eine Zeitlang ziemlich durchgehangen. Das ist etwas, was meine Familie und Freunde von mir eigentlich nicht kennen. Deacon und ich waren über ein Jahr zusammen, und als er sich von jetzt auf gleich von mir getrennt hat, hat mich das erst einmal umgehauen. Inzwischen habe ich mich zum Glück gefangen, nur Jungs können mir vorerst den Buckel runterrutschen. Der Wechsel von der Schule ans College hat mir sehr geholfen, mit meinem Liebeskummer fertigzuwerden. So viel Neues stürmt hier auf mich ein und es ist eine spannende Zeit. Okay, es könnte eine spannende Zeit werden, wenn mein Bruder mich nicht mit Argusaugen bewachen würde.

„Wo ist denn der Rottweiler?“, frage ich kichernd und Summer sieht mich strafend an.

„Nenn Danny nicht so. Er passt nur auf dich auf.“

„Jaaa, schon klar. Aber Gott, ich bin achtzehn und keine fünf. Und er muss nicht jeden Typen, der mich anschaut, gedanklich mit der Keule erschlagen. So war er die ganze Zeit doch auch nicht drauf. Und nur weil ich jetzt am College bin, hat sich nichts geändert.“

Summer lächelt.

„Für Danny schon. Studenten sind eben keine Highschooljungs, sondern junge Männer. Und ehrlich, wer wüsste besser als er, was hier manchmal abgeht?“

Sie zuckt mit den Schultern und ich richte mich auf.

„Genau das ist ja der Witz dabei. Bevor er dich getroffen hat, war Danny der allergrößte Aufreißer am College. Ich weiß gar nicht, wie viele Mädchen er abgeschleppt hat.“

Ich schlage mir erschrocken die Hand vor den Mund.

„Ähm, sorry.“

Summer grinst.

„Schon okay, ist kein Geheimnis.“

Sie verzieht etwas das Gesicht und ich betrachte sie. Mein Bruder liebt sie abgöttisch und die beiden sind total happy zusammen. Wenn ich ehrlich bin, so glücklich waren Deacon und ich nie. Was wir hatten, war schön, und für eine Weile waren wir auch wirklich sehr verliebt. Aber es war nicht die völlige Hingabe, diese selbstlose, zärtliche Liebe, die Summer und Danny teilen. Und ich wünsche mir das auch. Jemanden zu finden, für den ich alles bedeute. Und der mir alles bedeutet.

„Danny will dich nur beschützen und dafür sorgen, dass dir niemand wehtut. Du bist nun mal die einzige kleine Schwester, die er hat.“

Summers Stimme klingt sanft und ich lächele.

„Weiß ich doch, dass er das will.“

Sie legt mir einen Arm um die Schultern.

„Ich pfeife deinen Rottweiler schon zurück, wenn er zu arg über die Stränge schlägt, keine Sorge.“

Ich muss lachen. Als ob mein Bruder sich von irgendjemandem zurückpfeifen lassen würde. Okay, von Summer vielleicht schon. Sie ist der einzige Mensch auf dieser Welt, der Danny im Griff hat, wenn man das so sagen kann.

„Okay, cool. Aber mal was anderes, weißt du schon, was du an deinem Geburtstag machen willst?“

Summer zuckt leicht zusammen und sieht aus dem Fenster. Ich weiß, dieses Thema ist nicht besonders beliebt bei ihr. Sie hat Danny am Anfang ihren Geburtstag nicht einmal verraten. Kein Wunder, bei ihren schlechten Kindheitserinnerungen. Wenn ich daran denke, werde ich traurig. Liebevoll drücke ich sie an mich und sie sagt leise: „Am liebsten würde ich das machen, was ich immer mache, nämlich gar nichts. Diesen Tag einfach vergessen.“

Sie sieht mich verzagt an.

„Gar nichts? Aber Süße, das ist dein Tag. Und wenn der in der Vergangenheit immer scheiße war, dann wird es Zeit, das zu ändern.“

Ich schlinge beide Arme um ihre Schultern und drücke ihr einen Kuss auf den Kopf. Ehrlich, ich liebe sie. Wenn Danny je auf die Idee kommen sollte, sich von Summer zu trennen, trenne ich mich von ihm und nehme sie zur Schwester. Haha. Nein. Aber hergeben möchte ich sie nie mehr.

