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Claudia Johanna Bauer, Thea Weis

Es tut so gut, mit dir zu sprechen

Begegnungen mit Sterbenden

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Herausgegeben vom Malteser Hilfsdienst e.V., vertreten durch Marie-Catherine Freifrau Heeremann und Henric Maes.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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ebook im be.bra verlag, 2015

© der Originalausgabe:

edition q im be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2014

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

post@bebraverlag.de

Projektleitung: Kerstin Kurzke, Malteser Hospizdienst, Berlin

Lektorat: Marijke Topp, Berlin

Umschlaggestaltung: Ansichtssache, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von bit.it/Quelle: photocase

ISBN 978-3-8393-2118-8 (epub)

ISBN 978-3-86124-685-5 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Eine Art Vorwort

Über den Hospizdienst
oder: Wie dieses Buch entstanden ist

Rote Schuhe

Ihm hätte das so gut gefallen

Der Boxer

Abschied

Jugendliebe

Der Ausflug

Dann ziehen wir zusammen

Der letzte Tag

Die Trauerrede

Lukas

Hitzewelle

Sagen Sie nicht »Auf Wiedersehen«!

Löcher gehören gestopft

Meine Sozia

Entkapselt

Urnenparty

Der Duft des Flieders

Die magische Tür

Der Zitronenmann

Der Kaktus mit den Knöpfen

Liebe Regine

Ein Unbekannter namens Müller

Glücklich ist, wer vergisst …

Malzbier

Wenn Sterbende sprechen …

Finalphase

Die Englischlehrerin

Am Ende eine Oase

Praxisschock

Mama

Eine schwierige Patientin

Ich bin ja so glücklich!

Ein Teil der Familie

Auf Wiedersehen in Afrika

Der Unterschied

Spätes Glück

Frisch frisiert

Mutter und Sohn

Im stummen Zwiegespräch

Drei Monate für ein ganzes Leben

Nach Hause

Nachtwache Gedanken

Alles Hexerei

Der gemeinsame Donnerstag

Ein unermüdlicher Kämpfer

Mit einem Lächeln im Gesicht

Zurück ins Leben!

Tanetschka

Sechs Antworten auf die Frage: Warum engagiert man sich im Hospizdienst?

Dank

Die Autorinnen

Eine Art Vorwort

»Ich werde bald sterben – das weiß ich nun seit einigen Monaten. Ich bin ein Mann im besten Alter, noch nicht einmal 45 Jahre alt, habe Frau und drei Kinder.

Vor gut 18 Monaten wurde bei mir ein Hirntumor festgestellt. Zweimal konnte er entfernt werden, nun nicht mehr. Ich habe mich entschieden, in einem Hospiz zu sterben, und meine Familie begleitet mich dort. Zu Hause ging es nicht mehr.

Ich finde das alles beschissen – mir fällt kein anderes Wort ein, welches diese Situation besser beschreiben kann. Ich weiß, dass ich es nicht ändern kann, aber wir versuchen damit umzugehen.

Kurz nach der Diagnose kamen meine Familie und ich das erste Mal in Kontakt mit dem Hospizdienst der Malteser – genauer mit deren Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst.

In den vielen Gesprächen, die wir alle – ich, meine Frau und die Kinder – dort mit den Aktiven über die Monate geführt haben, stießen wir vor allem auf eines: Verständnis. Verständnis für meine und unsere Sorgen, Verständnis für unsere Ängste, für Tränen, Wut und Verzweiflung.

Die großartigen Mitarbeiter des Malteser Hospizdienstes können mich nicht heilen – niemand kann das derzeit – aber sie sind für mich und vor allem für meine Familie da. Es ist ein Ort geworden, an dem wir Probleme und Fragen abladen können und Antworten bekommen. Antworten, die geprägt sind von Erfahrung, Fachkenntnis, Mitgefühl und Sorge um uns.

Ihre Begegnungen mit Menschen wie mir haben die Ehrenamtlichen hier aufgeschrieben. Und jede Geschichte ist so einzigartig, wie die Menschen, für die diese Geschichten stehen – so einzigartig, wie jeder Einzelne von uns ist.

Ich wünsche mir, dass durch das Lesen dieses Buches immer mehr Menschen ihre Angst vor dem Umgang mit dem Tod abbauen und sich diesem Thema nähern können.

