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Stefan Kiesbye

 

Fluchtpunkt

Los Angeles

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Erste Auflage Februar 2015)

© 2015 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Stephan Naguschewski

Umschlaggestaltung: ars vivendi verlag unter Verwendung eines Fotos von © pattyfly / photocase.de

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-566-3

 

Für Sanaz

 

Tokio – Los Angeles

Narita Airport. Das Taxi, ein Nissan mit weißen Häkelbezügen, hält vor Singapore Airlines. Gray erhält sein Handgepäck und beschließt, eine letzte Zigarette zu rauchen, greift nach dem tragbaren Aschenbecher und zieht dabei sein Cradle aus der Tasche, das sofort, wie aus tiefer Sehnsucht heraus, in seiner Hand vibriert.

Es ist Archer. Gray zögert, lässt das aufgerollte Gerät zurück in seinen Mantel gleiten und fischt nach den Seven Stars. Der Himmel ist von einer nachlässigen Seifenwasserfarbe. Es hat seit vier Tagen nicht geregnet.

Gray trägt eine gerahmte Zeichnung in seinem Handgepäck, das Geschenk eines Künstlers voller Dankbarkeit und Missverständnisse. Die Zeichnung zeigt ein Haus mit einem Auge im Giebel, eine harmlose Ablenkung, fachmännisch ausgeführt, leicht zu kopieren und zu vervielfältigen. Die Art von Zeichnung, die sich zur Produktion von Servietten, Tellern, Gläsern und Stofftieren eignet. Die acht Gemälde, die nach Los Angeles geschickt wurden, sind komplexer, voller kindlicher Figuren und den Monstern, die sie sich erträumen. Der Künstler war ein guter Fund – bekannt genug, um keinen Verdacht zu erwecken, und eifrig genug, um nicht zu fragen, warum eines seiner Werke auf eine alte Leinwand gemalt werden musste.

Im Flugzeug setzt sich Gray in die Businessklasse. Was er sein Befinden nennt, macht Economy unerträglich, er hat es probiert. Gray nimmt eine Kontaktlinse aus ihrem Kunststoffbehälter, sie ist ein Geschenk des Künstlers, eine der neuen, verbesserten Linsen, die den Benutzer mit seinem Cradle verbinden. Wenn man wissen möchte, wer Nachrichten in der Life Management Platform hinterlassen oder wer in der Lobby auf die Wände gekritzelt hat. Namen und Gebrauchsanweisungen sind auf Russisch, aber die Linse wurde in Nordkorea hergestellt. Sie ist in der Beta-Phase, hat ihm der Maler erklärt, aber technologisch bereits überholt. Neue Modelle machen ein externes Empfangsgerät überflüssig.

Grays Cradle, synchron geschaltet und um sein Handgelenk gelegt, berichtet ihm, dass die Frau in der gepolsterten Jacke Sarah Willard ist, eine Schauspielerin, und verbindet ihn dann mit IMDb. Es werden ihm auch Nacktfotos angeboten, aber er lehnt ab.

Der International Herald Tribune bringt einen Artikel über eine neu entdeckte Computer-Hydra, die Millionen von Computern weltweit infiziert hat. Niemand ist sich sicher, was ihr Zweck ist, und ein neuer Ableger namens »Faildrucker« hat sich in Google-Additt Computer, Telefone und Cradles eingeschlichen. Gray ist mäßig interessiert. Er nimmt zwei Valium.

Und dann L.A. Palmen und gelblicher Dunst rauben ihm den Blick auf die Innenstadt. Im Parkhaus holt Gray seinen Loc8-Schlüsselanhänger hervor, den ihm Drehbuchautor John Kerr geschenkt hat, findet mit dessen Hilfe seinen Lexus, stellt sicher, dass alle Reifen noch Luft haben. Es sind zweiundzwanzig Grad an einem gepflegten Tag, es ist erst elf Uhr, die Auffahrt zur 405 ist aus irgendeinem Grund geschlossen, keine Arbeiter sind zu sehen, und trotz der Umleitung ist er in fünfundzwanzig Minuten in der Spring Street. Irgendwo im Gebäude kläfft ein Hund. Seine Wohnung ist hoch versichert, die Wände sind mit Radierungen, Zeichnungen und Ölgemälden von Künstlern behängt, die er sich heute nicht mehr leisten könnte. Das Schlafzimmer sieht genauso wie in seiner Erinnerung aus, und das hebt seine Stimmung nicht. Er hat hier zu lange gewohnt, alles sieht wie eine Fälschung aus.