„Vielleicht wird es das. Danny liegt mir auch die ganze Zeit damit in den Ohren, und du kennst ihn ja, er kann verdammt überzeugend sein. Wir haben uns also gedacht, wir machen eine kleine Feier bei euch daheim. Nur ein paar Leute. Vielleicht können wir ein Barbecue machen und im Pool schwimmen.“

„Ja, das klingt doch toll. Wen willst du einladen?“

Ich reibe mir innerlich die Hände, auch wenn Partys bei uns zu Hause im Moment nicht unbedingt an erster Stelle meiner Wunschliste stehen. Ich würde viel lieber woanders feiern und nicht unter der Fuchtel meiner Mutter. Aber es ist Summers Tag, und dass sie überhaupt feiern will, ist ein großer Fortschritt.

„Ach, nicht viele. Rob und Lucy. Jessica. Desiree und Lexi. Jake natürlich. Falls er kommt. Und vielleicht noch seinen Bruder Dwayne, der ist neu in die Stadt gezogen und kennt noch nicht so viele Leute.“

„Du denkst, Jake würde an deinem Geburtstag nicht dabei sein wollen?“

Summer senkt den Kopf, zieht die Schultern hoch.

„Keine Ahnung. Wir reden neuerdings nicht sehr viel miteinander.“

Ich nicke.

„Ich kenne ihn nicht mal, dabei ist er dein bester Freund.“

Sie lacht, doch es klingt traurig.

„Ja, woher sollst du ihn auch kennen? Er geht mir aus dem Weg, wo er nur kann.“

„Das wird sicher wieder besser“, sage ich sanft. Ich weiß, dass Summer ihn vermisst. Ich sehe zur Uhr, erhebe mich dann.

„Ich muss los. Sag Danny liebe Grüße.“

„Mach ich.“

Wir umarmen uns und ich winke Summer noch einmal zu.


Draußen ist es mild, ein schöner Abend im Spätsommer. Ich habe Lust auf ein wenig Bewegung und beschließe, an die Flusspromenade zu fahren. Die Fahrt mit dem Bus dauert nur zwanzig Minuten. Am Ziel angekommen setze ich mich auf eine Bank und tausche meine Sneakers gegen Inlineskates. Ich liebe es, am Wasser entlangzufahren. Es entspannt mich und tut mir gut. An milden Abenden wie dem heutigen ist es besonders schön. Die untergehende Sonne spiegelt sich romantisch auf dem Wasser und ich seufze leise. So schön es hier auch ist, mit jemandem an meiner Seite wäre es noch viel, viel besser. Nein! Schluss! Ich bin nicht auf der Suche nach einem neuen Boyfriend, ich konzentriere mich auf mein Studium und meine Freiheit. Basta! Ich stopfe meine Sneakers in den Rucksack, setze ihn mir auf und fahre langsam los. Es sind noch einige Leute unterwegs, die, genau wie ich, den schönen Abend genießen wollen. Die Luft ist mild, ein lauer Wind weht. Herrlich. Ich gleite so vor mich hin, genieße die Bewegung und die Ruhe. Irgendwann halte ich an, bekomme Durst. Ich krame in meinem Rucksack und stelle fest, dass ich meine Getränkeflasche vergessen habe. Na toll. Ein Stück entfernt entdecke ich einen Kiosk, der noch geöffnet hat, und fahre langsam darauf zu. Die ältere, gestresst wirkende Frau hinter der Verkaufstheke sieht mich an.

„Bitte?“

„Eine Cola bitte.“

Sie holt eine Flasche aus dem Kühlschrank, öffnet sie und stellt sie vor mich auf den Tresen. Verflixt, wo ist mein Portemonnaie?

„Moment, bitte“, murmele ich, während ich merke, wie meine Wangen heiß werden. Das darf doch jetzt nicht wahr sein, wo ist dieser verdammte Geldbeutel?

Die Dame trommelt ungeduldig mit den Fingern auf dem Holz herum, und ich spüre, wie sie mich missbilligend ansieht.

„Ich hab’s gleich.“

Hektisch durchwühle ich den Rucksack, aber nichts. Kein Portemonnaie. Kein Kleingeld. Kein Schein. Nichts. Mist! Mist!