Denn letztlich gehört der Tod zum Leben dazu.«

Dirk

Über den Hospizdienst
oder: Wie dieses Buch entstanden ist

Wir treffen uns zu dritt, um eine Einführung in dieses ungewöhnliche Buch zu finden: Kerstin Kurzke, Leiterin des Malteser Hospizdienstes in Berlin, Thea Weis, ehrenamtliche Hospizhelferin und Initiatorin des Projekts, und ich, die Autorin, die erst viel später dazu \kam. Die immer noch Staunende. Mir sollen die beiden nun erklären, wie der Hospizdienst funktioniert. Was bringt ganz normale Leute dazu, Sterbende auf ihrem letzten Weg zu begleiten? Was treibt sie, sich freiwillig und unentgeltlich einer Aufgabe zu widmen, vor der wohl jeder erstmal zurückschrecken würde?

Dass sie es tun, weckt Bewunderung in mir. Und Neugier.

»Das Besondere daran ist, dass da einfach ein Mensch zu einem Menschen kommt«, sagt Kerstin Kurzke. »Einer wie du und ich. Keine Ärztin, kein Pfleger oder Psychologe, sondern ein Ebenbürtiger. Jemand, der Zeit hat. Der zuhört. Der Wertschätzung gibt.« Während sie spricht, zeigen ihre Hände, was sie meint: ein behutsames sich Annähern, sich Umkreisen. »Daraus entwickelt sich eine ganz eigene Art von Beziehung. Jedes Mal anders, jedes Mal sehr speziell.«

Allein bei den Berliner Maltesern engagieren sich über 130 ehrenamtliche Hospizhelfer – Frauen und Männer im Alter von 22 bis 78 Jahren – durchschnittlich drei bis vier Stunden in der Woche. Thea Weis ist eine von ihnen. »Aber so eine Begleitung ist für mich keine Pflichtübung«, sagt sie, »ganz im Gegenteil, für mich ist das etwas sehr Wertvolles. Ich schöpfe daraus für mein eigenes Leben.« Sie sitzt sehr gerade, spricht leise, wirkt gelassen. »Da ist zum Beispiel die Frau, mit der ich immer durch den Plänterwald gehe, das würde ich sonst nie tun. Aber ich genieße es, mal ganz aus dem eigenen Stress auszusteigen.«

Natürlich ist es manchmal auch schwierig. Wie verhält man sich, wenn das Leid zu dicht heranrückt? »Oder wenn man sich zu sehr engagiert«, ergänzt Thea. »Dann verliert man den Abstand, wird zum Zugehörigen.«

Deshalb bekommen alle Ehrenamtlichen eine fundierte Ausbildung. »Da geht es um die Bedürfnisse von Menschen am Lebensende«, erklärt Kerstin Kurzke, und ich lerne: »Das hat schon auch mit Pflege und medizinischem Wissen zu tun – aber vor allem mit Kommunikation. Wie kann ich jemanden gut begleiten? Wie kann ich für ihn die zweite Geige spielen? Wie verhalte ich mich in schwierigen Situationen, so dass der andere sich nicht beeinflusst, überrumpelt, überfordert fühlt, sondern ernstgenommen in seiner Bedürftigkeit?«

Innerhalb der Ausbildung durchlaufen die Teilnehmenden auch ein Praktikum. »Es ist wichtig, sich dem Thema nicht nur theoretisch zu nähern, sondern praktisch zu erfahren, wie es sich anfühlt, jemandem beizustehen, der zunächst natürlich ein Fremder ist«, sagt Kerstin Kurzke.