Er zieht die Jalousien runter und kriecht ins Bett, obwohl er weiß, dass er bis zum Abend warten sollte, und er wacht erst auf, als Jenny ihren Fuß in seinen Schritt schiebt und sagt: »Es waren keine Parkplätze frei, ich musste laufen.« Gray hat fast eineinhalb Tage verpasst. Es ist neunzehn Uhr an einem Freitagabend Ende April.

Als sie aufs Dach hinaustreten, knistert der Himmel zornig. Zwei Hubschrauber richten Suchscheinwerfer auf die Straßen, und es ist wieder das Apartmenthaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, vor dem der tiefergelegte Caddy steht und in dessen Foyer jeden Abend schlecht gekleidete Mittzwanziger Billard spielen. Einer der üblichen Jungs sitzt in Handschellen auf dem Bordstein und schreit auf die Polizisten ein. Fünf Streifenwagen blockieren den Verkehr, und ein paar koreanische Jugendliche zeigen mit Fingern auf einen Infiniti. Zuschauer haben sich auf Balkonen und in offenen Fenstern versammelt. Gray befingert sein Cradle, biegt und wendet den Bildschirm, fragt sich, ob er schon eine Nachricht über diesen Vorfall bekommen hat, während sich noch alles vor seinen Augen abspielt. Nicht unwahrscheinlich. Ein paar Leute tragen ihre Cradles am Arm oder wie ein Stirnband. Sie filmen die Szene für ihre Channel, drehen ihre Köpfe hierhin und dorthin. Sie sind des Spektakels noch nicht überdrüssig, produzieren Erinnerungen, die sich Gray später am Abend in privaten Nachrichtensendungen anschauen kann. Ein paar Einkaufswagen mit schwarzen Plastiktüten rollen durchs Bild. Die verdreckten Gestalten nehmen von Lärm und Unruhe nichts wahr.

Gray setzt die Kontaktlinse ein, und mehrere Gebäude in seinem Umfeld sind bereits virtuell verschönert worden. Es ist immer noch teuer und meist nur für kleinere Projekte erschwinglich, aber einen Block entfernt hat sich der Betonklotz in ein französisches Schloss verwandelt, und das Gebäude nebenan zeigt eine beeindruckende Reihe von Türmen und üppige Dachgärten. Es bietet Betrachtern auch die Möglichkeit, es in Manhattans Chrysler Building umzuwandeln. Der Trick ist, die Abmessungen kompatibel zu machen. Nachtclubbesitzer, die sich an Versailles oder den Höhlen von Carlsbad versuchen, geraten in Gefahr, verklagt zu werden, wenn sich ein Gast an einem virtuell eliminierten Betonpfeiler den Kopf einrennt. Starbucks hält russische und chinesische Innenräume auf Fingerklick oder Voice Command bereit.

Fast jede Nacht, die sie mit ihm verbringt, besteht Jenny darauf, aufs Dach zu gehen, trotz seiner Angst, vom trockenen und rissigen Himmel aufgesogen und aufs Meer hinausgefegt zu werden. Er hat zwei Stühle die Holztreppe hinaufgeschleppt, zieht ihr die Sandalen aus und legt ihre Füße in seinen Schoß. Er sieht sie durch seine Kontaktlinse an, nichts passiert. Nicht einmal ihr Name taucht auf seinem Cradle auf. »Wie geht es Anton?«

»Er lässt dich grüßen.« Ihr Gesicht zeigt Konzentration oder Ekel, er ist sich nicht sicher. Auf ihrem linken Fuß kriecht eine Schlange in verschiedenen Blau- und Grünschattierungen über ihren Knöchel und auf ihre Zehen zu. Die dritte und vierte Zehe spalten ihre Zunge.