„Junge Dame, mein Feierabend hat vor fünf Minuten begonnen, wird das heute noch was?“

Die Stimme der Frau klingt nun mehr als ungeduldig. Es hilft nichts. Ich hebe den Kopf, sehe sie zerknirscht an.

„Ich kann mein Geld nicht finden. Es tut mir leid.“

Sie sieht mich finster an.

„Hätten Sie nicht vorher nachsehen können, ob Sie Geld mithaben? Nun habe ich die Flasche geöffnet und niemand wird sie mehr kaufen.“

„Doch, ich. Geben Sie mir die Flasche und noch eine dazu.“

Ich drehe mich hastig um … und ertrinke. In Augen, blau wie das Meer. Der Typ, der da vor mir steht, ist das schönste Wesen, das ich je gesehen habe. Einfach der Hammer! Groß, schlank, mit einer sportlichen, durchtrainierten Figur. Blonden, verwuschelten Haaren, die geradezu danach betteln, dass man mit den Händen darin herumwühlt. Einem leicht verschmitzten Lächeln. Mir zieht es regelrecht den Boden unter den Füßen weg. In meinem Hirn knallt es und ich kann die Funken zischen hören. Das ist mein Traummann! Hundertprozentig! Dass ich ihn nicht mit offenem Mund anstarre und zu sabbern beginne, ist echt alles. Ich schaue zu, wie er bezahlt, sich dann zu mir wendet und mir eine der beiden Flaschen hinhält.

„Hier, bevor du verdursten musst.“

„Ich … äh, danke“, stottere ich und er nickt nur.

„Kein Ding. Schönen Abend noch.“

Damit wendet er sich ab und geht davon. Ach was, er geht nicht, er … ich finde keine Worte, sein Gang ist so irre sexy. Lässig, geschmeidig. Mein Blick saugt sich an seinem Knackarsch fest und mir wird heiß. Er trägt Jeans, die lässig auf seinen schmalen Hüften sitzen. Ein Shirt, das einen tollen, durchtrainierten Oberkörper betont. Leicht gebräunte Arme. Muskeln, nicht zu viel, nicht zu wenig.

Scheiße, ist der Typ hot. Und ja, da stehe ich nun und starre meinem Mr. Right hinterher wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ohne seinen Namen zu kennen. Ohne zu wissen, wo er wohnt. Ohne jede Chance, ihn wiederzusehen. Automatisch setze ich mich in Bewegung, fahre ihm eilig hinterher.

„Warte.“

Er wendet sich um und ich bremse vor ihm ab. Obwohl ich auf den Inlinern stehe, muss ich den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm hochsehen zu können. Er sieht mich abwartend an, einen Mundwinkel zu einem leichten Lächeln erhoben.

„Ja?“

„Ich … das war sehr nett von dir. Ich gebe dir das Geld wieder. Bist du öfter hier?“

Haha, netter Versuch, Sara. Gott, ist das jetzt sehr peinlich?

„Manchmal. Und das Geld musst du mir nicht geben. Betrachte es als Einladung.“

Er lächelt wieder, dieses Mal ist es ein so süßes Lächeln, dass mein Herz heftig zu klopfen beginnt. Ich kann ihn nicht einfach gehen lassen, unmöglich. Doch was soll ich tun? Er sieht nicht so aus, als ob er Interesse an mir hätte. Moment mal, warum eigentlich nicht? Ich hole tief Luft.

„Trotzdem. Ich kenne dich ja gar nicht. Ich würde es dir gerne wiedergeben.“

Meine Wangen glühen und ich zittere vor Aufregung. So was ist mir noch nie passiert, ich bin eigentlich nicht der schüchterne Typ, was Jungs angeht. Aber bei ihm lassen mich mein Selbstbewusstsein und meine große Klappe gerade völlig im Stich.

„Ah, und weil du mich nicht kennst, darfst du von mir keine Cola annehmen? Wie war das noch mal? Nichts annehmen von Fremden? Hat Mommy dir das beigebracht?“

Er grinst und ich komme mir blöd vor. Denkt der, ich bin noch ein Baby? Ich mustere ihn verstohlen. So viel älter als ich dürfte er kaum sein. Vielleicht zwei, drei Jahre. Höchstens.

Ich starre ihn an, überlege mir eine schlagfertige Antwort, doch mein Hirn ist wie leer gefegt.