Und was ist, wenn man tatsächlich mal nicht weiter weiß? Darum gibt es für alle Ehrenamtlichen die Supervision, bei der man sich aussprechen, Erfahrungen austauschen und andere Meinungen einholen kann. »Die Episoden, die dort erzählt werden, haben mich von Anfang an fasziniert«, erzählt Thea Weis. »Sie sind so spannend, so wichtig und wahr und teilweise auch kurios – so was darf nicht einfach vom Leben verschluckt werden! Das muss hinaus in die Welt! Das Thema Tod und Sterben wird aus unserer Gesellschaft ja immer noch ganz massiv ausgeklammert. Die Geschichten zeigen, wie wichtig hier eine Annäherung ist. Und sie zeigen auch, wie ausfüllend und schön diese Arbeit sein kann. Also habe ich überlegt, wie man sie festhalten könnte.«

Die Sammlung der Texte begann 2009. Alle Helfer und Mitarbeiter des Malteser Hospizdienstes waren aufgefordert, ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen beizusteuern. »Wir hatten aber gar keine Vorstellung davon, wie ein Außenstehender unsere Geschichten wahrnehmen würde«, berichtet Thea Weis. »Also brauchten wir jemanden, der ›von außen‹ an die Texte heranging.«

Das Weitere ist mir vertraut, denn hier kam ich ins Spiel. Als Autorin hatte ich bereits Erfahrungen mit ähnlichen Projekten. Die Hospiztexte berührten mich gleich beim ersten Lesen. Fast gleichzeitig ergab sich der Kontakt zu der Verlegerin Elisabeth Ruge, die zur Textgestaltung wichtige Impulse beisteuerte und den Kontakt zum be.bra verlag anbahnte. Hierfür sei ihr ganz herzlich gedankt.

Alle Geschichten dieser Sammlung beruhen auf wahren Erlebnissen – nur Namen, Orte und Erkennungsmerkmale wurden zum Schutz der Beteiligten verfremdet. Aber es bedarf ihrer auch nicht, um an das Tabuthema Sterben heranzutreten.

Nicht zuletzt braucht ein solches Projekt aber auch finanzielle Unterstützung. Wir danken daher von Herzen der Ingrid Daberkow Stiftung, ohne die dieses Buch nicht zustande gekommen wäre. Unsere Gedanken sind bei der Stifterin, die Mitte 2013 nach langer Krankheit verstorben ist.

Claudia Johanna Bauer

Berlin, August 2014

Rote Schuhe

Herzklopfen vor der ersten Begegnung.

Was erwarten wir voneinander?

Wir schauen uns gegenseitig in die Augen und der Funke ist da.

Distanz und Nähe. Nähe und Distanz.

Da ist kein Eis, da ist nur Wärme.

Und alles läuft wie von selbst.

Wir unternehmen eine Weltreise.

Wir schwelgen in Erinnerungen.

Wir schauen gemeinsam über einen See und sehen das Schwanenpaar mit sieben Jungen.

Wir atmen dieselbe Luft.

Wir betrachten die Birken im Wind.

Wir verfolgen das Fallen der Geranienblätter auf dem Balkon.

Wir schweigen.

Wir reden übers Sterben und haben keine Angst.

Wir reden über rote Tanzschuhe, die mit Liebe geputzt wurden, und über die Leidenschaft des Tanzes.

Immer, wenn ich rote Schuhe sehe, werde ich an Elisabeth denken.

Ihm hätte das so gut gefallen

Draußen vor dem Fenster saust Leon mit seiner roten Plastikschaufel Richtung Sandkiste. Hinter ihm jagt Fritz, der Familienterrier, über den Rasen. Annika sitzt auf der Schaukel, weiße Stöpsel in den Ohren, und nickt rhythmisch mit dem Kopf.

»Sie ist schon zwölf«, sagt Frau Sperling, »der Kleine erst vier.« Ihr Blick folgt dem Sohn, der seine Schaufel rücksichtslos in einen Geranienkübel stößt. Blütenblätter rieseln. Er pickt sie mit spitzen Fingern auf. »Was wäre denn für die Kinder besser?«, fragt Frau Sperling. »Eine Sarg- oder eine Urnenbestattung?«

Die Frage trifft mich ohne Vorwarnung. Neben mir sitzt Klaus Sperling, der Familienvater, in seinem Pflegebett. Der Krebs hat ihn schon deutlich gezeichnet, es geht um seine Beerdigung. Im ersten Moment weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Dann sehe ich ihn nicken. »Keine Sorge«, sagt er, »wir haben schon darüber gesprochen, es muss ja sein.« Auch seine Frau nickt. Meine Anspannung lässt nach. Wir reden über die verschiedenen Bestattungsformen, wägen Vor- und Nachteile ab. Draußen zieht Leon mit den Blütenblättern unter seinem Zeigefinger rote Linien auf den Terrassenboden, bis ein fünfbeiniges Tier entstanden ist.