Jenny macht sich an die Arbeit, er macht sich nichts aus ihren Händen oder ihrem Körper. Sein Befinden fürchtet sie. Gesicht, Arme und Beine sehen künstlich hergestellt aus, und sie hat ihm bestätigt, dass sie es sind. »Ich hatte neunzehn Modifizierungen, bevor ich mit der Highschool fertig war.« In jeder ihrer Geschichten ist Jenny jemand anderes, ihre Herkunft wechselt mit der Form ihrer Brüste, ihrer Wangenknochen und Augen. Er hat Beschwerden über den chinesischen Vater von ihr gehört. Manchmal kommt er aus Oaxaca oder Paris. Ihre Mutter ist abwechselnd koreanisch und russisch. Ihr Gesicht ist dieses Mal rund, ihre Nase ausgeprägt, wenn auch nicht groß. Sie muss in ihren frühen Dreißigern sein.

»Sind die Bilder fertig?«

»Er behauptet es«, sagt Jenny, ohne ihre Füße aus den Augen zu lassen. »Er wittert seinen großen Durchbruch.«

Gray bleibt stumm, und Jenny fügt hinzu: »Du glaubst ihm nicht.«

Entlang der Seiten ihrer Arme und Beine hat sie kleinste Leuchtdioden einoperieren lassen und schaltet sie jetzt ein. Blaues Licht zeichnet ihren Körper nach. Der Chirurg gab seinem Eingriff sechs Monate, aber es sind jetzt schon zwei Jahre. Gray hat sie noch nie berührt.

Ihre Zehen arbeiten mit der Kraft und Präzision von Fingern, und sie hat schnell Erfolg. »Du bist so simpel.« Sie lächelt verächtlich. »Er hat ein Angebot bekommen. Wichtige Klienten.«

»Anton?«

»Sie wollen die gesamte Show kaufen.«

»Hat er das Archer erzählt?«

»Natürlich. Sie brauchen deine Hilfe.«

Er knöpft sein Rag-and-Bone-Seidenhemd auf, das er auf einem Kirchenflohmarkt erstanden hat, und legt es um ihre Füße. Sie hat ihm nie ihre Telefonnummer gegeben, er weiß nicht, wo sie wohnt. Er kann sie nicht erreichen, sie erreicht ihn. Die zwei Hubschrauber zerschneiden noch immer den Nachthimmel. Die Nacht kommt nicht zur Ruhe.

 

Long Beach Hafen

»Warum Long Beach?«, fragt Gray in die Stille, die nur undeutlich von Straßenbelag und Reifen akzentuiert wird. Die neueste Mercedes E-Klasse erlaubt einem diese Gelassenheit, komplett mit Lederaroma und dem leisen Verlangen, dass die eigene Wohnung so reich beschaffen sein möge wie ein mittelgroßer deutscher Luxusschlitten.

»Wer weiß. Oh ja, der Hafen. Die Chinesen wollen Anton unter Vertrag nehmen. Große Exporteure. Wir werden sie auf ihrer Jacht treffen.«

»Ich kann das Wasser nicht leiden.« Gray macht sich nichts aus Sonne und Weite, sie lassen ihn ganz klein aussehen.

»Welcher Idiot kann Wasser nicht leiden?« Archer ist Golfspieler und Whiskeyexperte, ein ganzer Mann. Ein Mann, der einem Gemälde beschafft, die nicht einmal Ehefrauen betrachten dürfen. Ein Mann, der einem iranische und irakische Kulturschätze verschaffen kann. Die echten. »Anton ist so begeistert, dass er ein wildes Happening veranstalten wird. Uniformierte Soldaten werden Gäste als Geiseln nehmen und ein Opfer verstümmeln. Gewaltkunst. Ist jetzt groß im Kommen. Wie ging’s in Japan?«

Die Vincent-Thomas-Brücke erscheint in ihrem Blickfeld. Zu ihrer Rechten türmen sich zwei Kreuzfahrtschiffe auf und lachen die Hafendimensionen aus.