„Äh, nein, es ist nur …“

Ja, was? Dass ich dich nicht gehen lassen will? Nicht gehen lassen kann? Gott!

Bevor ich jedoch zu einer geistreichen Antwort ansetzen kann, fährt ein Radfahrer so dicht an uns vorbei, dass er mich mit dem Lenker streift und ich auf meinen Inlinern ins Taumeln gerate.

„Entschuldigung“, ruft der Typ, während er einfach weiterfährt, ich gefährlich herumschwanke und mich gleich darauf in zwei starken Armen wiederfinde.

„Kannst du nicht aufpassen?“, ruft mein sexy Traumboy dem Rüpel hinterher, während er mich hält.

„Idiot. Solche Typen hab ich ja gefressen, die denken, sie sind alleine unterwegs.“

Ich starre in seine himmlisch blauen Augen, ein wahnsinnig guter Duft steigt in meine Nase und ich danke dem Radrüpel auf Knien für diesen Moment. Doch viel zu schnell stellt mein Hottie mich zurück auf meine Füße beziehungsweise Inliner und sagt mit einem Lächeln: „Na ja, okay, dann mach’s gut.“

Mist, ich weiß noch immer nichts von ihm. Keinen Namen, keine Handynummer. Verzweifelt starre ich ihn an, hoffe, dass er mich um ein Wiedersehen bittet, nach meiner Nummer fragt, irgendwas, doch er tut es nicht. Er schenkt mir ein letztes Lächeln, wendet sich ab, und ich sehe ihm nach, wie er über die Wiese geht und sich auf einer Decke neben zwei Leuten niederlässt. Ein junger Mann und ein Mädchen, das ihm strahlend entgegensieht. Seine Freundin? Bei der Vorstellung durchfährt ein heftiger Stich meine Brust. Oh Gott, mir ist ja nicht zu helfen. Ich bleibe noch einen Moment lang stehen, dann drehe ich mich niedergeschlagen um und fahre langsam weiter. Die Freude an dem schönen Abend ist mir vergangen, denn die Chance, meinen Traumtypen je wiederzusehen, ist so gut wie nicht vorhanden.

Ich habe keine Lust mehr, schnalle die Inliner ab und schlüpfe in meine Schuhe. Dann schlendere ich zum Bus und fahre zurück zum Campus. Der hübsche junge Mann mit den blonden Haaren und den blauen Augen spukt dabei andauernd durch meine Gedanken. Warum habe ich ihn nicht wenigstens nach seinem Namen gefragt? Ja, und dann? Dann hätte ich seinen Namen gewusst und was hätte es mir genutzt? Ich gehe direkt zu meinem Wohnheim und auf mein Zimmer. Es ist eigenartig, so romantisch ich auch veranlagt bin, so wenig habe ich bisher an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Doch heute wurde ich eines Besseren belehrt. Es gibt sie. Ich habe es gerade erlebt.

Ich lasse mich aufs Bett fallen, starre an die Decke. Dabei ist mich zu verlieben doch das Letzte, was ich will. Die Trennung von Deacon steckt mir in den Knochen. Mit dem Studium habe ich alle Hände voll zu tun, bin noch dabei, mich am College einzuleben und alles auf die Reihe zu bekommen. Und doch … ich schließe die Augen und sehe ein süßes Lächeln und zwei strahlend blaue Augen vor mir.

4

JAKE

Abwesend laufe ich über den Campus, denke dabei an das hübsche schwarzhaarige Mädchen, das ich gestern Abend auf der Promenade getroffen habe. Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Sie war echt süß. Es ist eigenartig, aber sie ist mir direkt unter die Haut gegangen. Sie stand da an diesem Kiosk, hat verzweifelt in ihrem Rucksack gekramt, und als sie sich zu mir umgedreht hat … bämm. Es hat sich angefühlt, als hätte ich einen Stromschlag abbekommen.

Aber dann … tja, dann passierte ich. Obwohl ich sie so süß und hübsch fand, bin ich einfach abgehauen. Ohne nach ihrem Namen oder ihrer Nummer zu fragen. Ich Idiot. Aber mir wurde plötzlich klar, dass ich schon genug Stress am Hals habe. Eine unerwiderte Liebe, die ich noch nicht verdaut habe. Ein Mädchen, das sehr wahrscheinlich in mich verliebt ist, und ich habe keine Ahnung, was ich selbst für sie fühle.