»Er malt gern«, sagt Herr Sperling.

»Genau wie du«, sagt seine Frau. So kommt unser Gespräch erstmals auf die Möglichkeit einer Sargbemalung. Es gibt so viele Varianten, Abschied zu nehmen. So viele Möglichkeiten, sich gemeinsam zu erinnern und Erinnerungen zu bewahren.

Ein paar Wochen später ruft Frau Sperling mich an.

»Also, wir würden das gerne machen«, sagt sie, und ihre Stimme klingt matt, aber gefasst. »Mein Mann ist heute gestorben. Wir würden gern seinen Sarg bemalen.«

Ich weiß, dass sie ihre Entscheidung sorgfältig abgewogen hat.

»Sie möchten das … selber tun?«, frage ich vorsichtig.

»Ja, ich glaube, das wird uns helfen«, sagt sie.

Und nach einer Pause: »Ich hoffe, dass es uns hilft.«

Also rufe ich Antje an. Sie ist Künstlerin, Sargmalerin, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hospizdienstes. »Könntest du dir das vorstellen«, frage ich, »den Sarg mit den Hinterbliebenen gemeinsam zu bemalen? Sie dabei anzuleiten? Zu begleiten? Hast du damit Erfahrungen?«

Am anderen Ende der Leitung höre ich Antje einatmen.

»Nein«, gesteht sie, »keine Erfahrungen.« Aber es klingt nicht ablehnend, nur nachdenklich. Ich kenne ihre Arbeiten gut. Särge und Urnen hat sie schon viele bemalt, aber nicht mit den Hinterbliebenen zusammen. »Wie läuft das denn normalerweise?«

»Wir reden vorher darüber«, erklärt sie, »und suchen ein Motiv aus. Manche Auftraggeber schicken mir eine Fotovorlage.«

»Aber würdest du auch zusammen mit der Mutter und den beiden Kindern …?«

»Ja, schon«, sagt Antje. »Warum nicht?! Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.« Offenbar hat sie sich inzwischen mit ihren Bedenken auseinandergesetzt. »Haben sie sich denn schon einen Sarg ausgesucht?«

Mir fällt ein Stein vom Herzen.

»Entschieden hab’ ich ganz spontan«, erzählt Antje mir später. »Aber nach unserem Telefonat gingen mir plötzlich tausend Fragen durch den Kopf …« Wie soll sie die gemeinsame Malerei gestalten? Was lässt sich vorbereiten? Kann man so etwas überhaupt planen? Wie soll sie mit der Trauer der Familie umgehen? Kann sie das aushalten? Wie werden die Kinder beim Anblick des Sarges reagieren? Und in welcher Gemütsverfassung werden sie alle sein? »Ich bin richtig aufgeregt«, gesteht sie, »und sehr gespannt, wie’s laufen wird! Wir haben schon einen Termin verabredet. Morgen wird der Sarg geliefert, und dann kommen sie alle zu mir ins Gartenatelier. Du doch auch, oder …?«

Ja. Und auch ich bin sehr gespannt.

Auf dem Rasen liegt Fritz, der Terrier, hat alle Viere weit von sich gestreckt, und hechelt. Es ist heiß heute. Der Sarg steht aufgebockt an einem schattigen Plätzchen im Garten. Im Regal reihen sich Farbtöpfe und Werkzeuge. Wir sitzen am Tisch und planen die Gestaltung.

Leon hat mit seinen vier Jahren natürlich noch keine Ahnung, was eine Skizze ist. Aber er weiß, was er malen will: »Einen großen Regenbogen!« Auch einen enorm großen Pinsel hat er sich schon ausgesucht. Nun kann er kaum erwarten, dass es mit der Malerei endlich losgeht.

Annika hat sich überlegt, dass sie das Kopf- und Fußende mit Blumen bemalen möchte. »Kannst du mir dabei helfen?«, fragt sie Antje und zupft ihr T-Shirt zurecht. »Ich trau mich nicht so richtig …«

Antje nickt. »Klar. Dafür bin ich ja da.«

Die Mutter möchte ein Ferienmotiv aus dem letzten gemeinsamen Urlaub malen. Dazu passt auch die Schwedenfahne, die auf den Deckel soll. An der können später alle gemeinsam arbeiten. Der Plan ist skizziert, jetzt geht es los.