»Die Bilder werden in Vernon ankommen«, sagt Gray. »Deins heißt Schläfriges Haus auf einem Hügel

»Anton will dich dabeihaben. Gray Harden, Kunstkenner und Kritiker. Er will es nicht vermasseln. Würde seinen ganzen Scheiß für ein paar Hunderter hergeben. Aber dich kennt man, du gibst der ganzen Angelegenheit Flair. Hab deinen Artikel in der Times gelesen. Musste ein bisschen weinen.«

»Welchen?«

»Den, der meine traurigen, pausbäckigen Mädchen mit ihren Fabeltieren verkaufen wird. Brillant. ›Die einzigartige Mischung aus Langeweile und Sensibilität.‹ ›Die Verletzlichkeit von Unschuld und das Rätsel geheimer Welterfahrung.‹ Mona Lisa und Splenda in einem Atemzug. Meine Künstler haben ihre Preise bereits verdoppelt.«

Ewiger Traum heißt die Jacht, die wie ein monströser Verkehrsbus aussieht. Gray findet den Namen Furcht einflößend. Er legt seine Kontaktlinse ein, und die Jacht verwandelt sich in eine riesige Dschunke mit straffen Segeln – die Arbeit muss ein Vermögen gekostet haben.

Regierungsgebäude dürfen nicht länger virtuell verändert werden, nachdem im vorigen Sommer die Rathausumwandlung gehackt wurde. Statt einer von Metropolis inspirierten und von Rem Koolhaas ausgeführten Zukunftsvision erschienen für zwei Tage riesige Haufen von geköpften Leichen. Die verantwortliche Hackergruppe berief sich auf künstlerische Freiheit, und niemand ist verhaftet worden. Kleinere Projekte sind auch gehackt worden, eine Art Graffiti. Niemand hat Gray über die verschiedenen, berühmt-berüchtigten Hacker befragt. Chintzzy, Babbitt und Amanda Amanda. Was entweder heißt, dass er zu wichtig ist, um Interviews über elektronische Kunst zu geben, oder dass er bereits als obsolet gilt.

Archer macht Gray mit den Klienten bekannt: Brian Lee, Hauptgeschäftsführer des amerikanischen Zweigs von Meng Tiao Shipping, David Shuang, leitender Geschäftsführer, und Sicherheitsbeauftragter Bruce Shan. Andere bleiben ungenannt und stehen nicht auf, die Hälfte von ihnen trägt Cradles, sind tief mit ihnen verbunden. Fahle Gesichter sprechen auf ihre Netzhaut ein. Archer verbeugt sich vor ihren Gastgebern, und Gray folgt seinem Beispiel. Niemand erwartet, dass er ihnen die Hand reicht.

Lee sagt: »Wir sehen uns nach einem zweiten Dock um. Unser Geschäftsaufkommen verlangt es.« Er spricht mit einem starken Akzent, stockend und fehlerlos. Lee sieht gütig aus, ein älterer Herr mit gebeugtem Rücken. Er würde gut in Cordhosen und Strickpullover passen.

Das Boot hat die Anlegestelle bereits verlassen, als Gray seine Bloody Mary serviert bekommt. Es ist zwölf Uhr fünfzehn, die Sonne ist weiß und gestärkt, alles riecht nach Ammoniak. »Haben Sie Kinder?«, fragt Lee.

Gray schüttelt den Kopf. Er besitzt kein Sippen-Gen, das Gen, das angeblich alle Menschen teilen und das ihn menschlich machen würde. »Peter sagt, dass Sie Kunst kaufen wollen?« Er hebt sein Glas, vergisst diese kleine Geste nicht. Lee erhebt das seine und ruft nach seinem Kollegen. Shan bringt einen Ordner an ihren Tisch.

Gray zieht den Ordner zu sich heran. »Warum einen Mittelsmann anheuern?«

»Wir wollen nicht öffentlich auftreten. Das ist nicht ungewöhnlich, oder?«