Ich sah in dieses wunderschöne Gesicht mit den leuchtend blauen Augen. Sah diesen hübschen Mund mit dem süßen Lächeln. Und wusste, ich muss so schnell wie möglich verschwinden. Sonst wäre womöglich alles noch mehr ins Chaos gestürzt, denn mir ist nicht entgangen, dass sie mich ebenso fasziniert angestarrt hat wie umgekehrt. Also bin ich abgehauen. Mittlerweile bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob das nicht ein verschissener Fehler war. Sie geht mir nicht aus dem Sinn und ich sehe andauernd ihr Lächeln vor mir. Höre ihre Stimme. Tja, Bloomfield, dumm gelaufen, denn mit ziemlicher Sicherheit wirst du dieses Mädchen niemals wiedersehen. Perfekt in den Sand gesetzt. Mal wieder.

Mein Handy ertönt und ich hole es aus der Tasche meiner Jeans. Beim Blick auf das Display verziehe ich das Gesicht. Dieses Gespräch dürfte meine Laune vermutlich auch nicht anheben.

„Hi, Summer“, melde ich mich und lausche. „Okay. Ja, von mir aus. Bis gleich.“

Ich bleibe stehen und atme tief durch. Na dann.


Summer sitzt auf der Bank am See und liest in einem Buch. Ich betrachte sie, während ich langsam näher komme. Sie ist so unglaublich hübsch. Ob ich will oder nicht, es tut immer noch weh, daran zu denken, dass sie nie das Gleiche für mich empfinden wird wie ich für sie.

„Hi.“

Ich setze mich neben sie und sie sieht hoch.

„Oh, hi.“

Sie lächelt, klappt ihr Buch zu.

„Danke, dass du gekommen bist. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich hab dich vermisst.“

Ihre Stimme ist leise geworden.

„Entschuldige, ich bin ziemlich im Stress.“

Genau, das wird sie sicher glauben. Sie weiß, dass mir das Studium leichtfällt und ich mit Sicherheit nicht mehr Stress habe als sie.

„Du fehlst mir auch“, füge ich etwas widerwillig hinzu. Und das tut sie, auch wenn ich es mir ungern eingestehe. Summer ist seit ewigen Zeiten meine beste Freundin und wir konnten immer über alles reden. Waren immer füreinander da. Und ja, verdammt noch mal, das fehlt mir.

„Wie geht es dir?“

Ich sehe sie fragend an.

„Gut, danke. Und dir?“

Ich weiß genau, was sie meint, zucke mit den Schultern.

„Ja, okay. Was gibt’s denn?“

Sie zupft etwas unsicher an ihrem Pulli herum.

„Also, du weißt ja, dass ich am Samstag Geburtstag habe. Ich wollte dich einladen. Es gibt eine kleine Feier bei Danny zu Hause. Nichts Großes, ein bisschen grillen und vielleicht im Pool schwimmen.“

Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch. Summer wollte ihren Geburtstag all die Jahre über nicht feiern, nicht nach all den schlechten Erfahrungen aus ihrer Kindheit.

Ich schaue auf den See. Ausgerechnet bei Moreno daheim, das hat mir noch gefehlt. Summers bittender Blick ruht auf mir und ich atme tief durch. Verdammt noch mal, reiß dich zusammen, Bloomfield. Du hast ihr versprochen, es zu versuchen.

„Ja klar, ich komme gerne. Wird sicher cool.“

Sie lächelt und es wärmt mein Herz.

„Echt? Danke. Ehrlich gesagt hatte ich Angst, du könntest ablehnen.“

Tja, ich auch.

„Ach, Unsinn. Hey, wenn du einmal deinen Geburtstag feierst, dann werde ich das sicher nicht verpassen.“

Ich zause ihr leicht durch die Haare und sie fasst nach meiner Hand.

„Ich freue mich. Ich lade auch Jess ein und Lexi und Desiree. Und Rob und Lucy natürlich. Ach ja, und ich dachte, ich frage Dwayne, was meinst du? Er kennt ja noch nicht viele Leute in der Stadt.“

„Klar, mach das. Er wird sich freuen. Er war ja schon immer ein Fan von dir.“

Ich muss grinsen, als ich ihr verdutztes Gesicht sehe.