Leon taucht seinen enormen Pinsel in die Farbe und kleckert munter drauf los. Es dauert nicht lange und er hat Spuren sämtlicher Regenbogenfarben im Gesicht. Später stößt noch eine Freundin der Familie dazu und setzt mit zarten Strichen einen Kolibri auf den Regenbogen.

Antje mischt Farben, druckt Vorlagen aus dem Internet aus, malt die Motive vor, hilft Annika bei ihrer Sonnenblume.

Und ich? Ich schaue zu und staune.

Da sitzen wir nun alle zusammen um den Sarg. Die Stimmung ist ruhig, fast entspannt. Ich habe das Gefühl, als geschehe hier das Normalste der Welt: Die Familie malt gemeinsam ein Bild für den verstorbenen Vater – nur eben nicht auf Papier. Wer eine Pause braucht, legt sich ins Gras. Die Kinder toben zwischendurch auf dem Spielplatz.

Mittags bringt der Lieferservice thailändisches Essen.

Danach ist die Sonne gewandert und es muss ein neuer Schattenplatz für den Sarg gesucht werden. Alle fassen mit an. Oft gibt es etwas zu lachen. Und es wird viel über den Verstorbenen gesprochen.

»Ihm hätte das so gut gefallen«, sagt Frau Sperling, die ganz konzentriert an ihrem schwedischen Ferienhäuschen malt.

Zum Schluss taucht jedes Familienmitglied seine Hände in die Farbe und drückt sie auf den Sarg. Sogar Fritz, der Terrier, bekommt Farbpfoten und viel Beifall, als er damit über den Sargdeckel läuft. Das Gemälde zum Abschied ist fertig.

Was für ein Tag, denke ich, als die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. So friedlich und schön.

Der Boxer

»Na, denn kommse mal rin in die jute Stube. Ick bin nämlich nich’ nur schwach uff de Brust, sondern ooch uff de Beene.« Rainer Grothe zwinkert vergnügt. Er mustert mich – und nickt anerkennend.

Oha! Der hat’s ja faustdick hinter den Ohren, denke ich sofort. Mit sechsundsiebzig. Nach zwei Chemotherapien wegen Lungenkrebs. Je öller, je döller. Aber ich mag sein Grinsen, seine vorwitzige Art. Kein Wunder, dass so einer von sich aus den Kontakt zum Hospizdienst gesucht hat. Als passionierter Selbstdarsteller braucht er sein Publikum.

»Ick war mal Boxer«, erzählt er mir, »im selben Verein wie Bubi Scholz, daher meine eindrucksvolle Erscheinung.« Er klopft sich an die Brust. »Fliegenjewicht.«

Ich muss lachen. Das gefällt ihm, und er wirft sich ins Zeug.

»Sehnse mal, da unten, det is mein bestet Stück.« Wir stehen vor dem Wohnzimmerfenster, er deutet hinunter auf die Straße. »Der tieferjelegte Blaue mit dem großen Adler auf der Motorhaube. Jefällt er Ihnen?«

»Das ist Ihr Auto? Nicht schlecht!«

Vor allem passt es hervorragend zu dem Jeansanzug, den der Ex-Boxer heute trägt – vermutlich eigens meinetwegen. Um jugendlicher zu wirken.

»Ja, so’n schönet Jefährt hat nich jeder.« Er nickt, zufrieden mit sich und der Welt. »Dazu ’ne schöne Frau – denn bin ick glücklich.«

Sein verschmitztes Lächeln sorgt dafür, dass ich ihm nicht böse sein kann, trotz der Machosprüche.

Als er beim Hospizdienst seine Begleitung anforderte, hat er sofort seine Bedingungen aufgezählt: Nur eine Frau durfte es sein, und keinesfalls älter als fünfzig! Das weiß ich – und finde es nicht schlimm. Schließlich bin ich nicht auf den Mund gefallen.