„Du willst mich auf den Arm nehmen, oder? Das wüsste ich aber, wenn Dwayne mein Fan wäre.“

„Doch, ganz im Ernst. Er mag dich sehr.“

Sie streicht sich verlegen durch die Haare und sieht mich skeptisch an.

„Du weißt schon noch, dass ich in ihn verknallt war? Da war ich vierzehn und du hast mich andauernd damit aufgezogen. Und dein Bruder hat mir in etwa so viel Beachtung geschenkt wie dem Staub unter seinem Bett.“

Ich muss lachen.

„Na ja, damals warst du ein kleines, dünnes Mädchen, das an ein staksiges Fohlen erinnert hat. Dwayne dagegen war der Footballstar der Highschool und stand kurz vorm College. Logisch, dass er dich übersehen hat, oder? Also, ich meine, als Frau übersehen hat, die du damals ja auch wirklich noch nicht warst. Aber sonst mochte er dich immer.“

Sie verzieht amüsiert das Gesicht.

„Aha. Sonst mochte er mich immer. Glück gehabt. Auf jeden Fall werde ich ihn einladen.“

„Tu das. Hast du seine Nummer?“

Sie nickt, sieht mich von der Seite an.

„Sag mal, Jake, darf ich dich etwas fragen?“

„Klar.“

Sie druckst ein wenig herum, sagt dann vorsichtig: „Versteh mich nicht falsch, aber du und Jess, läuft da was zwischen euch?“

Ich starre auf meine Schuhe.

„Wieso? Warum fragst du?“

„Ach, Jake, komm schon, wir beide kennen einander ganz genau. Ich will ehrlich sein. Jess hat dich sehr gern, das wirst du mitbekommen haben. Und sie ist unsicher, weil sie nicht weiß, was du für sie empfindest. Ich wollte dich nur bitten, sei vorsichtig mit ihr, ja? Tu ihr nicht weh.“

Ich starre sie an, merke, wie ich plötzlich wütend werde.

„Ach, du meinst, so wie du mir nicht wehgetan hast?“

„Jake.“

Sie sieht unglücklich aus, legt ihre Hand auf meinen Arm. Ich schüttele den Kopf, murmele: „Schon gut, entschuldige. War nicht so gemeint. Ich verstehe schon. Und glaub mir, ich will ihr ganz sicher nicht wehtun. Aber ich kann dir nicht sagen, was ich für sie empfinde. Ehrlich, ich wünschte, ich könnte es. Dann wäre vieles einfacher.“

Summer nickt.

„Ich weiß. Mir musst du das nicht erzählen. Gefühle machen nun mal nicht immer das, was am einfachsten wäre.“

„Nein, leider nicht. Ich verspreche dir, ich werde vorsichtig mit Jessica umgehen. Aber jetzt sag mal, was wünschst du dir? Okay, außer dem Porsche, dem Haus, der Jacht.“

Ich grinse sie an und sie streckt mir die Zunge raus.

„Nichts. Ich wünsche mir nur, dass du zu meiner Party kommst, das ist alles.“

Ich umfasse ihre Hand und drücke sie.

„Bin dabei, versprochen.“


Meine Euphorie ist nicht mehr ganz so groß, als ich samstags vor Dannys Haus stehe. Wobei „Haus“ die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Im Leben habe ich noch keine solche Villa gesehen, geschweige denn eine betreten. Es ist der Wahnsinn. Auch Dwayne, der neben mir steht, sieht ziemlich überrumpelt aus.

„Wow. Die kleine Summer hat mit ihrem Typen das große Los gezogen, was?“

Ich spare mir eine Antwort, schnaube nur leise und mein Bruder seufzt. Er hat meinen Liebeskummer mitbekommen und legt mir beschwichtigend die Hand auf die Schulter.

„Komm schon, Kleiner. Du packst das.“

„Natürlich pack ich das, lass deine pädagogischen Anwandlungen stecken, okay?“

„Schon gut, klar.“

Dwayne grinst und ich schüttele den Kopf. Es ist schwer, ihm etwas vorzumachen. Seine Schüler werden ihren Spaß mit ihm haben.

Wir klingeln, gleich darauf wird geöffnet und Danny steht vor uns. Ich bemühe mich, das Lächeln im Gesicht zu behalten, immerhin ist er der Gastgeber.

„Bloomie, hi. Cool, dass du da bist.“