»Ick habe mich ooch mal bei ’ner Heiratsvermittlung beworben«, vertraut Rainer Grothe mir am späteren Nachmittag an. »Und wissense, wat die mir jeschickt haben? ’ne Siebzigjährige! Na, wat soll ick denn damit?!« Er streckt sich in Positur und streicht die Jeansjacke glatt. »Nee, nee. Die Frau hab’ ick gleich wieder nach Hause jeschickt. Seh’ ick etwa aus wie siebzig?!« Er beugt sich vor, und seine strahlend blauen Augen fixieren mich. »Nu sagense mal!«

Ich muss schon wieder lachen. »Sechzig hätte ich Ihnen gegeben, keinen Tag mehr.« Er sieht ja tatsächlich gut aus, ist schlank und hat trotz der Chemo inzwischen wieder volles Haar.

»Na, sehnse!« Er nickt zufrieden. »Det is der Boxer in mir. Der hält einen jung.«

Ich weiß inzwischen, dass er im Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft geriet und dass der Traum von der Boxerkarriere danach ausgeträumt war. In der neu gegründeten DDR hatte er anfangs im Fleischkombinat gearbeitet. Danach reparierte er Hunderte von Waschmaschinen, dreißig Jahre lang.

»Ick habe Jott und die Welt jekannt«, versichert er mir. »Ick hatte Verbindungen!« Ein bedeutsamer Blick, hochgezogene Brauen. »Et jab Zeiten, da hätt’ ick Ihnen allet besorgen können!« Wieder dieses vertrauliche Zwinkern. »Und det ham die Hausfrauen in Anspruch jenommen. So’n Boxer, der is wendig!« Selbstbewusstes Nicken. »Ick kann Ihnen Jeschichten erzählen …«

Und er erzählt. Immer charmant, witzig, unterhaltsam. Ich lausche fasziniert, wir lachen sehr viel. Die Zeit vergeht wie im Flug, jeden Dienstagnachmittag von eins bis sechs.

»Mensch, könnse denn nich’ öfter kommen? Vielleicht zweimal die Woche?« Er hilft mir in den Mantel und legt ganz beiläufig den Arm um meine Schultern. »Wär’ doch schön. Wir unterhalten uns doch so jut …«

Ich drehe mich aus der Umarmung und greife meine Tasche. »Ach nein, das lassen wir doch mal lieber.«

Er schmunzelt. »Dacht’ ick mir schon. Macht nüscht.«

»Bis nächsten Dienstag.« Ich nicke ihm zu.

Er hebt den Zeigefinger. »Aber wennse jetzt runterjeh’n, denn machense mal recht viel Krach! Dann denken die Nachbarn, Sie wären meine Freundin.«

Da muss ich schon wieder lachen. Aber ich tue ihm den Gefallen und lasse die Absätze klappern.

Ein anderes Mal fragt er mich plötzlich zwischen Tür und Angel: »Wat verdiense denn so bei dem Job?«

Ich bin schon ein paar Stufen tiefer, drehe mich noch einmal um. »Nichts«, sage ich und zucke die Achseln. »Das ist ehrenamtlich.«

Er steht oben auf dem Treppenabsatz und hat die Daumen lässig in die Hosentaschen eingehakt. »Na, Sie ham wohl beim lieben Jott wat jutzumachen?!«

»Wie man’s nimmt«, sage ich. »Das Leben ist ein Kreislauf. Es gibt Zeiten, in denen man gibt, und andere, in denen man nimmt. So sehe ich das.«

Jetzt nickt er nachdenklich. »Damit kann ick leben.« Dann nach einer kurzen Pause: »Wenn ick Ihnen nu aber wat schenken möchte?«

»Sie könnten etwas für die Malteser spenden«, schlage ich vor.

»Na, aber da ham Sie doch nüscht von!«, protestiert er. »Und sonst? Ick kann ja nur bis zum nächsten Supermarkt loofen, und die Blumen, die’s da jibt, die wollnse nich’ haben! Die wer’n inner Plastiktüte verkooft.«

»Ich will gar nichts haben«, versuche ich ihn zu beruhigen. »Es macht mir Spaß, Sie zu besuchen. Ich tue das gern.«

»Na, det weeß ick doch!« Jetzt kehrt das selbstbewusste Grinsen zurück. »Meine Jesellschaft is’ Jold wert! Aber trotzdem. Ick muss mir doch ooch mal revanchieren.«

Seitdem möchte er mir immer etwas Gutes tun. Einmal spendiert er mir einen Ausflug ins »Rübezahl«, einem Lokal am Müggelsee. Bis zu seinem »Jefährt« mit dem Adler auf der Haube gehen wir Arm in Arm. Er trägt seinen Jeansanzug und hält sich sehr gerade. Es ist kaum zu merken, dass ich ihn stützen muss.

»Ick werde doch nich’ mit so’m Karren rumbollern, wenn ick mit ’ner kessen Biene unterwegs bin!« Gemeint ist sein Rollator, mit dem er sich keinesfalls auf der Straße zeigen will.

Danach kutschiert er mich, und mir ist ein bisschen mulmig zumute. Aber es geht alles gut. Wir haben einen vergnüglichen Nachmittag, sitzen zusammen unter dem Sonnenschirm, und er erzählt mir, wie er im Krankenhaus nach der Chemo bereits im Sterben lag. »Mensch, jing mir det schlecht! Aber denn kam diese Ärztin rein, ’ne junge, schöne Russin!« In seine Augen tritt ein Strahlen. »Frau Doktor, hab’ ick jesagt, ick habe mich eben in Sie verliebt. Und sie sagt: Wernse erst mal wieder jesund.« Er schmunzelt. »Na, denn bin ick eben wieder jesund jeworden. Aber sie wollte leider trotzdem nüscht anfangen mit so’m ollen Boxer.« Er schüttelt den Kopf, seufzt.

Natürlich ist er nicht gesund, das wissen wir beide. Aber er klagt nie. Wenn ich ihn frage: »Na, wie geht’s Ihnen denn?«, sagt er: »Wie soll’s schon gehen? Ick bin jesund.« Jedes Mal.

Nur die Sache mit dem Revanchieren lässt ihm keine Ruhe.

An einem unserer Dienstage, als ich gerade gehen will, hält er mich am Arm fest. »Wartense mal, ick habe endlich een jutes Jeschenk für Sie jefunden.« Er langt ins Regal und überreicht mir ein sehr schmales Päckchen.

»Scheibenwischerblätter«, lese ich die Beschriftung vor.

»Jenau. Die passen bei Ihnen.« Er scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. »Ick habe aus’m Fenster jeguckt und Sie ins Auto steigen sehen. Ick kenne Ihr’n Wagen. Die passen garantiert. Und es wird höchste Zeit, dass Se mal neue dran machen. Det janze Auto is’ ’ne Katastrophe.« Da muss ich schon wieder lachen.

Bald darauf stirbt Rainer Grothe. Es ist jetzt schon einige Jahre her, und ich habe seitdem viele Menschen begleitet. Mein Auto habe ich inzwischen gewechselt. Aber immer, wenn es während der Fahrt regnet, lächle ich.

Abschied

Im Hausflur fällt mir sofort Martinas überquellender Briefkasten auf. Kein gutes Zeichen.

Auf meine Anrufe hat sie nicht reagiert. Während ich immer wieder ihre Nummer wählte, stellte ich mir ihr uraltes Telefon vor, versteckt hinter einem Schutzschild aus Pappe, wegen der Strahlung. Martina ist Anthroposophin. Ich habe mir ausgemalt, wie das Telefon in ihrem kargen Wohnzimmer schrillt und schrillt. Warum nimmt sie nicht ab? Ist ihr etwas zugestoßen? Oder hat das alte Ding nach all den Jahren schließlich seinen Geist aufgegeben?

Das ungute Gefühl verstärkt sich, als ich aus Martinas Briefkasten herausklaube, was ich zu fassen bekomme: Post, Zeitungen und Werbung von mindestens drei Tagen. Es ist so gar nicht ihre Art, sich nicht darum zu kümmern. Ich steige die Treppe hoch in den dritten Stock. Klingele einmal, zweimal, dreimal. Hinter der Wohnungstür rührt sich nichts. Dabei sind wir montags immer verabredet. Meine innere Unruhe wächst. Was soll ich tun? Vielleicht die Nachbarin fragen?

Schließlich rufe ich die Koordinatorin des Hospizdienstes an. Die setzt sich mit Martinas Tochter in Verbindung. »Frau Demski kommt mit dem Wohnungsschlüssel«, teilt sie mir fünf Minuten später mit.

Die Tochter also, Daniela. Martina nennt sie Dani. Ich bin ihr nie begegnet. Martina war immer allein, wenn ich sie besucht habe. Sie hat mir von ihrer Tochter erzählt, hat oft auf sie gewartet. Aber Dani ließ sich nur selten blicken. Es ist ein schwieriges Verhältnis zwischen den beiden.

Nun kommt sie, notgedrungen. Und bringt ihre Lebenspartnerin mit. Ich erkenne sofort, dass die eine gebraucht wird, damit die andere sich an ihr festhalten kann. Dani wirkt scheu, schmal, unauffällig, fast ein bisschen rehhaft. Ganz und gar unentschlossen steht sie vor mir, den Blick gesenkt. Offenbar traut sie sich nicht hinein in die Wohnung ihrer Mutter.

Also ergreife ich die Initiative, nehme ihr den Schlüssel aus der Hand und schiebe ihn ins Schloss. Ich bin ein zupackender Mensch. Danis Zaudern vor dem Ungewissen macht mich noch energischer. Nun hebt sie endlich den Blick, und ich entdecke so etwas wie Erleichterung darin.

In der Wohnung ist es sehr still. Das Geräusch meiner Schritte kommt mir laut vor, sogar das eigene Atmen höre ich überdeutlich. »Martina?!«

Keine Antwort. Nur ein Hupen von der Straße.

Dann wieder Stille.

Die Küche menschenleer. Jedes Ding an seinem Platz. Es gibt ja sowieso nur das Nötigste, das ist Teil von Martinas Philosophie. Kaum Möbel, keinerlei Schnickschnack. Sie ist streng zu sich selbst und ebenso streng zu anderen. Gut möglich, dass es diese harte Haltung ist, die ihre weiche Tochter so abschreckt.

Auch das Badezimmer liegt verlassen. Im Waschbecken ein paar seifenverkrustete Strümpfe, die aussehen, als wären sie einmal nass gewesen.

Martina liegt im Wohnzimmer auf ihrer Matratze. Ein richtiges Bett fand sie immer überflüssig, die Matratze liegt auf dem Boden. Ihr Kopf ist über die Kante nach hinten gekippt, so dass die Haare fast die Dielen berühren. Die Augen sind weit geöffnet. Sie liegt da, als ob sie noch jemanden erwartet. Aber der Blick ist gebrochen. Ich weiß sofort, dass sie tot ist.

Dani verharrt im Türrahmen. Sie klammert sich an die Hand ihrer Freundin, den Blick auf die breite, hölzerne Türschwelle gerichtet. Dann wendet sie sich ab und zieht die Freundin mit sich in die Küche. Es kommt mir vor, als wolle sie ihre tote Mutter gar nicht sehen. Als habe sie immer noch Angst vor ihr, oder vielleicht jetzt erst recht.

Wir wählen den Notruf.

Von einem der Polizisten, die zusammen mit der Feuerwehr eintreffen, erfahren wir, dass es wohl schon zwei Tage her sein muss, seit Martina ihren letzten Atemzug getan hat. Dann wäre ihr Todestag der 29. Februar gewesen.

Dani sitzt auf dem einzigen Küchenstuhl. Ihr Zeigefinger zieht Schlangenlinien auf der Tischplatte. Hinter ihr steht die Freundin, beide Hände auf Danis schmalen Schultern.

»Karin Bender hat vor ein paar Tagen bei uns angerufen, eine Bekannte von Martina.« Die Freundin sieht mich an. Ich habe ihren Namen vergessen, das fällt mir jetzt erst auf. Aber ich nicke. Karin Bender ist mir ein Begriff. »Sie hat gesagt, dass Martina nicht ans Telefon geht. Dass es ihr vielleicht nicht gut geht. Ich hab’s Dani gleich gesagt.«

»Aber ich wusste ja, dass Sie heute kommen«, ergänzt Dani schnell. Es klingt nach dem, was es ist: eine Entschuldigung. Sie hat sich nicht durchringen können, nach ihrer kranken Mutter zu sehen, wie schon so oft.